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Erinnerung an Opfer der Nationalsozialisten: Stolpern mit Kopf und Herz

In Karben wurden gestern fünf Stolpersteine verlegt – und eine Stolperschwelle. Sie sollen an die jüdische Gemeinde Groß-Karben und ihre Synagoge erinnern, die beim Pogrom in der Nacht auf den 10. November 1938 von Nationalsozialisten zerstört wurde.
Rabbiner Andrew Steiman (rechts) spricht ein Gebet. Bilder > Foto: Kim Anh Schaefer Rabbiner Andrew Steiman (rechts) spricht ein Gebet.
Karben. 

„Wer ein Erinnern an diese schreckliche Geschichte nicht mehr für wichtig hält, dem kann ich nur sagen: Gedenken an Tyrannei und Diktatur hat keine Verfallszeit. Wenn man die Menschheit und die Geschichte kennt, weiß man, dass so etwas wieder passieren kann.“ So begrüßt Bürgermeister Guido Rahn (CDU) die Karbener, die gekommen sind, um den während der NS-Zeit verfolgten Juden zu gedenken.

HINTERGRUND Nazis stellten Posten vor Geschäfte

Lange herrschte ein friedliches Miteinander zwischen jüdischen und nichtjüdischen Ortsbürgern Karbens, recherchierten die Schüler der Kurt-Schumacher-Schule.

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Ideologien wie die der Nationalsozialisten rechtzeitig zu unterbinden, sei wichtig, betont Rahn – und dafür müsse man die Geschichte kennen. „Es reicht nicht zu sagen, es wären nur ein paar Wenige, die so denken: Früher waren es auch ein paar, dann ein paar mehr, und irgendwann die Mehrheit.“

Karben möchte erinnern, nicht vergessen. Das zeigte sich gestern ein weiteres Mal deutlich. Insgesamt 56 Stolpersteine sind bereits in der Stadt vor den damaligen Häusern jüdischer Karbener Bürger verlegt – und erinnern an die Schicksale, die diese unter Hitlers Schreckensherrschaft erleiden mussten.

Auch Stadtverordnetenvorsteherin Ingrid Lenz (CDU) betont die Wichtigkeit des Erinnerns. Sie verweist auf die Verpflichtung zum Beistand von Menschen, die vor Verfolgung fliehen müssen – auch in der Gegenwart.

Gunter Demnig heißt der Kölner Künstler, der seit 1993 Stolpersteine verlegt. Mittlerweile sind es über 56 000 Steine in 20 europäischen Ländern; in etwa 1600 deutschen Orten liegen Stolpersteine. Auch Demnig begrüßt die Karbener, bevor er die neuen und vorerst letzten Stolpersteine in der Stadt verlegt. Er erklärt die Idee, die hinter der Aktion steckt: Durch die Messingplatten, die mitten in den Gehweg verlegt werden, werden Passanten auf diejenigen aufmerksam, denen Demnig mit seinem Projekt eine Ehre erweisen möchte.

Zum Lesen verbeugen

Mit der Zeit wird das Messing – und damit die Erinnerung – durch das Darüberlaufen mehr und mehr poliert. „Wer die Inschrift auf den Steinen lesen will, muss automatisch eine Verbeugung machen oder sogar niederknien“, erklärt der Künstler. Die beste Erläuterung des Begriffs „Stolpersteine“ sei von einem Schüler gekommen, erzählt Demnig, der oft mit Schulklassen arbeitet: „Man fällt nicht etwa hin, sondern man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“

In der Heldenberger Straße verlegt Demnig nun fünf Stolpersteine für die Mitglieder der Familie Strauss, über deren Leben Monika Heinz und Marlies Gebhard-Petri vom Karbener Heimatmuseum erzählen: Im März 1936 floh die gesamte Familie, die ein Textilgeschäft betrieben hatte, vor der drohenden Verfolgung nach New York. Obwohl dies noch vor der Reichspogromnacht 1938 geschah, ahnte die Familie längst, was ihnen bevorstehen würde, wenn sie blieben: Einige Monate vor der gelungenen Flucht wurden die Nürnberger Rassegesetze beschlossen.

Wesentlich seltener als Stolpersteine sind die sogenannten Stolper- oder Gedenkschwellen. Dies sind Messingplatten, die etwa die sechsfache Länge eines einfachen Stolpersteins haben und ganzen Opfergruppen gewidmet sind. Die Stolperschwelle, die Gunter Demnig nun in der Heldenberger Straße 10 verlegt, weist auf die Zerstörung der Groß-Kärber Synagoge hin.

Gebet für Angehörige

Über die Synagoge und die jüdische Gemeinde Karbens sprechen Laura Semdner und Greta Barion. Sie besuchen an der Kurt-Schumacher-Schule (KSS) in Karben den Geschichtsleistungskurs von Lehrerin Monika Lenniger.

Werner Giesler, Pfarrer der evangelischen Kirche Klein-Karben, erklärt die Synagoge als einen Versammlungsort ebenso wie Kirchen und Moscheen – und verweist auf die morgenländischen Wurzeln des Christentums im Judentum. „Wer also von einer christlich-abendländischen Gesellschaft träumt, spricht von einem Widerspruch in sich.“

Rabbiner Andrew Steiman hält anschließend eine Gedenkrede auf dem Gelände der Groß-Kärber Synagoge. „Zwar sind die Steine dieses Gebetsortes zerstört worden, aber die Heiligkeit kann man nicht zerstören“, sagt er. „So wurde zwar der Altar der Synagoge zerstört, doch in Form dieser Stolpersteine kommt er nun zurück. Die Steine sind selbst ein Stückchen Heiligkeit.“ Um diese zu spüren, geben sich die heute erschienenen Karbener die Hände. Rabbiner Steiman spricht mit ihnen ein jüdisches Gebet, das traditionell für die Angehörigen Toter gebetet wird. Und schließt mit den Worten „Dieser Ort hat Zukunft, weil er Vergangenheit hat“.

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