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Rhein-Main 1914: Tango-Tee vorm „Heldentod“

Von Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Das Bad Nauheimer Kulturforum trägt dem Ereignis Rechnung, indem es die Situation der Menschen in der Kurstadt um das Jahr 1914 beleuchtet.
Soldaten des Infanterie-Regimentes 116. Diese ausnahmlos bärtigen Vaterlandsverteidiger ließen sich in einem Friedberger Fotoatelier ablichten. Am Ende aller Gefechte gab es natürlich auch in den Reihen dieses Regimentes Opfer.	Repros / Fotos: Corinna Weigelt Bilder > Soldaten des Infanterie-Regimentes 116. Diese ausnahmlos bärtigen Vaterlandsverteidiger ließen sich in einem Friedberger Fotoatelier ablichten. Am Ende aller Gefechte gab es natürlich auch in den Reihen dieses Regimentes Opfer. Repros / Fotos: Corinna Weigelt
Bad Nauheim. 

Am 1. August 1914 hatte das Deutsche Reich Russland den Krieg erklärt, am 3. August war die Kriegserklärung gegenüber Frankreich erfolgt. Doch Tage nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers, Erzherzog Franz Ferdinand, am 28. Juni 1914 in Sarajevo, glaubt im damaligen Nauheim niemand an einen Krieg. Das hat einer der Referenten, der Historiker Herbert Pauschardt, den Berichten der damaligen Zeitungen, unter anderem des „Oberhessischen Anzeigers“ und der „Bad Nauheimer Zeitung“, entnommen.

Pauschardt hat sechs Monate in örtlichen Zeitungsarchiven recherchiert, die Fülle an ortsbezogenen Informationen genutzt. Parallel bietet Günter Simon den Zuhörern Zitate von Dichtern und Denkern.

1914 pulsiert das Leben im damaligen Bad Nauheim. Der Kurort befindet sich in einer bemerkenswerten Entwicklungsphase. Die Zahl der Kurgäste steigt stetig an. Der „Oberhessische Anzeiger“ berichtet am 30. Juni 1914 vom folgenschweren Attentat von Sarajevo, bezeichnet dies als „schweren Schlag“. Doch Kriegsgedanken machen sich noch nicht breit.

 

Heilbad im Aufwind

 

In der Nauheimer Bonifatiuskirche findet ein feierliches Requiem statt, es wird zum Tango-Tee und Golf-Turnier geladen. Für den 20. Juli 1914 wird eine „Italienische Nacht“ im Park und auf den Terrassen angekündigt, es gibt viele Indizien für ein unbekümmertes Treiben. „Das Heilbad ist im Aufwind“, so Pauschardt. Dann wird die Situation zwischen Österreich-Ungarn und Serbien doch mehr und mehr zum Thema der lokalen Presse. Auch die Frage, wo Deutschland nach dem Attentat stehe, keimt auf.

Ende Juli wendet sich das Blatt. Veranstaltungen werden abgesagt, längst laufen die Kriegsvorbereitungen in Deutschland. In Zeitungen ist von Besonnenheit die Rede, auf dass „das Pulver trocken bleibe“.

Noch am Vorabend der österreichischen Kriegserklärung findet im Kurhaus ein Fest statt. Das Programm wird ausgesetzt, das Publikum verlangt nach der österreichischen Nationalhymne, Kriegsbegeisterung macht sich breit. Keiner weiß, was die nächsten Stunden und Tage bringen. Ähnliche Szenen sollen sich in Bad Homburg abgespielt haben. Wird der Kaiser mit Zurückhaltung oder Unterstützung reagieren? Österreich macht mobil.

Hintergrund: Der Konflikt eskaliert

Mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo eskalierten die Konflikte der Großmächte. Österreich-Ungarn stellte am 23.

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Zügig reagiert das internationale Nauheim, verhängt eine Richtschnur für ausländische Kurgäste. Die Bürger sind gehalten, Rücksicht auf Vertreter aller Nationen zu nehmen. Von den etwa 8000 Kurgästen aus dem Ausland kommen allein 4000 aus Russland, dem potenziellen Kriegsgegner. Zudem pflegt Großherzog Ernst Ludwig von Hessen ein gutes Verhältnis zum russischen Zaren. 1910, vier Jahre vor Kriegsbeginn, weilten Zar Nikolaus II. und Zarin Alexandra Feodorowna, eine Schwester des regierenden Großherzogs, in Bad Nauheim zur Kur.

Am 1. August 1914 folgt das Deutsche Reich seinem Bündnispartner zügig in den Krieg. Der allgemeine Fahrplan der Bahn tritt außer Kraft, in Friedberg zeigt das Militär Präsenz. In der Nauheimer Synagoge findet eine Abschiedsfeier für Soldaten statt. Schon am 6. August 1914 werden in Hessen Truppen verabschiedet.

Einkäufe in großen Mengen sind nicht gerne gesehen. Das jüdische Kaufhaus „J. Strauss“ in der Alicestraße gewährt zur Kriegszeit bei Barzahlung zehn Prozent Rabatt. Die Bürger sind misstrauisch, lange Schlangen bilden sich vor den Banken. Jeder will sein Geld abheben. Der damalige Bürgermeister Gustav Kayser richtet einen Appell der Vaterlandsliebe an die Bürger.

Bereits wenige Tage nach Kriegsausbruch macht sich der Konflikt in der Kurstadt wirtschaftlich bemerkbar. Allein 12 Mitglieder der Kurkapellen werden eingezogen, Kinos schließen, Villen, Hotels und Pensionen spüren den Verlust an Kurgästen, klagen über Leerstand. Etwa 2000 Gäste sind Mitte August noch da. Aus Angst vor Spionen werden keine neuen ausländischen Gäste nach Nauheim gelassen. Noch am 25. August sitzen 140 US-Amerikaner fest, werden aber schließlich mit „großem Bahnhof“ verabschiedet.

Anders ergeht es den zahlreichen Russen. In einem Leserbrief wird gar gefragt, ob sie noch „durchzufüttern“ seien. In der Frankfurter Straße 42 - 44 wird ein Militärkurhaus eingerichtet. In insgesamt 40 Häusern stehen 1000 Betten für Kriegsverletzte bereit. Der Dienst an den Bahnhöfen wird von Lehrern übernommen, Schüler hingegen werden als Erntehelfer eingesetzt. Die Folge ist, dass erste Schulen schließen.

 

23-Jähriger ist erster Toter

 

In der Terrassenstraße 12 wird eine Kriegskinderkrippe eingerichtet. So können junge Mütter sich für den Sanitätsdienst ausbilden lassen. Am 10. September rühmt sich Gießen mit dem jüngsten Kriegsfreiwilligen. Der 15-jährige Sohn eines Gerichtsvollziehers hat sich zum Kriegsdienst gemeldet – und wird genommen.

Noch glauben viele an eine kurze Kriegsdauer, wie auch Grußkarten von der Front aufzeigen. „Wir sind Weihnachten wieder zu Hause“ heißt es auf einer Karte. Nicht nur dieser Soldat sollte sich irren. Die erste Todesanzeige für einen Bad Nauheimer Soldaten, den 23-jährigen Gefreiten Karl Aletter, erscheint am 22. August 1914 in einer Zeitung. Zwischen dem 24. und 29. August fallen nahe dem französischen Mouzon zehn Bad Nauheimer bei der Überschreitung der Maas. „Ein Heldentod, wie die damaligen Zeitgenossen glaubten“, so Pauschardt. 215 Soldaten aus der Kurstadt verloren ihr Leben, „In Friedberg waren es wesentlich mehr“, sagt der Historiker.

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