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Traumjob auf Papier und Display

Von Gleich zwei Bad Vilbeler Lektorinnen wurden in den Bundesvorstand ihres Berufsverbands gewählt. Christiane Kauer und Ute Gräber-Seißinger berichten, wie sich ihr Berufsbild rasant wandelt und vor welchen Herausforderungen Lektoren stehen.
Bad Vilbel. 

Im Dachgeschoss ihres Hauses in Massenheim hat Ute Gräber-Seißinger ihr Büro aufgeschlagen. Dicke Bücherwände sucht man vergebens, dafür gibt es ein Stehpult für das obligatorische Notebook. Die Arbeit mit Buchstaben hat sich längst vom Papier gelöst. Seit sie in den digitalen Raum abgewandert ist, hat sich auch das Berufsbild des Lektors stark verändert. Schon deswegen, weil die Buchverlage, was die Entwicklung und Produktion neuer Werke angeht, knauseriger werden.

Info: Ein Forum für Fachgespräche

Der Lektorenverband wurde erst im Jahr 2000 gegründet und möchte seine Mitglieder mit Service, einem Forum für Fachfragen und Weiterbildungen unterstützen.

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Gräber-Seißinger verweist auf ihr elektronisches Buch-Lesegerät, einen „Tolino“. Die Buchverlage gäben tendenziell weniger Geld aus, um neue Werke anzustoßen, konzentrierten sich stattdessen stärker darauf, bestehende Inhalte im digitalen Raum je nach den Anforderungen des Mediums differenziert zu vermarkten. Etwa in Form von E-Books, Internet-Wissensportalen oder Apps. Beim Lektorat werde eher gespart, ergänzt Kauer. „Das Marketing hat da eine ganz starke Vormachtstellung.“

Doch mit diesen Veränderungen haben die beiden Bad Vilbelerinnen wenige Probleme, schon wegen ihrer Berufserfahrung. Vor wenigen Wochen wurden beide in Hamburg in den siebenköpfigen Vorstand des Verbands der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) gewählt. Dort sind 725 Mitglieder organisiert. Gräber-Seißinger vertritt im Vorstand die Funktion der Finanzverantwortlichen des Vereins.

 

Perfektes Deutsch

 

„Perfekte Deutschkenntnisse und ein feines Sprachgefühl werden beim angehenden Lektor als selbstverständlich vorausgesetzt. Bessere Chancen hat man, wenn man sich jenseits der Germanistik fachlich spezialisiert“, so Gräber-Seißinger. „Bücher, Texte, Wörter“ hätten sie schon früh fasziniert, erinnert sich Kauer. Gräber-Seißinger wollte ursprünglich Journalistin werden, doch eine Berufsberaterin riet ihr kurz vor ihrem Abitur ab: nicht familienverträglich.

Dann studierte sie Wirtschaftswissenschaften, machte darin ihren Doktor, ging in die Öffentlichkeitsarbeit einer Bank und war nach einem zweijährigen freiberuflichen Intermezzo im französischen Toulouse sieben Jahre lang als Lektorin bei einem Frankfurter Verlag angestellt. Seit 2001 ist Gräber-Seißinger freiberufliche Lektorin und Übersetzerin.

Auch Christiane Kauer ist seit acht Jahren selbstständig, hatte schon als Kind „eine hohe Affinität zu allem, was man lesen kann“. Sie studierte Buchwissenschaft, parallel dazu arbeitete sie für eine Bank im Personalbereich, schrieb unter anderem Arbeitszeugnisse – „eine insgesamt sehr textlastige Tätigkeit“, räumt sie ein. In der Bankenkrise reifte der Entschluss, Lektorin zu werden.

Beide profitierten davon, dass sie bereits zu Beginn ihrer Selbstständigkeit ein Netzwerk an Kontakten hatten und berufsfachlich nicht mehr am Anfang standen. Lektoren sind aus wohlverstandenem Interesse keine Generalisten. Nicht zuletzt deshalb bietet der VFLL den Auftraggebern seiner Mitglieder eine Lektorendatenbank, in der die Mitglieder, die in ihrer Gesamtheit ein breites Spektrum an akademischen Fächern abdecken, mit ihren Profilen verzeichnet sind.

 

Eigentlich Rohlinge

 

„Es gibt Manuskripte, die sind eigentlich Rohlinge“, berichtet Gräber-Seißinger von manchen Aufträgen aus den Bereichen Unternehmensführung, Management oder Personalentwicklung. Da seien Lektoren schon fast Ghostwriter.

„Da muss man auch sehr viel Interpretationsarbeit im Sinne des Autors leisten“, so Gräber-Seißinger. Neben Verlagen zählen vor allem Banken, Unternehmensberatungen und Werbeagenturen zu ihren Kunden. „Kann ich da mein Herz reinhängen?“, frage sie sich manchmal, wenn sie eine Anfrage von einer Agentur bekommt. Denn es gebe „Brot- und Spaßkunden“.

Der Aufgabenbereich der Lektoren ist stark differenziert in klassisches Buchlektorat – Belletristik, Sachbuch, Fachbuch –, Wissenschaftslektorat, Werbelektorat (etwa von Imagebroschüren oder Katalogen) und Lektorat von Unternehmenspublikationen. In der letzten Zeit klopfen immer häufiger auch Autoren an, die ihre Manuskripte aufbereiten lassen wollen für den stark wachsenden Bereich des Selbstverlags.

Als Beruf müsse man sich den Lektor allerdings gut überlegen, räumt Kollegin Kauer ein. Man benötige einen soliden Erfahrungshintergrund: „Man muss wissen, wie der Verlag oder das Unternehmen tickt.“ Wegen der schwankenden Einnahmen eines Selbstständigen sei auch ein Doppelverdiener-Haushalt von Vorteil.

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