Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 12°C

Erinnerung an frühere jüdische Bewohner: Verneigen vor den Nazi-Opfern

Von Es ist ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte. Engagierte Bürger in Groß-Karben aber erinnern an die früheren jüdischen Nachbarn – so wie dieser Tage bei einer beeindruckenden Führung.
Wenn die Menschen die Inschriften auf den Stolpersteinen lesen wollten, so müssten sie sich quasi vor den Opfern verbeugen, hat der Kölner Künstler Gunter Demnig gesagt: Bei der Führung durch Groß-Karben zeigt sich dieses Bild ständig, während Hartmut Polzer die Schicksale frühere jüdischer Bürger erzählte.	Fotos: Susanne Krejcik Wenn die Menschen die Inschriften auf den Stolpersteinen lesen wollten, so müssten sie sich quasi vor den Opfern verbeugen, hat der Kölner Künstler Gunter Demnig gesagt: Bei der Führung durch Groß-Karben zeigt sich dieses Bild ständig, während Hartmut Polzer die Schicksale frühere jüdischer Bürger erzählte. Fotos: Susanne Krejcik
Karben. 

„Bitte erwarten Sie keinen wissenschaftlichen Vortrag“, warnt Hartmut Polzer. „Vielmehr möchte ich versuchen, Ihnen die Menschen näher zu bringen, die einst unsere Nachbarn waren.“ Dafür haben die Initiative Stolpersteine und der ehrenamtliche Museumsdienst des Karbener Heimatmuseums zu einem Rundgang von der Bahnhofstraße bis zur ehemaligen Synagoge eingeladen: Auf der Spur der Stolpersteine in Groß-Karben.

Bei dem Rundgang standen – als Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung „Legalisierter Raub“ im Kurhaus Bad Vilbel – die menschlichen Schicksale im Mittelpunkt. Die rund 40 Teilnehmer hören still und konzentriert zu, wenn Polzer vor den Häusern, in denen einst jüdische Familien lebten, über deren Schicksale spricht. Er hat mit der Initiative seit 2007 mehr als 100 Einzelschicksale recherchiert.

 

Besuch aus Vergangenheit

 

Nun erklärt Polzer, wie das einstige Zusammenleben von jüdischen und christlichen Nachbarn vor und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten funktionierte. Der Rundgang beginnt am Sportplatz der KSG in der Bahnhofstraße. Auf diesem Platz hätten die jüdischen Cousins Siegfried – Sigges genannt – und Walter Strauss gemeinsam im damaligen Fußballverein SV 1920 gekickt.

 

Zum Thema: 56 von 45 000 Steinen

Stolpersteine seien das „weltweit größte dezentrale Mahnmal“, sagt Hartmut Polzer von der Initiative Stolpersteine in Karben. So hat der Kölner Künstler Gunter Demnig rund 45 000

clearing

Schon bald wird deutlich, dass das alte Groß-Karben rund um die Bahnhofstraße Mittelpunkt des jüdischen Lebens im Ort war. „Das Jahrhunderte alte traditionsreiche jüdische Leben in Karben ist ein Teil unserer Heimatgeschichte“, sagt Polzer. Oft braucht er nur mit der Hand zum Nachbarhaus zu deuten, um über eine weitere jüdische Familie berichten zu können.

Vor dem Haus Bahnhofstraße 47 erzählt er von einer anrührenden Begegnung. Wo heute Familie Ruhl wohnt, lebte bis 1934 die Familie von Isidor und Bertha Kulb mit Kindern Bella und Erich. Ihnen gelang die Ausreise ins südamerikanische Uruguay.

„Plötzlich, über Nacht, war die ganze Familie weg“, habe ein Nachbar erzählt. Im Januar klingelte es nun bei den Ruhl. Vor dem Haus habe eine Nachfahrin der Familie Kulb aus Montevideo gestanden, die mit ihrem Freund und dessen Familie auf Europareise war.

 

Nur Tochter Ruth überlebte

 

„Wir haben sie hereingebeten. Gemeinsam mit Hartmut Polzer haben wir ihr viel über ihre Familie erzählen können“, berichten Gisela und Harald Ruhl, denen das Haus seit 30 Jahren gehört. Sie stünden weiter in E-Mail-Kontakt mit der jungen Frau, erzählt das Ehepaar.

 

Service: Ein Vortrag folgt

Nächste Veranstaltung des Begleitprogramms der Ausstellung „Legalisierter Raub“ ist der Vortrag „Der Verrat an den Menschenrechten: Zur Rolle der Intellektuellen in der NS-Zeit“ von

clearing

Auch ohne solche Zufälle bemühe sich die Initiative immer wieder, persönlichen Kontakt mit Nachfahren von Karbener Juden aufzunehmen, erklärt Hartmut Polzer. „Mit Ruth Junker haben wir vor ein paar Jahren wenigstens telefonieren können, sie war zu diesem Zeitpunkt leider schon erkrankt.“ Im Haus in der Heldenberger Straße 1 lebte Ruth Junker als jüngste Tochter einst mit ihrer Familie.

Nur ihr gelang es mit Hilfe eines Kindertransportes in die Schweiz, den Holocaust zu überleben. Ihre Eltern Bella und Seppel sowie ihre Schwester Margot wurden dagegen im Ghetto Minsk ermordet.

„Beeindruckend, wie viele Details Hartmut Polzer weiß“, sagt Charlotte Jäkel vom Museumsdienst. Sie wertschätze es, „wenn Menschen und Initiativen sich viel Arbeit machen, um mehr über die Schicksale der jüdischen Bürger herauszufinden“, erklärt Bettina Leder-Hindemith, Kuratorin der Ausstellung „Legalisierter Raub“. Es sei erfreulich, „dass so viele Bürger gekommen sind, um etwas darüber zu erfahren.“

Der Rundgang endet in der Heldenberger Straße 10. Dort erinnert ein Gedenkstein an die Groß-Karbener Synagoge. Sie stand dort und wurde im November 1938 in der Pogromnacht angezündet.

Zur Startseite Mehr aus Wetterau/Main-Kinzig

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse