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100 Jahre Erster Weltkrieg: Weltenbrand oder Die Tragik von Tod und Vernichtung

Von Es sind persönliche, Betroffenheit auslösende Erinnerungen an die große Katastrophe Erster Weltkrieg. Die szenische Collage „Weltenbrand“ hat das Publikum in Bad Nauheim gleichermaßen überzeugt und erschreckt.
Ein historisches Dokument ist Teil der Collage mit Michael Bideller (links) und Markus Voigt: ein Soldat trägt einen Gasschutz.	Foto: Corinna Weigelt Ein historisches Dokument ist Teil der Collage mit Michael Bideller (links) und Markus Voigt: ein Soldat trägt einen Gasschutz. Foto: Corinna Weigelt
Bad Nauheim. 

Der Erste Weltkrieg war der Krieg der Großväter oder gar Urgroßväter. Der Hamburger Schauspieler Oliver Hermann hat, angeregt durch Feldpostbriefe und persönliche Notizen seines in jenem Krieg gefallenen Urgroßvaters, angefangen, einen tieferen Blick in diese Zeit zu werfen.

Gemeinsam mit dem Schauspieler Michael Bideller und dem Komponisten und Musiker Markus Voigt bringt er den Schrecken des Ersten Weltkriegs auf die Bühne. Das Resultat heißt „Weltenbrand“, der nun auch das Bad Nauheimer Publikum in der Wilhelmskirche beeindruckte und zugleich tief bewegte.

Auf vergilbtem Papier alter Briefe, in hektisch hingeschriebenen Zeilen offenbart sich die Tragik eines jungen Mannes, der vier Jahre seines kurzen Lebens kreuz und quer durch Europa zog und dabei vermutlich Tod und Vernichtung in unfassbarem Ausmaß erlebt hat. Hermanns Großvater starb vier Wochen vor Kriegsende durch einen Granatsplitter.

Nicht anders erging es Edlef Köppen. Im August 1914 begab er sich freiwillig zu den Waffen, die er von Oktober 14 bis Oktober 18 in allerhöchstem Auftrag als Kanonier, Gefreiter, Unteroffizier, Vizewachtmeister, Offizierstellvertreter, Leutnant der Reserve in West und Ost führte.

Er tat das mit Begeisterung, mit Pflichtgefühl, mit zusammengebissenen Zähnen, aber auch mit Verzweiflung, bis man ihm das Eiserne Kreuz (EK I) verlieh. Köppen überlebte das Kriegsgrauen zwar, starb aber 1939 an den Folgen einer Kriegsverletzung. Aus anfänglichem Stolz wurde bei ihm Skepsis. Köppen landete schließlich kurz vor Ende des Krieges im Irrenhaus.

Seine Erzählungen tragen zur Vorlage des Bühnenstückes bei, eine Collage aus Text-, Musik-, Klang- und Bildelementen. Passagen des expressionistischen Romans „Heeresbericht“ von Edlef Köppen werden mit der Lyrik August Stramms, Briefen von Soldaten, Alltagssituationen und Fragmenten offizieller Militärkommuniques kontrastiert. Das Bühnenbild besteht aus Projektionen wechselnder Motive, die sich aus zeitgenössischen Fotos, Feldpostkarten und Bildern von kriegsteilnehmenden Malern zusammensetzen.

Oliver Hermann schlüpft auf der Bühne in die Rolle des freiwilligen Adolf Reisiger, der von seinen Erlebnissen des Bataillons 1 - 96 an der Front berichtet und alles in seinem kleinen schwarzen Tagebuch dokumentiert. Nette Kameraden an der Front. „Alles wie in einer großen Familie“, beschreibt er noch zu Beginn. Doch schnell erkennt Reisiger, was sich hinter dem Artilleriefeuer und dem trommelnden Feind verbirgt.

Doch wer ist der Feind? Sein Pflichtbewusstsein sagt ihm: „Wenn du ihn nicht tötest, dann wirst du getötet“. Er schwankt zwischen Patriotismus und Kriegsernüchterung. Wie viele Soldaten damals stellt auch er sich Anfang des Jahres 1916 die Frage: „Wie lange dauert der Krieg noch?“ Die ernüchternde Antwort: „Bis er zu Ende ist.“ Mit Selbstverstümmelungen versuchen Soldaten, dem Kriegsgeschehen zu entkommen. Reisiger sieht Kameraden sterben und fasst den Entschluss: „Ich mache den Krieg nicht mehr mit.“

Verbindungen gibt es aber noch viele, der Krieg ist nach 100 Jahren nicht vergessen. Auch der Urgroßvater des Dekans Volkard Guth aus der Wilhelmskirche fiel im Ersten Weltkrieg, zwei Briefe erinnern an seine ersten Kriegstage: „Es sind die einzigen Zeugnisse, dass es ihn überhaupt gab.“ Guths Großvater hat seinen Vater nie kennen gelernt.

Unter dem Titel „Erinnern und Verstehen“ bietet die evangelische Kirche mehrere Veranstaltungen. Für den 4. März 2015, 20 Uhr, lädt das Dekanat Wetterau in die Bad Vilbeler Stadtbibliothek ein. Unter dem Titel „Von Verdun nach Bagdad“ referiert Professor Herfried Münkler. Der Eintritt ist frei.

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