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Bad Vilbeler Polizeisportverein: Wenn Bello nicht pariert

Von Vor 15 Jahren töteten zwei sogenannte Kampfhunde in Hamburg einen Sechsjährigen. Der Vorfall löste bundesweit verschärfte Regelungen zur Hundehaltung aus. Kampfhunde sind seither aus den Schlagzeilen raus, aber das Problem streunender, aggressiver Tiere besteht weiter.
Über die Hürde: Lomex trainiert im Bad Vilbeler Polizeisportverein den Umgang mit Mensch und Hund sowie gehorsames Benehmen. Über die Hürde: Lomex trainiert im Bad Vilbeler Polizeisportverein den Umgang mit Mensch und Hund sowie gehorsames Benehmen.
Bad Vilbel. 

Lomex hechelt in schnellem Rhythmus, die Zunge hängt weit heraus. Der fünf Jahre alte Riesenschnauzer trainiert gerade auf dem Gelände des Bad Vilbeler Polizeisportvereins (PSV) mit Herrchen Mario.

Der meint, es sei nicht die Hitze, die ihn so fordere, sondern sein starker Bewegungsdrang. Trotzdem ist Lomex ein braver Hund, der sich geduldig hinsetzt und auf ein Wort angerannt kommt, sich beim Parcours von anderen Hunden nicht ablenken lässt – und auch nicht jeden Besucher beschnuppert. Lomex, der Riesenschnauzer, ist zwar ein großes Tier, eine Rasse, die auch bei der Polizei oder als Lawinenhund eingesetzt wird – aber er ist kein Listenhund, wie die gefährlichen Hunderassen genannt werden.

Hintergrund: Streitigkeiten unter den Herrchen gemeldet

In Bad Vilbel gibt es derzeit 23 Listenhunde, für die die Ordnungsbehörde eine Erlaubnis erteilt hat, schildert Ordnungsamtsleiter Matthias Stengel.

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Deren Haltung ist nur mit nachgewiesener Sachkenntnis und nach einem Wesenstest des Hundes erlaubt. Diese verschärften Regeln kamen auf, nachdem der Fall des zu Tode gebissenen Hamburger Jungen im Jahr 2000 für Aufsehen sorgte. Hessen hat seit 1997 eine Hundeverordnung, auch diese wurde unter dem Eindruck des tragischen Ereignisses verschärft. Unter kontinuierlicher Einbeziehung der Rechtsprechung fand sie 2003 als „Gefahrenabwehrverordnung über das Halten und Führen von Hunden“ ihre endgültige Form.

Im Regierungspräsidium Darmstadt (RP) wurden Ende vergangenen Jahres 3 321 als gefährlich eingestufte Hunde gehalten: zum einen Hunde, die durch Zucht, Haltung, Ausbildung oder Abrichtung über das natürliche Maß hinausgehende Kampfbereitschaft, Angriffslust oder Schärfe besitzen, so das RP. Die Hundeverordnung vermutet diese Form von Gefährlichkeit für eine Reihe von Hunderassen und listet diese explizit auf. Zum anderen aber gelten auch Hunde als gefährlich, die beispielsweise einen Menschen ohne begründeten Anlass gebissen, extrem angesprungen oder einen anderen Hund trotz erkennbarer artüblicher Unterwerfungsgestik gebissen haben.

 

Wesensprüfung ablegen

 

Die jährlichen Statistiken können dazu führen, dass einzelne Rassen nicht mehr als Listenhunde qualifiziert werden und aus der Verordnung herausfallen oder neu hinzukommen. Beispielsweise wurde der Rottweiler 2009 neu aufgenommen, 2010 wurde der Fila Brasileiro gestrichen. In den vier Jahren zuvor waren für diese Rasse keine Beißvorfälle mehr registriert worden, und die Zahl der nicht bestandenen Wesensprüfungen lag unter drei Prozent. Dennoch gibt es im Alltag immer wieder Konflikte. „Viele Hundebesitzer sehen ihre Hunde als Kinderersatz an – sie lassen die Tiere frei agieren“, sagt Jelena, Mitglied im Bad Vilbeler PSV. Doch die Hunde reagierten rein instinktiv, da helfe nur konsequentes Handeln. Aber viele sagten bloß: „Mein Fifi macht nichts, will nur spielen.“ Vereinsvorsitzende Susanne Repp ergänzt, sie gehe anderen Hundebesitzern aus dem Weg, „die wissen alles besser.“ Sie leine ihren Hund stets an, „die Leine ist der verlängerte Arm des Hundehalters“, betont sie.

Vereinsmitglied Anke ergänzt, die Vorstellung sei völlig falsch, dass jeder Hund jeden anderen verstehen müsse und sie sich ohne Leine beschnuppern sollten. Das gehe nur im eigenen Rudel, sonst gebe es gleich Konkurrenz.

Repp merkt an, oft seien es die kleinen und mittelgroßen Hunde, die größere Tiere anbellten und aggressiv reagierten. In ihrer früheren Heimat Hamburg sei schon 2005 ein Hundeführerschein für jene vorgeschrieben gewesen, die ihre Tiere ohne Leine laufenlassen wollten. „Aus gefahrenabwehrrechtlicher Sicht wäre der Vorschlag eines generellen Befähigungsnachweises sicher zu begrüßen“, kommentiert der Bad Vilbeler Ordnungsamtsleiter Matthias Stengel den Wunsch. „Jeder Hundehalter müsste sich so mit dem sicheren Umgang seines Vierbeiners auseinandersetzen und durch eine Prüfung belegen, dass er seinen Hund unter Kontrolle hat – keine Gefahren von ihm ausgehen.

 

Tiere draußen anleinen

 

Damit könnte gewährleistet werden, dass das Gefahrenpotenzial an beiden Enden der Leine geringer wird und es zu weniger Schadensfällen kommt. Aus Sicht der Stadt Bad Vilbel wäre diese Entscheidung unter Verhältnismäßigkeitsgrundsätzen aber nicht zu rechtfertigen, „da sich die Mehrheit der Hundehalter im sicheren Umgang mit ihrem Vierbeiner auskennt“.

Wolfgang Schmidt trainiert in seiner Niddataler Hundeschule Wetterau seit 20 Jahren Hunde und ihre Halter. „Das Problem sind die, die nicht kommen“, sagt er. Schon ab zehn Monaten können die Jungtiere zum Welpenspiel kommen. Auch Schmidt sieht es als „falsches Verhalten“, Tiere abzuleinen, „weil Hunde sich mit anderen vertragen müssen“.

Halter müssten merken, wenn ihnen ängstliche Passanten begegneten. Dann sollten sie die Tiere anleinen oder dicht an ihrer linken Seite führen, „zeigen, dass sie im Gehorsam stehen.“ Das sei die wichtigste Lektion, die die Hunde zu lernen hätten: Wenn sie frei laufen, beim Rufen sofort zu kommen. Auch vierjährige Hunde aus dem Tierheim könnten noch lernen, „aber etwas schwieriger“.

Oft sei das größte Problem das fehlende Bewusstsein der Halter. Sie suchten Hunde nach dem Aussehen aus, nicht nach dem Wesen und seien total überrascht. Hunde wie der Boardercollie oder der Australian Shepherd müssten ständig beschäftigt werden. Auch die scheinbar niedlichen Jack-Russell-Terrier seien sehr aktiv, würden daher gerne von Reitern mitgenommen.

Im Bad Vilbeler Polizeisportverein, der nichts mehr mit Polizei zu tun hat, wird den Tieren Auslauf und Anregung gegeben: vom Welpenspiel über die Begleithundeprüfung bis hin zu Ausbildungen in der Internationalen Prüfungsordnung mit den Disziplinen Fährtensuche, Unterordnung oder Apportieren. Auf dem Vereinsgelände am verlängerten Hanauer Weg an der Einmündung zum Friedhof Lohstraße sind Interessenten donnerstags ab 17.30 Uhr und sonntags ab 9 Uhr willkommen.

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