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Selbstverteidigung: Wing Tsun Kuen: Gewappnet sein für den Ernstfall

Immer mehr Bürger wollen lernen, sich selbst zu verteidigen. Beim TV Bad Vilbel üben Interessierte von Wing-Tsun-Kuen-Meister Konrad Baier Techniken, mit denen sie sich schützen können. Dabei geht es jedoch nicht nur um das Kämpfen.
So wird’s gemacht: Wing-Tsun-Meister Konrad Baier (in Rot) zeigt seinen Schülern einige wichtige Griffe und Kniffe. So wird’s gemacht: Wing-Tsun-Meister Konrad Baier (in Rot) zeigt seinen Schülern einige wichtige Griffe und Kniffe.
Bad Vilbel. 

In einer Reihe stehen die Schützlinge von Konrad Baier, die Knie gebeugt, die Arme leicht angewinkelt und die Hände nach vorne gestreckt. Langsam drehen sie die Arme nach unten, führen sie zurück an den Körper zur Ausgangsposition. Immer wieder korrigiert Baier einzelne Haltungsfehler. Auch beim Reporter klappt es nach einiger Zeit ganz gut.

„Wing Tsun Kuen besteht aus unterschiedlichen Techniken, die immer wieder geübt werden und flexibel angewendet werden können“, erklärt Wing-Tsun-Kuen-Meister Konrad Baier seinen Schützlingen. „Die richtige Ausgangshaltung ist sehr wichtig, denn sie gibt uns die notwendige Stabilität.“

Anderes Ziel

Einen großen Wert legt Baier darauf, dass er keinen Kampfsport unterrichtet. „Kampfsport funktioniert nach festgelegten Regeln. Zum Beispiel beim Boxen. Beiden Kämpfern sind die Regeln bekannt, sie stehen sich gleichwertig gegenüber. Im Kampf verhalten sie sich entsprechend.“

Konrad Baier (links) korrigiert die Haltung der Hand beim FNP-Reporter. Bild-Zoom
Konrad Baier (links) korrigiert die Haltung der Hand beim FNP-Reporter.

„Selbstverteidigung ist etwas vollständig anderes“, erklärt Baier. „Es gibt eben keine Regeln und fair ist sie auch nicht. Auch das Ziel ist ein anderes: Es geht nicht darum, den Gegner zu besiegen wie ein Sportler im Wettkampf, sondern darum, nicht selbst verletzt zu werden. Wenn sich ein Kampf nicht vermeiden lässt, dann gilt es, den Fluchtweg freizukämpfen und die Gefahr hinter sich zu lassen.“

Daher geht es im von Konrad Baier beim TV Bad Vilbel angebotenen Kurs auch nicht nur um die richtigen Techniken für Schläge und Tritte, sondern vor allem auch um Aufmerksamkeit. „In der Selbstverteidigung gilt, dass ein vermiedener Kampf ein gewonnener Kampf ist. Wenn ich merke, dass jemand auf Streit aus ist, besteht fast immer die Möglichkeit, dem Kampf aus dem Weg zu gehen. Zum Beispiel wenn mir jemand auf der Straße entgegenkommt und es nach Ärger aussieht, wechsle ich rechtzeitig die Straßenseite. Wieso etwas riskieren, wenn man es vermeiden kann?“

Doch manchmal besteht diese Möglichkeit nicht. „Bevor man zur Ultima Ratio, der Notwehr, kommt, sollte man versuchen, die Auseinandersetzung verbal zu vermeiden. Besonders hilft es hier, wenn man Grenzen absteckt“, erklärt Baier. „Klare Ansagen machen: ,Hierher und nicht weiter. Bleiben Sie fern!’“

Um diese Zeit wird trainiert

  Jugendtraining (9 bis 14 Jahre) ist immer dienstags von 17 bis 18 Uhr in der Vereinsturnhalle des TV an der Huizener Straße 22–24.

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Sollte das nicht helfen, hat Baier noch einen Tipp: „Nutzen Sie das Umfeld und bauen sie Druck auf das Gegenüber auf. Rufen sie: ,Hier will mich jemand schlagen. Helfen Sie mir!’. Personen in der Nähe direkt anzusprechen, ist sehr wichtig. Sollte es dann trotzdem zu Handgreiflichkeiten kommen, haben wir schon einen ersten Zeugen. Damit ist klar, dass wir uns nur verteidigen, was für einen Richter später eventuell sehr wichtig sein könnte.“

Die Stirn bieten

Hier gibt es auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Während Männer ruhig zwei, drei Schritte zurückweichen dürfen, sollten Frauen bei einer Belästigung nur einmal die Distanz erhöhen. „Ein stetiges Zurückweichen könnte vom Angreifer bei einer Frau als Schwäche gesehen werden“, erklärt Baier diesbezüglich. „Bleiben sie also am besten stehen und bieten sie ihm die Stirn, wenn sie nicht fliehen können.“

Sollten die Vermittlungsversuche nicht helfen, bleibe nur die Auseinandersetzung. „Natürlich kann man Techniken bis zur Perfektion üben, doch wenig überlebt den ersten Kontakt, sollten wir tatsächlich angegriffen werden“, sagt Baier. Dies nennt man Schrecksekunde. Dabei übernehmen die Instinkte die Kontrolle: Wider besseren Wissens werden zum Beispiel die Arme hochgerissen, um den Kopf zu schützen, anstatt ruhig abzuwarten und den Angriff zu kontern.

Im Wing Tsun Kuen hilft dabei die Grundhaltung. „Wenn wir die Haltung vor Beginn der Auseinandersetzung annehmen, können wir der Schrecksekunde entgegenwirken. Dadurch, dass wir die Arme bereits nach vorne gestreckt haben, werden sie zwar schützend vor dem Kopf gezogen, aber so, dass wir danach handlungsfähig sind. Nun kann unsere Notwehr beginnen.“

Aus dem 18. Jahrhundert

Wing Tsun Kuen wurde im 18. Jahrhundert in China als einfaches Mittel der Selbstverteidigung entwickelt. Die Idee dahinter bleibt auch heute noch aktuell:. „Ziel war es, dass jemand einen körperlich stärkeren Gegner bezwingen kann. Der Trick dabei ist das Einsetzen der Explosivkraft, also möglichst viel Energie in schnell aufeinanderfolgende Schläge einfließen zu lassen“, erklärt Baier.

Geübte Wing-Tsun-Kuen-Kämpfer können aus sehr kurzer Distanz schnell und fest zuschlagen und den Gegner in der Folge mit vielen Schlägen eindecken. „Nach ein paar Monaten Training kommt man bereits auf sechs Schläge die Sekunde, die richtig Guten schaffen sogar elf.“

Ein vernünftiges Selbstverteidigungstraining vermittelt kein Allheilmittel, sondern lehrt den Teilnehmer, sich schnell an die Situation anzupassen. „Jede Situation ist anders. Wenn sie zum Beispiel auf einer Party jemand belästigt, der spürbar betrunken ist, wird es wahrscheinlich nicht nötig sein, ihn durch einen Schlag gegen den Kopf zu Boden zu schicken. Weggehen oder den Angreifer wegstoßen, sollten wir zuerst versuchen. Hier ist die verbale Komponente sehr wichtig, um Grenzen aufzuzeigen und die Gefahr zu entschärfen.“

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