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Bad Vilbeler Schüler: Zum Foltern auf die Streckbank

Wie lebte es sich auf einer Ritterburg? Warum waren im Mittelalter viele Menschen abergläubisch? Und warum liefen vor allem Frauen Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu landen? Antworten auf diese und viele andere Fragen suchte die Klasse P4DeC der Europäischen Schule Rhein-Main in Bad Vilbel auf der Ronneburg im benachbarten Main-Kinzig-Kreis.
Bequem ist das nicht und sollte es auch nicht sein: Sarah probiert die Streckbank aus – auch wenn sie keine Hexe ist. Burgführer David Greaux erklärt Technik und Hintergründe. Bequem ist das nicht und sollte es auch nicht sein: Sarah probiert die Streckbank aus – auch wenn sie keine Hexe ist. Burgführer David Greaux erklärt Technik und Hintergründe.
Bad Vilbel. 

Für ihren Rechercheausflug sind die Schülerinnen und Schüler der P4DeC der ESRM mit ihrer Klassenlehrerin Caroline Hofmann und Frau Walters mit dem Bus zur Ronneburg gefahren. Es hat in Strömen geregnet. „Da habt ihr ja ein richtiges Sch***wetter ausgesucht“, begrüßte ein Mann die Klasse. Er könnte seiner Kleidung nach direkt dem Mittelalter entsprungen sein. „Aber was diese Redewendung über das Wetter mit dem Mittelalter zu tun hat und noch vieles mehr, werde ich euch in den nächsten beiden Stunden ganz genau erklären. Mein Name ist David Greaux und ich übernehme heute eure Burgführung!“ Alle Kinder kichern und lassen sich in die mittelalterliche Welt entführen.

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Streithähne müssen in die Schandgeige

Heute sorgt der Aberglaube im Mittelalter für Kopfschütteln. Aber woher kommt zum Beispiel der Glaube an Drachen? Diese Legende entstand, weil ein Ritter zufällig ein Dinosaurierskelett fand.

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Der erste Stopp ist beim Brunnen der Ronneburg. Die jungen Reporter sind sofort bei der Sache und bombardieren David mit ersten Fragen. „Wie tief ist der Brunnen?“, will der zehnjährige Kaan wissen. Seine Klassenkameradin Maria hingegen fragt, ob der Brunnen denn genauso alt sei wie die Burg selbst. David erzählt, dass der Brunnen mit 96 Metern Tiefe der zweittiefste in ganz Deutschland ist. Aufgrund des harten Basaltgesteins dauerte es 15 bis 20 Jahre, bis der Brunnen fertiggestellt war.

Einmal Ritter spielen: Vincent hängt in einer Rüstung. Bild-Zoom
Einmal Ritter spielen: Vincent hängt in einer Rüstung.

David informiert die Kinder auch darüber, dass es einen zweijährigen Baustopp gab, weil beim Bauen so viele Menschen gestorben sind. „Die Menschen glaubten damals, dass böse Geister ihr Herz stoppten. Dabei raubten die vielen Fackeln den Menschen in der Tiefe schlichtweg die Luft zum Atmen!“ Die Gruppe der Schreiber notiert eifrig das Gesagte auf ihrem Reporterblock.

Die Fotografen zücken ihre Kameras, als David einen Eimer mit Wasser füllt und im Brunnenschacht das Licht anknipst. Die Schülergruppe drängt sich um den Brunnenrand. Jeder will mal auf den Grund sehen! „Alle mal mitzählen! Wie lange dauert es wohl, bis das Wasser unten ankommt?“, ruft David und kippt das Wasser in den Brunnenschacht. Es ist mucksmäuschenstill. Nach Sekunden dröhnt ein lautes Platschen nach oben. Die Klasse jubelt vor Begeisterung. Im Mittelalter hätte es eine solche „Wasserverschwendung“ allerdings nicht gegeben, da zwei Erwachsene eine Dreiviertelstunde in einer Art Hamsterrad laufen mussten, um einen einzigen Eimer Wasser aus der Tiefe zu holen!

Weiter geht es vorbei an der alten Schmiede mit den originalen Werkzeugen über das Burggelände zum Bergfried. Die Schüler erfahren, dass dieser 32 Meter hoch ist. „Der Bergfried passt also dreimal in den Brunnen!“, stellt Niklas fest. „Wie viele Stufen hat der Bergfried eigentlich?“, möchte Lavinia wissen. „Das dürft ihr später selbst zählen! Am Ende der Führung dürfen alle nach oben. Aber jetzt geht es in die Waffenkammer!“, verspricht der Burgführer.

Die Kinder bestaunen Rüstungen, Schwerter, Armbrust und Morgenstern. Einem Schüler fällt auf, dass die Exponate hinter Gittern ausgestellt sind: „Ist das etwa der Kerker?“, wendet er sich an Greaux. Lächelnd verneint der Experte. Die Waffen seien so vor Diebstahl und Beschädigung geschützt. Ein Kerker war im Mittelalter einfach ein Loch im Boden. Jemand, der in den Kerker geworfen wurde, wurde eingelocht. Diese Redewendung hat sich bis heute gehalten.

Gespannt lauschen die Kinder dem weiteren Vortrag von David Greaux. Der 29-jährige Ire weiß auch, dass das Salutieren, ein militärischer Gruß, seinen Ursprung im Mittelalter hat: „Die Ritter haben das Visier ihrer Topfhelme angehoben, um sich als Zeichen des Respekts ihr Gesicht zu zeigen, wenn sie sich begegnet sind.“

Nur wenige Meter weiter steht ein Nachbau einer Streckbank. An den Wänden hängen Folterinstrumente und verschiedene Schandgeigen. David erwähnt, dass die Folterkammer erst viel später für Touristen eingerichtet wurde. Bei der zum Teil über 800 Jahre alten Ronneburg handelte sich nämlich nicht um eine Gerichtsburg, sondern um eine Wohnburg.

Er erzählt weiter, dass das Fehlverhalten von Menschen (Streit, Diebstahl) mit dem Tragen der Schandgeige bestraft oder die Leute an den Pranger gestellt wurden. Dort mussten sie in aller Öffentlichkeit gefesselt zwei Tage bei Wind und Wetter ohne Essen und Trinken ausharren. Jeder, der vorbeikam, konnte den Bestraften anschauen, ihn demütigen und auch mit Gegenständen bewerfen. Es heißt, dass den Menschen am Pranger als sichtbares Zeichen der Beschämung auch eine Glatze geschnitten wurde. Heute kennt man noch die Redewendung, wenn man seiner Strafe entfliehe, kommt man ungeschoren davon.

Einen Zahn zulegen

Der nächste Halt der Burgführung findet in der Küche statt. Ein Feuer knistert. Die Kinder strecken wohlig ihre kalten Hände danach aus. Sie sind froh, nicht wirklich im Mittelalter zu leben, gab es doch damals weder Fenster noch Heizung. Die Kemenate war zu jener Zeit der einzig beheizte Wohnraum einer Burg. In der Schmiede und in der Küche war es zwar auch heiß, aber dort hielt sich keiner der adeligen Burgherren und Burgfrauen auf.

Greaux zeigt auf einen großen Kessel, der an Ketten und einer gezackten Halterung, der sogenannten Kesselsäge, über dem Feuer hängt. Auch hier gibt es eine mittelalterliche Redewendung. David lacht: „Das hast du bestimmt schon gehört, wenn du schneller machen sollst!“ Sophie kennt die Antwort: „Leg einen Zahn zu!“ Greaux gibt ihr Recht. Je mehr Zähne oder Zacken an der Kesselsäge zugelegt worden sind, desto tiefer hing der Topf über dem Feuer, umso schneller war das Essen fertig gekocht.

Damit Lebensmittel länger haltbarer gemacht werden konnten oder um sie vor Mäusen zu schützen, lagerten die Menschen Brot zum Beispiel auf dem sogenannten Brotbaum, der von der Decke hing. Trotzdem verdarben auch damals Lebensmittel.

„Einen Mülleimer gab es damals nicht, aber eine mittelalterliche Lösung und natürlich die dazu passende Redewendung. Ich bin gespannt, ob ihr darauf kommt!“, fordert David die Schülergruppe auf. Alle sehen sich etwas ratlos um, entdecken aber nur ein Loch zwischen Küchenwand und Boden. Hier hilft Frau Hofmann: „Alles Gute kommt von oben!“ „Das stimmt“, fährt Greaux fort, „die armen Menschen, die vor der Burg lebten, warteten unten an der Mauer und sammelten die Essensreste oder gammeliges Gemüse auf, das die Burgleute durch dieses Loch warfen.“

In der „Guten Stube“ erklärt David noch, warum man beim Essen mit Gästen von „Auftafeln“ spricht oder weshalb jemand „den Löffel abgibt“, wenn er stirbt. Gegen Ende des Rundgangs kommt die Klasse an der mittelalterlichen Toilette vorbei: Abflussleitungen gibt es nicht, das verrichtete Geschäft fällt also ins Freie.

Deftiger Wetterspruch

Als letztes möchte David wissen, wer sich noch an die allererste Redewendung zu Beginn der Führung erinnert. Viele Hände schnellen nach oben: „So ein Sch***wetter*!“ Bevor sich die Gruppe verabschiedet und den Bergfried erklimmt, erfahren die Kinder, dass die Exkremente der Menschen zur damaligen Zeit zwar ins Freie, nicht unbedingt aber zu Boden fielen. Manches blieb an der Burgmauer kleben. Bei starkem Regen wurde diese sauber gewaschen, jedoch fiel die Sch*** vom Himmel. Von daher heißt es auch heute noch Sch***wetter, wenn es sehr stark regnet.

Geschrieben von der gesamten Klasse P4DeC der Europäischen Schule Rhein-Main in Bad Vilbel

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