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Zum Nachdenken verpflichtet

Von Mit akkurater Bürokratie organisierten die Reichsfinanzämter nach 1933 die Enteignung der Juden. Im Bad Vilbeler Kurhaus gibt es jetzt Einblicke in die Lebensgeschichte von Tätern und Opfern.
Schüler der Karbener Kurt-Schumacher-Schule berichten über verfolgte Karbener Juden vor. Links: Ausstellungsleiterin Katharina Stenzel. 
Fotos: Deul Bilder > Schüler der Karbener Kurt-Schumacher-Schule berichten über verfolgte Karbener Juden vor. Links: Ausstellungsleiterin Katharina Stenzel. Fotos: Deul
Bad Vilbel. 

Es scheine, „als hätte es ihn nie gegeben“, sagt Ausstellungsleiterin Katharina Stenzel, als sie durch die Vitrinen und Schautafeln der Ausstellung „Legalisierter Raub“ im Kurhaus führt. Gemeint ist der 1867 in Vilbel geborene Jude Adolf Goldberg. Von ihm gebe es keine Erinnerungsstücke, keine Fotos, nicht einmal von seinem ehemaligen Haus in der Frankfurter Straße 151. Lediglich ein Stolperstein erinnert dort daran, dass er 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurde.

Info: Raubkunst

Die Ausstellung „Legalisierter Raub“ wird morgen (Sonntag) um 11.30 Uhr im Kurhaus eröffnet. Sie ist bis Sonntag, 30. November zu sehen: dienstags bis freitags von 17 – 19 Uhr, samstags von

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Die Ausstellung „Legalisierter Raub“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Fritz-Bauer-Instituts (Frankfurt), der Sparkassen-Stiftung, des Hessischen Bildungs- und Wissenschaftsministeriums und des Hessischen Rundfunks – aber an allen Orten soll auch die lokale Geschichte erzählt werden. Bad Vilbel und Karben haben sich dafür zusammengetan, in Karben unterstützt Hartmut Polzer von der Initiative Stolpersteine das Projekt.

 

Biografien vorgestellt

 

Schüler des Geschichtsleistungskurses der Karbener Kurt-Schumacher-Schule stellen Biografien der verfolgten Juden vor. Doch zu sehen ist wenig, gerade in Bad Vilbel gibt es keine Erinnerungsstücke, nur Fotos und Dokumente der Bürokratie. Ihr gewidmet ist eine Ecke mit einer historischen Büro-Installation.

„Geschichte ist mehr, als auf den Friedhof gehen“, betonte Thomas Wurzel, Geschäftsführer des Mitveranstalters Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen. Gefragt sei „aktive Arbeit, damit eine solche Ausgrenzung nicht mehr geschieht“. Neben den Bürokraten seien es ganz normale Bürger gewesen, die von der Vertreibung der Juden profitierten, erläutert Wurzel und zitiert einen Brief: „Da mein Sohn außerordentlich begabt ist . . . bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu überlassen“.

Noch nach dem Krieg habe es in Hessen 350 Synagogen gegeben, in den Sechzigerjahren seien zwei Drittel verschwunden. So auch in Bad Vilbel. Rafael Zur, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Bad Vilbel, sorgte für Misstöne bei der Ausstellungspräsentation, als er darauf verwies, es gebe in der Stadt keinen Ort der Erinnerung (siehe auch unten stehenden Artikel). Der erste Nachkriegsbürgermeister Bruder habe sich die leerstehende Synagoge als Privatbesitz einverleibt.

 

Zur sorgt für Misstöne

 

„Zu einer Stadt gehört auch die Geschichte, auch Erfahrungen und negative Beispiele“, betonte Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU), der Zur versicherte, er sei „sehr auf Ihrer Seite“, doch könne die Stadt keine Synagoge bauen. Karbens Kulturstadtrat Philipp Leonhardi (CDU) ergänzte, seine Stadt sei mehr als Bad Vilbel auf ehrenamtliche Arbeit angewiesen. Er nannte Hartmut Polzer, dessen Initiative 56 Stolpersteine verlegte, sowie Monika Rhein, deren Geschichts-Leistungskurs an der Schumacher-Schule zahlreich vertreten war.

Dauerausstellung zum jüdischen Leben in Bad Vilbel liegt ...

Während die Stadt mit der Ausstellung „Legalisierter Raub“ ausführlich der Judenverfolgung gedenkt, ist ein anderes Vorhaben in Vergessenheit geraten.

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Ohne Manuskript wussten die Schüler die Lebenswege verfolgter Juden zu referieren, wie Siegfried Wechsler, den erst beim Novemberpogrom misshandelten, dann 1942 deportierten und verschollenen Inhaber der Siegfried-Quelle.

Doch am tragischsten sind die alten Akten aus dem Reichsfinanzamt, die in knappen, kalten Worten Lebenswege und deren Liquidation bilanzieren. Die Deportierten mussten ihr Hab und Gut auflisten. Eine Tabelle verzeichnet die Worte „mit“ und „ohne“, ob die Deportierten Vermögen besaßen oder nicht. Das letzte Dokument über das im Jahr 1942 in der Region Lublin ermordete Vilbeler Ehepaar Heinrich und Clara Grünbaum enthält in Tintenschrift den Vermerk „Akten weglegen“.

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