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Buchmessen in Frankfurt: 10 Bücher, die es sich diesen Herbst zu lesen lohnt

Buchmesse in Frankfurt: Aber was soll man jetzt eigentlich lesen? Wir haben zehn Bücher gefunden, die nicht nur angesagt, sondern auch wirklich lohnenswertes Lesematerial sind.
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1 Dieter Borchmeyer: „Was ist deutsch?“. Rowohlt Berlin.

Kaum ein anderes Volk hat sich so intensiv und nachhaltig darüber den Kopf zerbrochen, aus welchem Stoff es gemacht, wie seine Seele gestrickt sei. Gibt es wirklich eine spezifisch deutsche Tiefe? Ist der Deutsche zum moralischen Erzieher des Menschengeschlechts berufen? Aber warum stieß er die Welt dann in den tiefsten Abgrund? Grübelt der Deutsche gern? Oder vernebelt ihm nur das Bier das Gehirn? Warum ist der Deutsche romantisch? Wie kam er je auf die Idee, seine Nation sei auserwählt? Sind Bach, Schubert und Beethoven typisch deutsche Musik? Wenn ja, warum? Dieter Borchmeyer unternimmt auf 1000 Seiten eine weite Reise, um die Antworten von Fichte, Wagner oder Thomas Mann zu sichten.

2 Leïla Slimani: „Dann schlaf auch du“. Luchterhand-Verlag.

Wenn doch einem deutschen Autor mal ein so kraftvolles, mitreißendes, erschütterndes Buch gelänge wie der 1981 in Marokko geborenen Französin Slimani. „Dann schlaf auch du“ wurde in Frankreich mit dem wichtigsten Preis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Die Geschichte kommt aus dem Zentrum unserer Zeit, sie stammt aus dem realen, unverstellten Leben. Zwei Welten prallen unmittelbar aufeinander: die der urbanen, gut betuchten Pariser Mittelschicht in Gestalt einer modernen jungen Familie, und die des Prekariats, der sozialen Absteiger. Dass die Nanny die zwei kleinen Kinder von Myriam und Paul ermorden wird, wissen wir von Anfang an. Aber wie es dazu kommt, das ist so großartig erzählt, dass uns der Atem stockt.

3 Daniel Kehlmann: „Tyll“. Rowohlt-Verlag.

Seit der „Vermessung der Welt“ wird jeder neue Roman von Daniel Kehlmann mit Spannung erwartet. In diesem Jahr erscheint ein frisches Werk just während der Buchmessen-Tage. Schon ward die Befürchtung laut, man werde auf den Partys mehr über Kehlmann als über den neuen Buchpreisträger, der heute Abend erwählt wird, reden. Nun ja. „Tyll“ erzählt vom legendären Schalk Till Eulenspiegel, der im 14. Jahrhundert seine Possen riss und vom 30-jährigen Krieg, der bekanntlich – genau: 300 Jahre später tobte. Kehlmann geht es also nicht um historische Fakten, sondern wieder einmal um ein Spiel mit Fiktionen, Spiegelungen und Verweisen, um Kulissenschieberei, die er so gern mit bildungsbürgerlichen Knobeleien würzt.

4 David Constantine: „Wie es war und wie es ist“. Erzählungen, Kunstmann-Verlag.

Der englische Erzähler, 1944 geboren, ist eine aufregende Entdeckung. Ein, zwei Sätze, und man ist mittendrin in jeder Geschichte, will mehr wissen über ihre Figuren: Warum sind sie so, wie sie sind? Was bewegt sie? Jeder Mensch ist ein Geheimnis. Mr. und Mrs. Mercer, so geht die erste Erzählung, leben schon seit Ewigkeiten zusammen. Doch eines Tages gibt es Nachrichten aus seiner Vorvergangenheit. Eine Frau wurde entdeckt, seit Jahrzehnten lag sie im Eis konserviert. Und alles ändert sich – auch die Gegenwart. Nie wird es laut bei Constantine, stets bleibt sein Tonfall dezent, als wolle er seine Figuren nicht stören. Und legt doch Schicht für Schicht ihres Charakters frei. So nahe kommt er ihnen, dass es fast unheimlich ist.

5 Robert Sapolsyk: „Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens“. Hanser-Verlag.

So ausladend und persönlich, wie es amerikanische Wissenschafts-Bücher gern sind, ein Opus Magnum, das sich mit der Frage beschäftigt, warum unsere Spezies zu Gewalt fähig ist – und warum zu Mitgefühl. Biologie und Psychologie, unser Körper und unsere Prägungen, darf man nicht getrennt betrachten. Wir sind gefangen und festgelegt in unseren Genen, und doch haben wir die Möglichkeit zur Freiheit. Sapolsyk führt eine Unzahl spannender Experimente an, bald möchte man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Hinter allem die Frage: Könnten wir bessere Menschen sein, wenn wir wüssten, was uns wirklich antreibt?

6 Ingo Schulze: „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“. S. Fischer.

Schon der kleine Peter Holtz mag nicht glauben, dass nicht alle Menschen das beste für alle wollen, wie es die reine sozialistische Lehre verlangt. Alle mogeln sich durch den DDR-Staat, nur einer geht aufrecht: Peter. Immer wieder bringt ihn das in Konflikt mit dem System, doch immer wieder fällt Peter auf die Füße. Nicht anders ergeht es ihm, als der Kapitalismus nach 1989 das Ruder übernimmt. Wider Willen wird Peter Holtz steinreich, erkennt aber immer deutlicher: Nicht wir sollten dem Mammon dienen, sondern der uns. Eine Gesellschaftskritik in Gestalt eines Schelmenromans, kurzweilig und bedenkenswert.

7 Marc-Uwe Kling, „Qualityland“, Ullstein-Verlag.

Der legendäre Schöpfer der Känguru-Trilogie hat einen Roman geschrieben! Seine Hauptfigur ist Peter Arbeitsloser, ein Gesellschaftsverlierer in einer fernen, aber bedrohlich nah wirkenden Zukunft. Omnipräsente Kaufhäuser beliefern ihre Kunden mit jedem Wunsch, den sie selber noch nicht kennen, Qualitypads bieten Hilfe in jeder Lebenslage. Selbst den Partnerwechsel muss man nicht mehr selber vornehmen. Doch dabei bleibt das Leben auf der Strecke. Und dann ist auch noch Wahlkampf! Die Pointendichte ist geringer als beim „Känguru“, dafür gibt’s einen durchgehenden Plot, der nach der Hälfte mächtig an Fahrt gewinnt.

8 William Saroyan: „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich“. Storys. DTV.

Saroyan (1908–1981), als Sohn armenischer Einwanderer in Kalifornien geboren, ist eine Wiederentdeckung. In lakonischen Dialogen erzählt er von den Begegnungen kleiner Leute, und ohne dass viel passiert, hat man nach jeder Story das Gefühl, einen neuen Menschen kennengelernt zu haben. Ein Schriftsteller, klamm bei Kasse, geht zum Friseur. Ein anderer setzt seine letzten Dollars auf ein Pferd – und verliert, was abzusehen war. Einer tut einfach, was ihm geboten scheint, und kündigt den Job. Saroyans Helden sind keine Helden, aber sie folgen aufrecht ihren Impulsen. Das Leben wird dadurch manchmal sehr kompliziert, aber sie stehen dazu. Und das macht sie sympathisch und liebenswert.

9 Boris Palmer: „Wir können nicht allen helfen“. Siedler-Verlag.

Manche halten den grünen Oberbürgermeister von Tübingen für profilierungssüchtig und eine Nervensäge, weil er in der Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik Standpunkte vertritt, die quer zum grünen Programm zu stehen scheinen. Wie dem letztlich sei, spielt aber gar keine Rolle. Sein kluges Buch ist um unaufgeregte Antworten auf ebenso heikle wie brennende Fragen bemüht. Palmers nüchtern abwägende Urteile speisen sich aus Beobachtungen im konkreten Alltag und dem disziplinierten Gebrauch eines klaren, unbestechlichen Verstandes. Sie stehen in bester Tradition aufgeklärten Denkens. Plichtlektüre in unserem hysterischen Zeitalter des Zorns!

10 Tristan Garcia: „Das intensive Leben“. Suhrkamp-Verlag.

Bei unseren Nachbarn gilt der 1981 geborene französische Philosoph und Schriftsteller als einer der derzeit anregendsten Geister. Deutsche Intellektuelle halten ihn hingegen hochmütig für ein Leichtgewicht. Garcia beobachtet in seinem Buch, wie ein Wert immer stärker das moralische Leitsystem der Gegenwart prägt: die Intensität. Es kommt uns immer weniger darauf an, ob wir gut oder schlecht leben. Es kommt darauf an, dass wir intensiv leben. Wir wollen starke, gewaltige Erfahrungen und Erlebnisse, wir wollen den Körper spüren, Gefühle auskosten. Wir stehen ständig unter Spannung, weil es nie genug sein kann und wir das Gefühl haben, nur an der Oberfläche zu bleiben, etwas zu versäumen. Auf der anderen Seite stehen Erschöpfung, Depression, Burnout, Leere. Garcia sucht nach dem richtigen Maß der Intensität.

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