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Thriller "Alles Geld der Welt": 17 Millionen Dollar Lösegeld

Von Christopher Plummer spielt den reichsten Mann der Welt, der für seinen gekidnappten Enkel erst zahlen will, als er dessen amputiertes Ohr erhält.
Der Milliardär John Paul Getty I. (Christopher Plummer) frühstückt mit seinem Enkel John Paul Getty III. (Charlie Shotwell), der einige Jahre später entführt und verstümmelt werden wird. Foto: FABIO LOVINO Der Milliardär John Paul Getty I. (Christopher Plummer) frühstückt mit seinem Enkel John Paul Getty III. (Charlie Shotwell), der einige Jahre später entführt und verstümmelt werden wird.

Bis heute ist der Fall Getty wohl der spektakulärste aller Entführungsfälle geblieben. Am 10. Juli 1973 wurde der 16-jährige John Paul Getty III. auf der Piazza Farnese in Rom von der Verbrecherorganisation ’Ndrangheta entführt. Die Täter verlangten 17 Millionen Dollar Lösegeld von der Mutter des Jungen, die bei der Scheidung von dessen Vater John Paul Getty II. allerdings auf größere Abfindungen verzichtet hatte. Deshalb konnte sie die Forderung nicht erfüllen und reichte sie an Pauls Großvater John Paul Getty I. weiter.

Nicht erpressen lassen

Der Ölmilliardär aus Minnesota galt seinerzeit als reichster Mann der Welt. Doch er weigerte sich zunächst, zu zahlen. Zum einen wollte er sich grundsätzlich nicht erpressen lassen. „Ich habe 14 Enkel, und wenn ich zahle, werden sie alle entführt.“ Zum anderen argwöhnte er, sein Playboy-Enkel Paul könnte das Verbrechen mit vorgetäuscht haben, um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Erst als die Entführer ihrem Opfer von einem gedungenen Arzt eine Ohrmuschel abschneiden ließen und es an eine römische Tageszeitung schickten, öffnete der alte Herr Herz und Brieftasche. Drei Millionen Dollar soll er gezahlt haben. Mit der Maßgabe, dass sein Sohn, der die italienische Niederlassung des Familienkonzerns leitete, ihm 800 000 Dollar mitsamt 4 Prozent Zinsen zurückzahlen müsse.

Nach fünf Monaten in einem Versteck in Kalabrien wurde Paul von seinen Peinigern freigelassen. Der 1956 in Los Angeles Geborene führte fortan ein recht zielloses restliches Leben, war mit der Deutschen Gisela Martine Zacher verheiratet (frühere Ehefrau des Schauspielers Rolf Zacher) und starb nach langer Drogen- und Alkoholsucht 2011 auf einem Anwesen in England.

Man könnte fragen, was den englischen Regisseur Ridley Scott („Gladiator“, „Alien“) dazu bewegt hat, diesen Kriminalfall 45 Jahre danach ins Kino zu bringen. Doch sein Film gibt die Antwort aus sich selbst heraus. „Alles Geld der Welt“ erinnert zum einen an jene Zeit, da italienische Mafiaorganisationen und die Roten Brigaden das Entführen zu einem politischen Geschäftsmodell machten, um das internationale Kapital zu treffen – es war auch das Jahrzehnt der RAF-Entführungen in Deutschland. Zum anderen bot sich hier eine Tragödie mit vielen menschlichen Betrachtungsmöglichkeiten. Nicht jeder Regisseur aber hätte aus den Gegebenheiten das herausgeholt, was Ridley Scott herausgeholt hat. Es ist vor allem die großartige Charakterisierung des Milliardärs Getty, gespielt von dem 88-jährigen Kanadier Christopher Plummer. Vermutlich hätte der 58-jährige Amerikaner Kevin Spacey seine Sache nicht schlechter gemacht. Doch wurde er wegen Vorwürfen sexueller Nötigung (MeToo-Debatte) aus dem bereits fertigen Film herausgeschnitten und ersetzt.

Kantig, knurrig, geizig, ehrgeizig, unnachgiebig, gefühlskalt: So ist der alte Getty hier zu erleben. Ein Mann, der in seiner Hotelsuite seine Unterhosen selbst wäscht, um 10 Dollar zu sparen. Ein Mann auch, der mit kunstsinniger Zuneigung eine gemalte Madonna mit Kind betrachtet und für 1,5 Millionen Dollar erwirbt, während er von der Entführung seines Enkels anfangs nichts hören will, um sich nicht bei seinen täglichen Geldgeschäften stören zu lassen. „Gegenstände verändern sich nicht“, sagt er, „sie sind was sie scheinen. Sie haben mich noch nie enttäuscht.“ Phänomenal, wie Ridley Scott hier einzelne kleine Eigenschaften zu einem Menschenbild zusammensetzt und so auch eine Gegenfigur zu Enkel Paul (Charlie Plummer, nicht verwandt mit Christopher Plummer) schafft. Der mädchenhaft wirkende junge Mann, in Italien Paolo genannt, versucht, in den heißen Nächten von Rom das Leben zu lieben, mit Partys und käuflichen Frauen. Dann aber muss er lernen, dass der Familienspruch, ein Getty sei etwas Besonderes, auch eine üblere Seite hat.

Den Stolz bewahren

Zwischen Großvater und Enkel platziert Ridley Scott einen Unterhändler (den kernigen Mark Walhberg) sowie eine starke Frau: Pauls Mutter Gail Harris. Michelle Williams macht aus ihr eine Kämpferin, der es gelingt, zugleich den Stolz und die Nerven zu behalten und alles daranzusetzen, ihren Sohn freizubekommen.

Zu den verbürgten Fakten des Falles Getty hat Ridley Scott hier und da etwas hinzugedichtet. Ein Verräter der ’Ndrangheta etwa hält heimlich telefonischen Kontakt mit Pauls Mutter. Das mag ein dramaturgischer Spannunskniff sein. Doch zu Ridley Scotts Meisterschaft gehört, dass er die Wahrheit nicht durch Ergänzungen beschädigt. Sondern sie nur schöpferisch im Sinne des Ganzen vervollständigt. Herausragend

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