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75 Jahre und kein bisschen leise

Ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres war Orlando Julius mit seiner „Super Afro Soul“-Show zu Gast: Lagos am Main. So konnte man den „Summer In The City“ im Palmengarten gleich doppelt genießen.
Kraftvoller, bunter und fröhlicher Auftritt: Orlando Julius auf der Bühne des Musikpavillons. Kraftvoller, bunter und fröhlicher Auftritt: Orlando Julius auf der Bühne des Musikpavillons.

Frankfurt, 19.30 Uhr, 33 Grad, sonnig, Regenrisiko 0 Prozent, Luftfeuchtigkeit 30 Prozent, leichte Brise aus Nordwest mit mäßigen Böen. Sommer in der Stadt. Wer sich zu viel bewegt, hat schon verloren. Schweißnasse T-Shirts und Schlappheit sind fast zwangsläufig die Folge. Da macht man es sich so gut es eben geht auf den harten, metallenen Stuhlreihen vorm Musikpavillon bequem oder lümmelt sich lieber auf die Wiesen im Rund.

Würde sich nicht schnell nach dem Einstieg der „Heliocentrics“ in die Show mit wild überblasenem Baritonsaxofon ein unwiderstehlicher Beat aus dem Tohuwabohu Marke Orchestereinstimmung herausschälen, der Bewegungsdrang der Besucher des Orlando-Julius-Konzerts würde sich auch weiter in Grenzen halten.

Farbenfroh und heiß

Die siebenköpfige Band bereitet das Feld für den Auftritt des Meisters, der sich mit ersten Phrasen von seinem Tenorsaxofon schon aus den Kulissen heraus andeutet. Endlich in der Bühnenmitte angekommen, tanzt Latoya Ekemode als Zeremonienmeisterin in ihrem farbenfrohen Outfit ihren Göttergatten gleich an, um ihn einzubinden. Und sie nutzt die erste Ansage, um unmissverständlich klarzumachen: „Wir sind hier mitten in der Natur an einem schönen Ort, es mag zwar etwas heiß sein, aber fühlt euch frei zu tanzen.“

Es dauert einen Moment, bis erste Gäste der Anregung nachkommen und sich den Raum vorm Pavillon nach und nach erobern. „James Brown Ride On“, das zweite Stück des Abends, ist dazu als zusätzliche Motivationshilfe bestens angetan. „Super Afro Soul“ hieß das zugehörige Album von 1966.

Schon mit dem Titel seines Debüts manifestierte Orlando Julius die Idee seines angestrebten Stilmixes. Denn so sehr sein gerade einmal fünf Jahre älterer, kultisch verehrter Landsmann Fela Kuti Impulsgeber war, so sehr berief sich Julius auch auf Sam & Dave und eben James Brown. Deshalb reden wir hier von „Afrosoul“ statt von „Afrobeat“. Keine Marginalie wie man vermuten könnte – und mehr als ein kleiner, feiner Unterschied. Wer vor einem Monat beim „Afrikanischen Kulturfest“ im Rebstockpark Seun Kuti im Pioniergeist seines schon 1997 mit nur 59 Jahren verstorbenen Vaters spielen sah, konnte den direkten Vergleich anstellen.

Bei Kuti perlen die Gitarren, übernehmen Spieltechniken traditioneller Instrumente wie Kora oder Ngoni. Die sich ständig wiederholenden Motive allein vermögen eine hypnotische Wirkung zu erzielen. Julius’ Saitenmann Adrian Owusu hat bei seiner Rhythmusarbeit kaum eine Chance, zu glänzen. Ihren Jazz-Background können dagegen die Bläser Matt Roberts (Trompete) und Jason Yarde (Baritonaexofon) auch mal virtuos einbringen. Die klingen geschmeidiger als das „Horn“ des Hauptdarstellers. Wenn der nach seinem Sax- oder Gesangspart mal an die Tasten wechselt, bekommt die Performance nicht nur wegen des spezifischen, eher dünnen Klangs der Farfisa-Orgel eine fast psychedelische Anmutung. Das wiederum fehlt Kuti gänzlich.

Funky vermögen beide Ensembles zu spielen. Dabei sind „The Heliocentrics“ in London zu Hause und begleiten auch andere Afrikaner wie den äthiopischen Vibrafonisten Mulatu Astatke. Sie vermögen den erklecklichen Anteil an Stücken aus den 60er und 70er Jahren im Julius-Repertoire zeitgeistig zu interpretieren und seiner Musik auf dem gemeinsamen Album „Jaiyede Afro“ von 2014 ein dezentes klangliches Update zu verpassen. So oder so entfalten Drummer Malcolm Catto, auch der Produzent des Unternehmens, und Congaspieler Jack Yglesias ihre polyrhythmischen Grooves auf dem stoischen Bassspiel von Jake Ferguson.

Stimmungsvoll

Auch wenn man die Songtexte nicht versteht, mag man vermuten, dass hier nicht zwingend ein politischer Aktivist seinen Protest an die Obrigkeit formuliert – wie einst der Staatsfeind Fela Kuti. Vielleicht fehlt es auch deshalb dem Vortrag der „Heliocentrics“ ein wenig an Dringlichkeit. Aber in der Kombination aus Wetter, Location und schließlich doch ganz vielen Menschen auf dem Dancefloor ein stimmiges, wie stimmungsvolles Ganzes.

Mit der Daara J Family with Faada Freddy am 14. August präsentiert der Mousonturm beim „Summer In The City“-Programm im Musikpavillon in bester „Weltmusik im Palmengarten“-Tradition ein weiteres Projekt aus Afrika. Die senegalesischen Freunde Faada Freddy und N’Dongo D haben sich für ihren Afro-Hip-Hop auch vom Soul eines James Brown und von der Reggae-Ikone Bob Marley inspirieren lassen. Dessen „Get Up, Stand Up“ wurde übrigens auch von Julius kurz zitiert.

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