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Buch von Hauke Hückstädt und Friederike von Bünau: "95 Anschläge" zur Zukunft

Von Der Literaturhaus-Leiter traut sich was! Für seinen Thesenanschlag 500 Jahre nach dem Reformator Martin Luther hat Hauke Hückstädt 100 Mitmacher um sich versammelt.
Was muss sich ändern? Was müssen wir bewahren? Revolution oder Reformation? Literaturhaus-Chef Haucke Hückstädt will es wissen. Was muss sich ändern? Was müssen wir bewahren? Revolution oder Reformation? Literaturhaus-Chef Haucke Hückstädt will es wissen.

Als Luther vor 500 Jahren 95 Thesen gegen die Türen der Schlosskirche zu Wittenberg hämmerte, da trieb ihn ein mächtiger Furor: Gegen den Ablasshandel richtete sich seine Aktion. Kirchliche Repräsentanten lebten in Saus und Braus, weil sie den Menschen versprachen, sich von ihren Sünden loskaufen zu können: Eine kapitalistische Transaktion befreit von sämtlichen Missetaten – gutes Gewissen und Seelenheil lassen sich erkaufen. Wenn es so weit gekommen ist mit der Religion, hat sie jeden moralischen Anspruch verwirkt, dann ist sie im Kern verdorben, tot. Sagte Luther.

Moralischer Aufbruch

Den Ablasshandel in seiner reinen Form gibt es nicht mehr, und doch ist die Reformation – längst jenseits kirchlicher Organisationsformen – lebendig: als Wille zu gesellschaftlicher Veränderung und moralischem Aufbruch. Ihr Wesen ist der Aufstand des Einzelnen gegen die Dumpfheit einer trägen, bequemen und korrumpierten Immer-weiter-so-Gesellschaft. Ihr Wesen ist die Frage: Was muss sich ändern? Welche Werte sind so zentral für unser Leben, dass sie über Sinn und Unsinn entscheiden? Wofür also müssen – nicht sollen, wollen oder können, sondern müssen – wir eintreten?

Nun sind Luthers Fußstapfen groß. Auch ist die Welt im vergangenen halben Jahrtausend nicht übersichtlicher geworden. Friederike von Bünau von der Kulturstiftung der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Hauke Hückstädt vom Frankfurter Literaturhaus waren umsichtig genug, die herausgeberische Last ihrer „95 Anschläge“ mit „Thesen für die Zukunft“ auf ebenso viele Autoren zuzüglich sieben „Kuratoren“ zu verteilen.

Wenn man aus der Anzahl aller möglichen Über-die-Welt-Nachdenker 95 herausgreift, ist das natürlich willkürliche Zahlenspielerei. Über manche der Befragten wundert man sich, andere sind dem Frankfurter Ursprung geschuldet – immerhin wirbt das Werk im Jubiläumsjahr der Reformation damit, „ein Frankfurter Buch- und Veranstaltungsprojekt für die Zukunft von allen“ zu sein. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, gehört zu den hiesigen Gewächsen, auch Bankchef Friedrich von Metzler und Ex-Städel-Direktor Max Hollein. Und warum nicht?

Ruhe oder Reisen?

Etwas seltsam ist die Ordnung der 95 je etwa zwei Seiten langen „Anschläge“ schon: Es gibt nämlich keine. Weder eine alphabetische noch eine nach Themengebieten oder Kapiteln. Es scheint manchmal, als hätten die Herausgeber einander thematisch verbundene Thesen zusammengestellt, um so etwas wie einen roten Faden sacht durchscheinen zu lassen. Das lässt sich jedoch nur bedingt durchhalten. Eigenständig sind die Beiträge. Jeder steht für sich allein.

Und das ist gut so! Denn jeder einzelne Text ist lesenswert. Das ist für ein dermaßen ausgreifendes Unterfangen eine beeindruckende Leistung. Edgar Selge zum Beispiel fordert Ruhe als Bedingung für Kreativität. Denn schuld am Unglück der Welt, sagt er mit dem Philosophen Blaise Pascal, ist die Unfähigkeit der Menschen, ruhig in ihrem Zimmer sitzen zu bleiben. Caroline Link, die „Jenseits von Afrika“-Regisseurin, fordert „Perspektivwechsel“ als Schulfach: Reisen nach Marrakesch oder sonst wohin, um interkulturelle Kompetenz zu lernen. Und beide sagen Kluges, auch wenn sich ihre Thesen (aber nur auf den ersten, oberflächlichen Blick) zu widersprechen scheinen.

Der Frankfurter Philosoph Rainer Forst denkt über das Wesen von Toleranz nach. In der Tat ist es leicht, sie zu fordern, schwer, sie zu praktizieren. Wolfgang Thierses einleuchtende Überlegungen, wie Integration gelingen kann, mischen eine Prise vollbärtigen Prenzlberg-Multikulturalismus ins Zukunftssüppchen. Helmut Böttiger schreibt über Literatur, Max Hollein über Museen, Franziska Augstein über Journalismus und Margarete Bause über Ökologie. Dass der Schuster bei seinen Leisten bleibt, ist das beste Rezept gegen dilettantischen Thesen-Unfug. Schön aber auch, dass Kultur-Tausendsassa Bazon Brock seine wie stets überraschenden Kapriolen schlagen darf und, als einer der letzten Beiträger, auch Deutschlands Ober-Soziologe Heinz Bude kurz die Welt erklären darf. Er ist übrigens der einzige, der die narzisstische Störung als Krankheitssymptom unserer furchterregend gewordenen Welt ins Spiel bringt – allerdings noch nicht mit Blick auf jenen Ober-Amerikaner, dem die Welt nichts anderes zu sein scheint als ein Spiegel seiner unermesslichen Eitelkeit.

Dass der Begriff der Freiheit eine nicht geringe Rolle spielt, versteht sich bei einem solch weltanschaulich orientierten Werk von selbst. Dem Historiker Michael Wolffssohn kommt das Verdienst zu, den hehren Begriff in die Sphäre der Realpolitik zu tauchen. Das ist mutig, weil dieses Manöver die Freiheit gleich weniger glanzvoll aussehen lässt: Demokratie müsse ihren Feinden nicht nur „geistig“, sondern auch „körperlich“, sprich, „machtpolitisch überlegen sein“, führt der ehemalige Bundeswehr-Professor aus. Die Zeiten sind hart.

Die 95 Thesen dieses Buches haben Gewicht, allesamt. Wer sie fürs nächste Vierteljahr (jeden Tag eine, dieses Lesepensum müsste zu schaffen sein) zu seinem Begleiter macht, wird danach um einiges – ja, das große Wort sei ausgesprochen: weiser sein. Und doch liegt man nicht falsch, wenn man vermutet: Wäre das Buch nicht heute erschienen, sondern würde jetzt erst konzipiert, wäre es mit Blick auf die amerikanische Nervensäge wohl ein ganz anderes geworden. So zeugt es nolens volens auch davon, wie sehr und schnell sich die Zeiten geändert haben. Was damals für 500 Jahre hielt, muss heute vierteljährlich neu austariert werden.

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