Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Ausstellung in Aschaffenburger Kunsthalle: A.R. Penck: Strichmännchen philosophieren

Hinter A.R. Pencks simplen Figuren und banalen Symbolen steht ein ausgeklügeltes Zeichensystem, wie an 90 Werken in Aschaffenburg zu sehen ist.
Die Wildnis und ihre Bewohner haben A.R. Penck immer wieder fasziniert. Seine Farbmalerei „Leon“ (1988) zeigt einen Löwen in der Steppe, bereit zum Sprung auf ein anderes Tier. 	Abbildungen: Lothar Schnepf, Helmut Buchen, Norbert Faehling, dpa Bilder > Die Wildnis und ihre Bewohner haben A.R. Penck immer wieder fasziniert. Seine Farbmalerei „Leon“ (1988) zeigt einen Löwen in der Steppe, bereit zum Sprung auf ein anderes Tier. Abbildungen: Lothar Schnepf, Helmut Buchen, Norbert Faehling, dpa
Aschaffenburg. 

Auf den ersten Blick ein typisches Bild des Künstlers, irgendwo zwischen Höhlenmalerei und Kinderzeichnung: In einer ovalen Form tummelt sich ein schwarzes Strichmännchen, umgeben von allerlei kruden Symbolen und zwei kleineren abstrahierten Figuren. Doch bei genauerem Hinsehen zielt die Radierung ins Zentrum des Künstlerdenkens. „Kraftfeld Verstand“, so der Titel des Blattes von 1996, zeigt den Menschen als Gefangenen seiner selbst, eingesperrt im Kopf oder im Auge.

Der bekannte Unbekannte

Auf so kleinem Raum verortet A. R. Penck den Menschen in der Welt, unabhängig von den politischen Systemen in Ost und West. In Ostdeutschland lebte er lange, bevor er 1980 nach Westdeutschland übersiedelte. Inzwischen gehört er zur Vätergeneration der zeitgenössischen Kunst. Einer der letzten wichtigen Retrospektiven fand 2007 in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle statt, mit Akzent auf dem politischen Künstler.

Nun wagt sich die Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkriche ans riesige Werk des mittlerweile 77-jährigen Autodidakten – und präsentiert bis 5. März nächsten Jahres einen überraschend anderen, teils sehr privat wirkenden Künstler. In den 80er und 90er Jahren war A. R. Penck auf allen wichtigen Ausstellungen vertreten, ähnlich präsent auch im Kunstmarkt. Damals war seine eingängige Systemkritik in Form von Strichmännchen und Symbolen allerorten gefragt.

Doch diese Allgegenwart hat ihn auch fast verschlissen. Inzwischen ist es ruhiger geworden um den Mann, der eigentlich Ralf Winkler heißt, sich aber seit 1968 nach dem Dresdner Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck nennt. Und der die Kürzel von Eiszeit und Computer, Drache und Roboter, Prähistorie und Vision mixt.

Freilich wurde er im Westen nicht so recht heimisch und lebt schon seit geraumer Zeit zurückgezogen in Irland. Zu Recht sprach Schirn-Kuratorin Ingrid Pfeiffer vor neun Jahren von einem „bekannten Unbekannten“. Pencks vordergründig einfache Kunst machte ihn zwar populär, sie stand aber zugleich einem umfassenden Verständnis für das Werk im Weg.

Hochgradig intellektuell

Sein bildtheoretisches Denken rückt nun die Aschaffenburger Kunsthallen-Chefin Christiane Ladleif ins Zentrum, am Beispiel von rund 90 Gemälden und Grafiken sowie einigen Skulpturen. Entstanden sind sie zwischen 1974 und 1996, entliehen von zwei deutschen Galerien. Bewusst wurden keine Museen oder Privatsammler angesprochen, um Pencks Schaffen an weniger bekannten Werken zu illustrieren. Zwar fehlen die politischen 60er Jahre, aber ein guter Überblick ist dennoch möglich.

Christiane Ladleif bezeichnet Penck als „Philosoph des Pinsels“, steht doch hinter seinem simplen Strichmännchen-Vokabular eine visionäre und schriftlich fixierte Bildtheorie, die zur Veränderung der Gesellschaft beitragen sollte. Die Schau stellt diese Ideen nochmals vor und zeigt einen vielseitig interessierten wie hochgradig intellektuellen Künstler.

„Standart“ nennt er sein Zeichensystem, ein Wortspiel aus Standard und Art für Kunst. Diese „Standart“-Bilder der frühen 70er Jahre sollten, ähnlich wie Esperanto, von jedem verstanden und angewandt werden. Sie sind gemalte Manifeste: Linker Hand stehen oft Begriffe wie Sensualismus, Technologie und Psychoanalyse oder simple geometrische Zeichen, rechter Hand herrscht ein farbenfreudiges Treiben von Symbolen.

Doch Penck merkte bald, dass die Kunst offenbar nicht zur Systemveränderung taugt. Seither dient sie als Kommunikation über Schrift, Sprache oder Zeichen und wird oft in Serien ausgeführt. In der unbetitelten Bildfolge von 1974 etwa treten Menschen, Tiere und vielerlei banale oder rätselhafte Symbole auf. Die Figuren und Symbole sind in kräftigem Violett gemalt, grundiert von einem wolkigem Rosa – Penck in Pink ist selten.

Markanter ist die späte „Standart“-Serie von 1990, die in der Apsis der ehemaligen Kirche hängt, mit schwarzer Acrylfarbe auf banale Wellpappe gepinselt. Allerdings tauchen auf den Bildern auch andere Namenskürzel wie TM oder Y auf. Sie belegen, dass Penck ständig seine Identität wechselt.

Selbst Privates wirkt bei ihm politisch, wie sich beim Rundgang zeigt. Da lässt Penck in den 80er Jahren zerbrochene Liebschaften Revue passieren oder stellt eine „Deutsche Familie“ vor, aber vollständig übersät von Kritzeleien, übrigens in bester Manier von Arnulf Rainer. Doch Penck hat sich oft auch seiner vergewissert in Selbstbildnissen, die teils nur aus Strichen und Kreisen bestehen, teils realistisch ausgeführt sind. Freilich ist nicht zu übersehen, dass Pencks Bilderwelt spätestens in den 90er Jahren an Kraft verliert, was auch die Farben und Kritzeleien nicht überdecken können.

Im Osten, den er gern mit einer Wüste vergleicht, kam er als Künstler besser zurecht als im Westen, den er als Dschungel charakterisiert, in dem man sich verirrt.

 

Kunsthalle Jesuitenkirche, Pfaffengasse 26, Aschaffenburg. Bis 5. März 2017,
Di 14–20 Uhr, Mi bis So 10–17 Uhr.
Eintritt 6 Euro, Katalog 17,80 Euro.
Telefon (06021) 21 86 98.
Internet www.museen-aschaffenburg.de

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse