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Abramovic-Retrospektive in Dänemark

Sie hat sich selbst ausgepeitscht, ohrfeigen lassen und mit Messern verletzt: Marina Abramovic ist für brutale Experimente mit ihrem Körper bekannt. In einer großen Retrospektive in Dänemark sehen Besucher aber auch ganz sanfte Seiten ihrer Kunst.
Marina Abramovic (l) bei der Performance „The Artist is Present” im Museum of Modern Art New York. Foto: Marco Anelli Marina Abramovic (l) bei der Performance „The Artist is Present” im Museum of Modern Art New York. Foto: Marco Anelli
Humlebæk. 

Der Eintritt in die Welt von Marina Abramovic ist brutal. Er führt durch einen Gang, in dem ohrenbetäubend laut Schüsse aus Maschinengewehren knallen. Aus runden weißen Lautsprechern auf weißer Wand dröhnt ihr verstörender Klang.

Wer die Retrospektive „The Cleaner” besucht, die seit Samstag im Louisiana-Museum in der Nähe von Kopenhagen zu sehen ist, kann wählen, daran vorbeizugehen. Oder sich auf das Erlebnis einlassen. „Heute glaube ich, dass es wichtig ist, eine Wahl zu haben”, sagt Abramovic. „Früher habe ich die Leute gezwungen.”

Das Spiel wiederholt sich, drei Räume weiter. Dort stehen sich zwei Nackte an einem Durchgang gegenüber, ein Mann, eine Frau. Er etwas kleiner als sie, mit dunklen, kurzgeschorenen Haaren. Sie mit flachen Brüsten und fülligem Schamhaar. Wer zwischen ihnen hindurch will, in den nächsten Ausstellungsraum, muss den Bauch einziehen und seitlich gehen. Vielen Besuchern ist das zu intensiv, vielleicht auch einfach peinlich. Sie schleichen sich links an den Nackten vorbei, nehmen den anderen Durchgang.

Die 36 Performer, die für die Zeit der Ausstellung (bis 22. Oktober) gecastet wurden, hat eine Mitarbeiterin der berühmten serbischen Künstlerin zuvor in einem Workshop ausgebildet. Dort durften sie drei Tage lang weder reden noch essen, mussten sechs Stunden am Stück Reiskörner zählen und drei Stunden lang eine Tür immer wieder auf und zu machen, ohne hindurchzugehen. „Performance ist ein ernstes Geschäft”, sagt Abramovic. „Wenn diese Menschen da in der Tür stehen müssen, mit so vielen, die zwischen ihnen hergehen, weißt du, wie unglaublich stark und konzentriert sie sein müssen?”

Wie die beiden jungen Menschen standen sich auch Abramovic und ihr damaliger Partner, der deutsche Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen), 1977 gegenüber, am Eingang der Galleria Communale d'Arte Moderna in Bologna. Damals ließen sie den Besuchern keine Wahl. „Die Performance wurde von der Polizei abgebrochen und gestoppt”, schreibt Abramovic. 40 Jahre später schmerzt sie der Gedanke an die Beziehung zu Ulay endlich nicht mehr, die 1988 mit einer dramatischen Performance auf der Chinesischen Mauer endete.

Zwölf Jahre lang hatten die beiden teils als Nomaden zusammengelebt. Einige eindrucksvolle Werke aus dieser Zeit sind in der Retrospektive in Humlebæk zu sehen. An drei Wände eines Raums sind großflächige Videoaufnahmen projiziert. In einem Clip sitzen sich die beiden gegenüber und ohrfeigen sich abwechselnd. In einem anderen atmen sie in den Mund des anderen, die Nasenlöcher mit Filtern zugeklebt.

Es sind physische und mentale Grenzerfahrungen, denen sich die heute 70-jährige Künstlerin in ihrer Karriere ausgesetzt hat. „Das war wichtig, weil ich den Körper als Werkzeug genutzt habe”, sagt sie. Wie ihr Werk sich zwischen Brutalität und Stille, zwischen Schmerz und Spiritualität bewegt, sieht man schon ihren ganz frühen Skizzen und Malereien an, die in der Retrospektive ausgestellt sind. Dazwischen ist eine Erdnuss als Wolke mit zwei Stecknadeln an der Wand aufgespießt und wirft einen Schatten auf den weißen Hintergrund.

Den Titel der Schau, die nach Kopenhagen unter anderem Station in der Bundeskunsthalle in Bonn macht, hat Abramovic selbst ausgewählt. „The Cleaner” beinhaltet für sie „mit der Vergangenheit aufräumen, das Gewissen reinmachen”. „Ich war nie glücklicher als jetzt”, sagt die Künstlerin. „Ich habe so eine Leichtigkeit in mir.” Die sieht man Abramovic an, die mit 70 Jahren immer noch durch die Welt reist. „Vielleicht liegt es daran”, meint sie: „Wenn du mit dem Flugzeug zwischen den Zeitzonen hin- und herreist, kannst du nicht altern.”

(Von Julia Wäschenbach, dpa)
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