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Leipziger Cartoonist BeCK zeigt seine Werke: Absurdes von hier und heute

Der Zeichner spielt mit der Sprache und riskiert auch billige Pointen. Seine komischen Gestalten sind linkische Figuren, die durch den Alltag schlittern.
Fresssucht ist therapiebedürftig: In dem Cartoon von BeCK nimmt der Psychologe seiner Patientin die Worte schon aus dem Mund und verrät damit seine eigenen. Bilder > Foto: Anbbildungen: Caricatura Fresssucht ist therapiebedürftig: In dem Cartoon von BeCK nimmt der Psychologe seiner Patientin die Worte schon aus dem Mund und verrät damit seine eigenen.

Der Mann am Kreuz ist wütend: „Alle reden über Jesus . . . keiner über Andreas“ – so steht es auf dem Cartoon, und entsprechend genervt sieht Andreas aus. Der Apostel mit diesem Namen starb als Märtyrer, der Überlieferung nach an einem Kreuz in X-Form. Nach ihm benannt ist das Andreaskreuz, das vor Bahnübergängen als Warnung dient. Den frustrierten Andreas, der noch immer vor einem Bahnübergang am Kreuz hängt, hat BeCK gezeichnet. Der Leipziger Cartoonist, der konsequent seinen Vornamen Detlef weglässt und seinen Nachnamen mit zwei Großbuchstaben schreibt, liebt derlei Spiele mit Bedeutungen, Wörtern und der Sprache.

Der erste Ossi am Main

Jetzt zeigt der 57-Jährige rund 400 Witzzeichnungen aus den vergangenen 15 Jahren im Frankfurter Caricatura-Museum. BeCK, so der sichtlich gerührte Cartoonist schmunzelnd über sich selbst, ist der „erste Ossi, der in diesem renommierten Haus ausstellen darf“. Freilich betont er den alten Ost-West-Unterschied nicht weiter. Dafür ist er viel zu selbstsicher, um seine Herkunft kleinreden oder gar verleugnen zu wollen.

BeCK ist ein Querdenker mit ausgeprägter Vorliebe für das Absurde. Das verrät auch seine – eher zufällig im Jux entstandene – Signatur in Großbuchstaben, die entweder nur das „E“ oder alle Buchstaben bis auf das „E“ in Spiegelschrift abbildet. Ein Künstler mit einem Allerweltsnamen, aber einer Signatur, die sperrig und nur schwer zu lesen ist. Als Markenzeichen funktioniert das aber prima.

Freilich ist der Mann ein Spätzünder, auch wenn er sich schon als Kind für Karikaturen und Comics begeisterte. Erst über den Umweg eines fast beendeten Architekturstudiums und eines notgedrungen (wegen eines Schulverweises) abgebrochenen Grafikstudiums fand BeCK zur komischen Kunst. Schon vor der Wende 1989 zeichnete er Cartoons mit den typisch langnasigen und krakeligen Figuren, aber sein Geld verdiente er sich mit Gebrauchsgrafiken, Illustrationen und Werbegestaltungen.

Peinlichkeiten allerorten

Erst vor rund 20 Jahren etablierte BeCK sich als Witzzeichner. Noch heute ist er sich für billige Pointen nicht zu schade, unter denen auch Flops sein dürfen. „Die Klos sind sauber, du kannst bestellen“, ruft die von der Toilette zurückkehrende Gattin quer durchs Lokal ihrem Mann zu. Der versteckt sich angesichts der mithörenden Gäste hinter einem Buch. Diese Geschichte über Kontrollfreaks hat man schon oft gehört. Aber BeCK hat keine Bange vor solchen und anderen Kalauern. Er spielt mit der doppeldeutigen deutschen Sprache: „1. Klasse hätte ich mir komfortabler vorgestellt“, mault der Knabe bei der Einschulung.

Oder, noch genauer auf die Sprache achtend, aber weniger witzig – der Wortwechsel zwischen Mann und Frau vor dem Spiegel: „Nein, nein, nein, mit dieser Mütze siehst Du unmöglich aus“, meint die Frau. Und der Mann entgegnet ungerührt: „Dann finde mir eine, mit der ich möglich aussehe!“

BeCK ist ein guter Beobachter des Lebens, der seine Ideen neuerdings nicht mehr aus dem Radio oder der Zeitung hat. Viel lieber sitzt er im Café und hört heimlich den Menschen zu. Oder er tummelt sich in sozialen Netzwerken. Zuweilen kommen die Ideen auch „beim Zähneputzen oder beim Ausräumen des Geschirrspülers. Das muss ich dann rasch niederzeichnen“.

Doch seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit Aufträgen von Zeitungen und Zeitschriften, von der „Zeit“ über die „Brigitte“ bis zur „Natur“. Diese Aufträge mit einem klar umrissenen Thema sind ihm am liebsten, wie er bei der gestrigen Pressekonferenz in Frankfurt verriet: „Ein komplexes Thema kann man mit Hilfe von Cartoons zerbröseln und handfest machen“, meint BeCK. In der Weltpolitik fühlt er sich allerdings nicht zu Hause, er widmet sich lieber dem banalen, aber oft tiefgründigen Alltag, den uralten Problemen zwischen Mann und Frau, natürlich auch dem Sex.

Verbüffend oft tauchen Nazis auf, die BeCK mit kaltem Blick bloßstellt. Selbst der größenwahnsinnige, aber nicht gerade groß geratene Adolf Hitler bekommt sein Fett ab, auf dem Klo, beim Pinkeln. Denn Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer hat die Pissoirs viel zu hoch angesetzt. Schon breitet sich eine gelbe Lache auf dem Boden aus und Hitler brüllt verzweifelt: „Speer“.

Schnoddrige Schönheit

BeCK zeichnet noch analog mit dem Stift, lediglich die Farben werden aus Zeitgründen digital hinzugefügt. Seine Figuren sind keine Schönheiten, sie benehmen sich linkisch und sprechen oft arg schnoddrig. Doch BeCKs Witze kommen auch in anderen Ländern gut an, vor allem in Großbritannien. Sein Blick in ein Café etwa zeigt nur eifrigst mit ihren Notebooks beschäftigte Menschen. Mittendrin aber sitzt, von allen angestarrt, ein Mann und besohlt seine Stiefel neu. Ein Schuster im Café – absurder geht es nicht.

 

Caricatura. Museum für Komische Kunst, Weckmarkt 17, Frankfurt. Eröffnung heute, 18 Uhr. Bis 12. Juni, dienstags bis sonntags 11–18 Uhr, mittwochs 11–21 Uhr. Eintritt 6 Euro, Katalog 14,95 Euro.
Telefon (069) 212-301 61.
Internet www.caricatura-museum.de

 

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