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Literatur: Agatha Christies Abstecher an den Main

Schwaches Spätwerk oder gelungene Gesellschaftskritik? Im Alter wittert die bekannteste englische Kriminalschriftstellerin eine Weltverschwörung. Die Rettung naht in der Transitlounge des Frankfurter Flughafens.
Agatha Christie erzählt in ihrem Roman „Passagier nach Frankfurt“ eine spannende Spionage-Geschichte. Agatha Christie erzählt in ihrem Roman „Passagier nach Frankfurt“ eine spannende Spionage-Geschichte.
Frankfurt. 

Agatha Christie (1890–1976) gilt unbestritten als die Schöpferin des traditionellen englischen Kriminalromans. Ihre bekanntesten Ermittler wurden zu globalen Figuren. Es gibt unzählige Werkausgaben und Übersetzungen, dazu kommen Dramatisierungen, Hörfassungen, Serien, Graphic Novels und Videospiele. Als der exzentrische Meisterdetektiv Hercule Poirot 1975 in seinem letzten Fall zu Tode kam, widmete ihm die „New York Times“ als einziger Romanfigur, der jemals diese Ehre zuteil wurde, einen Nachruf. Derzeit läuft hierzulande im Kino „Mord im Orient-Express“, eine Agatha-Christie-Neuverfilmung mit Starbesetzung.

Sieht aus wie eine Szene aus „Casablanca“, ist aber der Blick auf das Vorfeld des Frankfurter Flughafens 1936. In dieser Zeit spielt Agatha Christies Roman. Bild-Zoom Foto: Unbekannt (Lufthansa Photo)
Sieht aus wie eine Szene aus „Casablanca“, ist aber der Blick auf das Vorfeld des Frankfurter Flughafens 1936. In dieser Zeit spielt Agatha Christies Roman.

Der auflagenstärkste Einzeltitel mit 100 Millionen verkauften Exemplaren ist „Und dann gab’s keines mehr“. 1939 erschien das Buch in Großbritannien unter dem Titel „Ten Little Niggers“ und im Jahr darauf in den USA mit Rücksicht auf die afroamerikanische Bevölkerung als „And Then There Were None“. Auf Deutsch hieß dieser meistgelesene Kriminalroman aller Zeiten zuerst „Letztes Weekend“ (1944), dann „Zehn kleine Negerlein“ (ab 1982) und schließlich seit 2003 in der Neuübersetzung von Sabine Deitmer „Und dann gab’s keinen mehr“. Noch immer findet sich der Titel unter den Top Ten der weltweit bestverkauften Bücher.

Wetterbedingter Zufall

„Passagier nach Frankfurt“ wird diesen Rang wohl nicht erreichen. Der eher untypische Christie-Roman erschien 1970 zum 80. Geburtstag der Autorin. Auf Deutsch gab es ihn bislang nur 2008 in einer limitierten Sammler-Edition. Frankfurt als Schauplatz kommt darin – trotz des vielversprechenden Romantitels – ausschließlich auf den ersten Seiten vor, als Sir Stafford Nye und Gräfin Renata Zerkowski alias Daphne Theophanous alias Mary Ann im Transitbereich des Flughafens aufeinandertreffen. Im weiteren Verlauf der hektischen Handlung wird „Passagier nach Frankfurt“ zum Codewort der beiden in geheimer Mission tätigen englischen Agenten. Dass sie sich ausgerechnet in der Mainmetropole kennenlernten, war ein wetterbedingter Zufall, da die aus Malaysia kommende Maschine mit Ziel London wegen Nebels über Genf in Frankfurt zwischenlanden musste. Zum Romanende taucht dann noch einmal ein Frankfurter Flughafen-Mitbringsel auf. Es ist ein Pandabär aus Plüsch für die kleine Nichte Sir Stafford Nyes, die Blumenmädchen auf seiner bevorstehenden Hochzeit mit Mary Ann in London werden soll. Doch vor diesem Happy End geriet so einiges durcheinander, und Deutschland spielt dabei mit einem zweiten, noch ungemütlicheren Schauplatz eine finstere Rolle.

Auf einer dem Obersalzberg nachempfundenen Burg bei Berchtesgaden spinnt die grotesk-fette Alt-Nazisse Charlotte von Waldsausen dank ihres märchenhaften Reichtums die Fäden, um mit Hilfe eines neuen Führer-Kultes die überall in der westlichen Welt aufflackernden Tendenzen jugendlicher Rebellion und Permissivität auszumerzen. Wagner-Verehrung, Siegfried-Mythos, Hippies, Drogen, Marcuse und Che Guevara tauchen in dieser abenteuerlichen Mischung auf. Es gibt geradezu komische Verschwörungstheorien und absurde Szenarien, die Dürrenmatt’sche Dimensionen erreichen können, etwa wenn fabuliert wird, Hitler habe, um unentdeckt fliehen zu können, in einer Irrenanstalt seine Identität mit einem größenwahnsinnigen Patienten vertauscht.

„Ich habe das Gefühl, dass ich jeden Moment aufwachen werde, nachdem ich beim neuesten Thriller auf halbem Wege eingeschlafen bin. Agenten, Morde, Verräter, Spionage, Wissenschaftler . . .“, das sagt ein Dr. McCulloch gegen Ende des Buches, was genau den konfusen Eindruck widerspiegeln dürfte, den die Lektüre von „Passagier nach Frankfurt“ zurücklässt. Offenbar hat hier eine schon zu Lebzeiten legendäre Schriftstellerin eine Vielzahl disparater und als bedrohlich empfundener Aspekte der Nachkriegsgesellschaft in einen Plot verpackt, der es ihr erlaubte, ohne Rücksicht auf Plausibilität frei mit ihren jahrzehntelang bewährten Motiven zu jonglieren. Der anhängliche Christie-Leser wird sich vermutlich an jeder vertrauten Figur und Konstellation erfreuen, etwa Sir Stafford Nyes hochbetagter Großtante Matilda, die ähnlich wie die schrullige Miss Marple grummelnd mit den modernen Zeiten hadert.

Tücken des Alters

Statt also die Geschichte von Agatha Christies Spätwerk „Passagier nach Frankfurt“ mit einer der Romanfiguren als „absurden Blödsinn“ abzutun, kann man auch milder urteilen und Miss Marple beipflichten, die schon 1964 in „Mord im Spiegel oder Dummheit ist gefährlich“, einem ihrer letzten Fälle, durchaus selbstkritisch die Tücken des Alters erkannt hatte: „In gewisser Weise war natürlich nichts mehr wie früher. Man konnte dem Krieg – beiden Kriegen – die Schuld geben oder den jungen Leuten oder weil die Frauen heute arbeiteten, oder der Atombombe oder ganz einfach der Regierung – aber was man in Wirklichkeit damit sagen wollte, war die klare Tatsache, dass man alt wurde.“

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