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Digital-Mix aus Wirklichkeit und Illusion: Albtraum ohne Ausweg auf dem digitalen Highway

Deutsche Erstaufführung im Bockenheimer Depot: Wer sich in Olga Neuwirths multimediales Labyrinth „Lost Highway“ begibt, findet nicht mehr heraus.
Elizabeth Reiter (Renee) und Jeff Burrell (Fred). Elizabeth Reiter (Renee) und Jeff Burrell (Fred).
Frankfurt. 

Reizüberflutend, verstörend und sensationell setzen diese pausenlosen 90 Premierenminuten den Nerven zu. Je länger diese amerikanische Paranoia aus dunklen Trieben, albtraumhafter Gewalt, psychotischem Sumpf und stumpfem Porno dauert, desto größer wird der Wunsch, auszusteigen. Das aber ist nicht möglich. Denn am Ende steht wieder der Anfang: „Dick Laurent ist tot.“

Elfriede Jelinek und die Komponistin Olga Neuwirth halten sich eng an die traumatischen Szenen des Films von David Lynch aus dem Jahr 1997. Sie zeigen, wie Jazztrompeter Fred über die Gegensprechanlage hören muss, dass ein gewisser Dick Laurent tot ist. Aber niemand ist vor dem Haus zu sehen. Zudem erhalten seine geheimnisvolle Frau Renee und er Videokassetten, die sie beim Schlafen zeigen. Sie schalten die Polizei ein.

Auf einer Party bei einem gewissen Andy treffen sie einen mysteriösen Mann, der behauptet, zur selben Zeit in ihrem Haus zu sein, was ein Telefonanruf bestätigt.

Ängstigende Begegnungen

Fred wird immer eifersüchtiger und misstraut seiner Frau immer stärker. Schließlich zeigt ihn ein Videoband neben ihrer zerstückelten Leiche. Er wird zu Tode verurteilt, wechselt die Identität und wacht als Automechaniker Pete wieder auf. Pete ist selbstbewusster und leidenschaftlicher als Fred und verliebt sich in Alice, eine blonde Doppelgängerin von Renee. Aber Alice wird vom gewalttätigen Mr. Eddy bewacht, der mit einem Pornoproduzenten Andy zusammenarbeitet. Nach dem gemeinsamen Mord an Andy fliehen Alice und Pete in die Wüste. Am Ende bringt Fred Mr. Eddy um, hält vor seinem eigenen Haus und klingelt: „Dick Laurent is dead.“

Es dauert eine ganze Weile, bis alle Raffinessen der komplizierten Bühne wirksam durchschaut sind. Während Schauspieler Jeff Burrell als Fred unten im Green Screen live agiert, setzen die Video-Spezialisten Jason H. Thompson und Kaitlyn Pietras ihn im oberen Teil in mysteriöse, extrem künstlich flirrende Film-Sets. Unten glaubt Fred, autonom zu handeln, in Wirklichkeit wird sein Leben manipuliert.

Das Ergebnis: Alle seine Beziehungen wirken entfremdet, vor allem die zu seiner Frau, von Elizabeth Reiter als düstere Reinkarnation einer kühlen Hitchcock-Lady gesungen und gesprochen. Sie agiert in ihrer Zwillingsrolle als Renee/Alice ebenfalls in einem Green Screen, ebenso wie das hervorragende Ensemble Modern. Nur selten zeigt eine Live-Kamera das Orchester hinter einem feinen Gaze-Vorhang aus der Vogelperspektive.

Als sich Fred in der Gefängniszelle in Pete verwandelt, wandelt sich die Oper komplett in einen live gedrehten Film. Und der formt sich immer stärker zur undurchsichtigen Struktur aus vorgefertigtem Bühnenbild, sprechenden Sängern und singenden Schauspielern. Auf diese überzeugende Weise findet Yuval Sharon eine adäquate künstlerische Übersetzung für die zunehmenden Avatar-Erfahrungen unserer digitalen Zeit.

Schriller Albtraum

Zu den grotesken Höhepunkten des Abends gehört der Auftritt von David Moss als Mr. Eddy. Parodierend bis zur schrillen Comic-Karikatur macht David Moss als Albtraum Kleinholz aus Jeff Hallman, der es gewagt hat, sich in der Auto-Werkstatt eine Zigarette anzuzünden. Beeindruckend agiert und singt auch Bariton John Brancy als Pete und Countertenor Rupert Enticknap als zwitterhafter, eigenwillig närrischer Mystery Man.

Großer Respekt gebührt Dirigent Karsten Januschke, der mit dem Ensemble Modern koboldhaft zerfließende Gemälde schafft, musikalische Filmsongs von Lou Reed bis hin zu verwehten Jazzstandards zitiert und alle Klänge zu einem dreidimensionalen Gebirge anwachsen lassen kann. Ebenso wie im entstehenden Opernfilm: unmöglich zu entscheiden, welche Musik vorher aufgenommen wurden, was live gespielt und was elektronisch verfremdet wird. Die komplexe Adaption von David Lynchs Filmklassiker für die Oper Frankfurt lässt das Publikum staunend zurück.

Wer Yuval Sharons flirrend-erratischen Klang-Film-Raum noch nicht gesehen hat, muss sich sputen. Die weiteren fünf Termine bis zum 23.September sind nahezu ausverkauft.

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