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Literatur im Römer: All das Elend der ganzen Welt

Von Politisch und international präsentierte sich die achtköpfige Autorenrunde am ersten Tag der Frankfurter Traditionsreihe „Literatur im Römer“.
Soignierte Sprache: Alain-Claude Sulzer. Foto: Rainer Rüffer Soignierte Sprache: Alain-Claude Sulzer.

Weite Bögen vollführten die Schriftsteller, die an Tag 1 der Buchmesse im Römer Auskunft über sich und ihre Werke gaben. Das reichte vom kommunistischen Mahlstein Bulgarien zwischen Staatssicherheit und Dissidenz (Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“, S. Fischer) bis zur heute geschundenen, einst märchenhaften Kapitale aus 1001 Nacht (Najem Wali: „Bagdad – Erinnerungen an eine Weltstadt“, Carl Hanser). Auch standen den Schweizern Hansjörg Schertenleib („Jawaka“, Aufbau) und Alain Claude Sulzer („Postskriptum“, Galiani) junge deutsche Schriftstellerinnen gegenüber, die aus ihrer russischen Herkunft Funken schlagen: Katerina Poladjan („Vielleicht Marseille“, Rowohlt) und Lena Gorelik („Null bis unendlich“, Rowohlt Berlin). Jenny Erpenbeck verarbeitet in „Gehen ging gegangen“ (Knaus) das Flüchtlingsthema, derweil der Niederländer Otto de Kat in „Die längste Nacht“ (Schöffling) von selbstbestimmtem Sterben handelt.

Dass Literatur ein Politikum sein kann, wie der Buchmesse 2015 abzulesen, bestätigte sich in den Römerhallen also. Sigrid Löffler und Gerwig Epkes gaben die freundlichen Inquisitoren. Trojanows bulgarischer Paukenschlag setzt sich aus wechselnden Erzählsträngen des Apparatschiks Metodi und des Widerstandskämpfers Konstantin zusammen. Ist letzterer aber der eindeutige Held? Nicht nahtlos. Zwar gehe das, „was wir salopp als das Böse beschreiben“, auch bei Metodi mit der Neigung zur Selbstrechtfertigung und einem wohlgefüllten „Schminkkoffer“ fauler Ausreden und vermeintlich mildernder Umstände einher. Aber alte Folterknechte strahlten mitunter Jovialität aus, während reale Helden für uns oft unleidlicher seien, als wenn sie schon lange tot und stillgestellt als Bilder an der Wand hingen. Dem Berliner Journalisten Najem Wali, der sich 1989 gen Westen rettete, werden die Zustände im Irak zum Movens, um sich abseits der Tagesaktualität in die literarische Verklärung seines „Sehnsuchts-Bagdad“ (Löffler) zu flüchten, denn: „Diese Stadt hat sich aufbewahrt durch die Fantasie.“

Zukunftsmusik

Die Schweizer im Scriptorium teilten Löffler und Epkes unter sich auf, die „Russinnen“ Poladjan und Gorelik reklamierte Löffler für sich. Schon jetzt darf man auf Poladjans Verarbeitung des türkisch-osmanischen Völkermords an den Armeniern gespannt sein, wie am Ende bei ihr anklang. In „Vielleicht Marseille“ erzählt sie aber noch von einer Midlife-Crisis, denn die trauernde Witwe Ann und Kommissar Luc brechen, zufällig gemeinsam, aus ihren Leben aus. Die psychologischen Motive bleiben unaufdringlich, also brachte Löffler die Verfasserin dazu, sie zu benennen. Lena Gorelik verschiebt das Russische ihrer eigenen Erfahrung, indem sie sie der bosnischen Migrantin Sanela unterschiebt. Die deutsche Sprache, so Gorelik, habe sie selbst sich als Kind „tatsächlich erkämpft“, fast genau so wie ihre Heldin. Ihre zwanghaften Figuren stürzten ohne ihr, Goreliks, Zutun ins Unglück: „Ich hätte ihnen von ganzem Herzen ein anderes Ende gewünscht!“

Der Schweizer Schertenleib bekannte sich zu einem Science-fiction- und Fantasy-Abwehrkomplex: Er habe partout nicht bei diesen Genres landen wollen. Tat er aber (was er leugnet), denn sein Desinteresse am Alltäglichen und seine Neugier aufs Unbekannte gravitierten dahin. „Jawaka“ spielt 2057, sei aber keine SciFi, da es nicht um Zukunftstechnik gehe und die geschilderte Welt ohne Strom Anflüge von Mittelalter zeige. Das trifft indes auf etliche Klassiker jener Genres zu. Immerhin nutzt Schertenleib reizvolle Spielorte wie die Schweizer Alpenfestung. Landsmann Sulzers „Postskriptum“ präsentiert sich in „sehr ruhigem, kultiviertem Erzählton“ (Löffler), der seiner realistischen Geschichte um den jüdischen Groß-Schauspieler Kupfer zugutekommt.

Ein wenig klang es im Römer, als habe Erpenbeck, die am Deutschen Buchpreis vorbeischrammte, ihren Roman rascher beendet als geplant. Es geht um Flüchtlinge, aber auch um das diskriminierende Aussortieren von Menschen in Saft und Kraft. Ihr emeritierter Professor Richard setzt sich in seiner plötzlich leeren und ungenutzten Zeit für Flüchtlinge ein, die in ähnlicher Lage feststecken.

Den Satz zur Buchmesse hatte indessen Otto de Kat: „In jedem dicken Buch“, verkündete der Holländer mit Bildhauerblick aufs Schreiben, „steckt ein dünnes, das danach schreit, es herauszulassen.“ Wohlgesprochen.

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