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"Winchester": Alle Erschossenen leben als Gespenster weiter

Von In ihrem „Haus der Verdammten“ begegnet Sarah Winchester den Geistern der Toten und einem Familienfluch. Unter der Regie der Brüder Spierig.
Ist Sarah Winchester (Helen Mirren) noch geschäftsfähig? Sie glaubt an Geister. Foto: Ben King Ist Sarah Winchester (Helen Mirren) noch geschäftsfähig? Sie glaubt an Geister.

Erlesener kann man einen Horrorfilm nicht ausstatten. Feinste Hölzer verschönern Wände und Böden des Anwesens im viktorianischen Stil. Raffinierteste Spitzenvorhänge verhüllen die Fenster, während ein eigens aus Deutschland gelieferter Kronleuchter von der Decke hängt. Ursprünglich hatte das vornehme Haus in San José bei San Francisco acht Zimmer. Doch jetzt zählt es über einhundert Räume auf vier Stockwerken. Die reiche Witwe Sarah Winchester hat sie eigenhändig entworfen. Und während die alte Dame die Bauarbeiter und Zimmerleute rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche immer neue Mauern und Türmchen errichten lässt, baut sie zugleich an ihrem ganz persönlichen Wahn: Dass die Winchesters eine verfluchte Familie seien, weil sie Feuerwaffen herstellen. Gewehre, die töten, wo immer sie benutzt werden, ohne zu unterscheiden, ob ein Schuldiger oder Unschuldiger durch eine Kugel sein Leben verliert.

Erst ist Mrs. Winchesters kleine Tochter kurz nach der Geburt an Fehlernährung gestorben. Dann wurde ihr Ehemann William Wirt Winchester von der Tuberkulose dahingerafft. Nun haust Sarah Winchester allein mit ihrer Nichte und deren schlafwandelndem Sohn in dem verwinkelten Gebäude, in dem all die Erschossenen als Geister ein Heim gefunden haben. Um Mitternacht, wenn die eiserne Glocke schlägt, sieht sich die Erbin eines 20 Millionen-Dollar-Vermögens von den Toten umzingelt und in den Irrsinn getrieben.

Kunstvoll konstruiert

Es ist eine Spukgeschichte mit wahrem Hintergrund, kunstvoll konstruiert von den aus Norddeutschland stammenden australischen Regiebrüdern Michael und Peter Spierig. Die tatsächlichen Ereignisse im „Winchester Mystery House“, das heute als Sehenswürdigkeit in Kalifornien steht, passen mit den ausgedachten Handlungsteilen so fugenlos zusammen wie die zurechtgesägten Bohlen des dunklen Parketts. Erfundenerweise wird der opiumsüchtige, erpressbare Psychiater Dr. Price (Jason Clarke) im Jahr 1906 vom Vorstand des Unternehmens Winchester beauftragt, der Witwe gutachterlich die Geschäftsfähigkeit abzusprechen, damit sie ihre Mehrheitsbeteiligung verliert. Der Arzt findet sich in San José einer ebenso aufgeweckten wie misstrauischen Fabrikantin gegenüber. Helen Mirren spielt sie mit spitzmäusigem Gesicht und versteinerter Miene unter langem schwarzen Schleier.

Seelenverwandtschaft

Im Verlauf der gemeinsam verbrachten Woche wird zwischen dem ebenfalls verwitweten Dr. Price und seiner „Patientin“ eine Seelenverwandtschaft spürbar. Zu kämpfen haben sie beide gegen ihre Hirngespinste, bestehend aus Ängsten und Schuldgefühlen. „Verrückt ist ein gefährliches Wort“, sagt der Mediziner und erweist damit der Gattung des Horrorfilms einen ebenso guten Dienst wie der Film der Brüder Spierig. Denn wo bliebe dieses Genre, wenn es rundum nur geistig Gesunde gäbe und in den Köpfen nicht manchmal die abstrusesten Vorstellungen herumspuken würden?

Sarah Winchester starb 1922 und liegt in New Haven (US-Staat Connecticut) begraben. Bei wie vielen spiritistischen Sitzungen sie seither selbst zu Gast war, ist allerdings nicht bekannt. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Metropolis (OF).
Sulzbach: Kinopolis

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