E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 18°C

Alles Lüge, alles Schein, niemandem ist mehr zu trauen

So unterschiedlich die Bücher von Christine Lehmann, Carol O’Connell und Don Winslow auch sind: In allen dreien ist absolut nichts so, wie es scheint.

Ermordet, das Herz herausgeschnitten, liegt Parapsychologe Gabriel Rosenfeld in einem von innen verschlossenen Raum. Was zunächst wie ein höchst klassischer Krimiplot – ein Locked-Room-Mystery – scheinen mag, entpuppt sich sehr bald als Spiel mit heutigen Trends der Unterhaltungsindustrie: Vampire, Nachzehrer, Voodoo, Spuk, Hellseherei, Psi-Phänomene, Telekinese und und und.

Signale aus dem Jenseits

Mittendrin Christine Lehmanns ruppige Schwabenreporterin Lisa Nerz, die mit ihren eigenen Psi-Kräften hadert. Wie schon in ihrem Krimi "Malefizkrott" greift Lehmann in ihrem neuen Kriminalroman "Totensteige" wieder aktuelle Ereignisse und Strömungen in Gesellschaft wie Medien auf und vereint sie in gestochen scharfer Sprache zu einem klugen Krimiplot. Leicht ins Surreale übersteigert, bleibt Lehmann dennoch bodenständig und zeigt unter anderem die Manipulierbarkeit der Medien und deren Einflussnahme, wenn es um die nächste Skandalgeschichte geht. Doch wirklich faszinierend und erstaunlich ist, wie man als Leser mit Lisa Nerz in das merkwürdige Denksystems der Parapsychologie eintaucht und gleichzeitig das Konzept von außen kritisch betrachtet. Beides zusammenzubringen, schafft wohl nur Christine Lehmann. Und nicht einmal die Katzen kommen dabei zu kurz.

Okkultismus und die Beeinflussbarkeit der Medien sowie deren willkürlicher Umgang mit Fakten und Fiktionen spielen auch in dem neuen Kriminalroman von Carol O’Connell eine Rolle: "Tödliche Geschenke" lautet sein Titel. Vor 20 Jahren verschwand Josh, damals gerade mal 14 – heute kehrt er Stück für Stück, Knochen für Knochen (so auch der Originaltitel) zurück. Dadurch brechen alte Wunden wieder auf, und neue kommen hinzu.

Verdrehte Tatsachen

Wirklich viel passiert nicht in Carol O’Connells neuem Krimi – doch das Wenige ist dafür umso intensiver. Niemand in diesem Buch sagt zunächst die ganze Wahrheit, jeder hält ein Stück zurück, manche lügen ganz bewusst. Nichts und niemand ist, wie er im ersten Moment scheint. Als Leser weiß man lange Zeit nicht, welcher dieser Verschrobenen im kalifornischen Städtchen Coventry man überhaupt glauben soll. Und was ist mit den Fernsehberichten, die durch geschickten Schnitt Tatsachen verdrehen, oder mit den Antworten des Ouijabretts, des Hexenbretts, mit dem Touristen und Einwohner seit Jahren mit dem Geist des jungen Josh Kontakt aufnehmen? "Tödliche Geschenke" ist ein eher zurückhaltender Kriminalroman von warmherzigem und intelligentem Charme.

Ganz irdisch hingegen ist "Die Sprache des Feuers" von Don Winslow. Dank der großen Erfolge von Winslows "Tage der Toten" und "Zeit des Zorns" liegt nun endlich auch dieser Roman erstmals auf Deutsch vor, obwohl er bereits 1999 im Original erschienen ist. Schon damals zeigte sich Winslows schöpferisches Desinteresse an einschränkenden herkömmlichen Schreibformen.

Gier nach Geld

Detailgenau schildert er die Arbeit des Brandermittlers Jack Wade, der für die Versicherungsgesellschaft "California Fire & Life" tätig ist. Bei dem Brand in einem schmucken Bungalow, bei dem es eine Tote gibt, scheint es sich zunächst um einen tragischen Unfall zu handeln. Doch je genauer Jack hinschaut – und als Schadensregulierer der Versicherung ist genau dies sein Job –, um so deutlicher wird, dass es sich um Brandstiftung und Mord handelt. Aber beweisen kann er es nicht, und so entspinnt sich ein gnadenloses Duell zwischen Ermittler und Brandstifter – und eine scharfsichtige Analyse der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft, zerfressen von Gier und Korruption.

Christine Lehmann: "Totensteige". Verlag Ariadne/Argument Verlag, broschiert, 537 Seiten, 12,90 Euro. Carol O’Connell: "Tödliche Geschenke". Verlag BTB, Taschenbuch, 414 Seiten, 14,99 Euro. Don Winslow: "Die Sprache des Feuers". Verlag Suhrkamp, Taschenbuch, 419 Seiten, 14,99 Euro

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen