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Frankfurter Liebieghaus: Alles wartet aufs Jesuskind

Die Ausstellung „Stille Nacht“ erzählt im Liebiegmuseum an 100 Werken anschaulich die christliche Glaubensgeschichte, auch mit vielen vergessenen Episoden.
„Maria in der Hoffnung“, geschnitzt in Schwaben im 16. Jahrhundert. Bilder > Foto: unknown „Maria in der Hoffnung“, geschnitzt in Schwaben im 16. Jahrhundert.
Frankfurt. 

Jeder kennt die Geschichte mit Maria und Josef, mit dem Jesuskind in der Krippe, mit Ochs und Esel, den Hirten und den Heiligen Drei Königen. Aber was suchen etwa Ochs und Esel dort? Die kommen in der Bibel gar nicht vor. Doch neben den nüchternen Evangelien von Matthäus und Lukas etablierten sich ab dem 2. Jahrhundert nach Christus auch die Apokryphen, die geheimen, von der Kirche offiziell nicht anerkannten Texte.

Viel Blau und Türkis

Diese Apokryphen schmücken die Bibel aus, ähnlich wie spätere Heiligenlegenden und Visionen von Gläubigen. So erkannten Ochs und Esel laut den Apokryphen im Jesuskind instinktiv ihren Herrn, während die Menschen nicht an Christus als Gottes Sohn glaubten. Diese und viele andere Geschichten über fromme Tiere und ungläubige Menschen erfährt jetzt der Besucher des Frankfurter Liebieghauses in der Schau „Heilige Nacht. Die Weihnachtsgeschichte und ihre Bilderwelt“.

Sie versammelt bis 29. Januar nächsten Jahres rund 100 Gemälde, Skulpturen, kleine Altäre, Druckgrafiken und Buchmalereien aus der Zeit vom 4. bis 16. Jahrhundert, aber mit Schwerpunkt auf dem Mittelalter. Nur wenige Werke stammen aus späterer Zeit. Die Schau klingt nämlich mit zwei großen Krippen des 18. und 19. Jahrhunderts aus, die wichtige Bibelszenen mit je 300 Figuren in den Raum übersetzen.

Doch das Mittelalter, so Stefan Roller, der Kurator dieser klug und spannend inszenierten Schau, war die beste Zeit für die Weihnachtsgeschichte. Erst als Folge der Reformation gab es thematische Beschränkungen, um die zutiefst verfeindeten Glaubensrichtungen voneinander abzuheben. Aber die jetzige Schau ist eher kulturhistorisch als religiös ausgerichtet, sie verrät viel über die Zeitläufte, natürlich auch über den Glauben.

Zarte Verkündigung

Die Weihnachtsgeschichte wird sehr ausführlich vorgestellt, von der Verkündigung an die Jungfrau Maria, über ihre baldige Schwangerschaft, weiter über Christi Geburt und die Flucht nach Ägypten, bis zur Rückkehr nach Nazareth. In vier Räumen, abwechselnd in tiefes Blau oder schimmerndes Türkis getaucht, lassen sich diese Szenen hautnah und in etlichen Varianten verfolgen. Die in zehn Kapitel eingeteilte Schau ist fast wie ein Buch zu lesen, meint der neue Städel-Chef Philipp Demandt.

Ohnehin dürfte die Ausstellung ganz nach seinem Geschmack sein, bezeichnete doch Demandt bei seinem Amtsantritt vor zwei Wochen die Kunstgeschichte als ein Fach, das Geschichten erzählen solle. Dafür hat Stefan Roller wichtige Kunstwerke von rund 40 Museen aus aller Welt geliehen. Schon das erste Bild, die von Jörg Stocker nach Martin Schaffner um 1496/99 gemalte Verkündigungsszene, kündet von der zarten Anmut der tiefgläubigen Maria. Auch wenn Josef nur ein Zimmermann ist, findet die Verkündigung in einem Palast statt, denn Maria soll ja einen König gebären.

Dank dieser und anderer kleiner Hinweise sieht man die biblische Geschichte mit neuen Augen. Josefs Zweifel an der vermeintlich untreuen Maria etwa hat ein niederrheinischer Meister Ende des 15. Jahrhunderts in einer bewegenden Szene geschnitzt. Es folgt das Treffen zwischen Maria und der erst im hohen Alter schwanger gewordenen Elisabeth, mitsamt der Kinder im Bauch, die dank Röntgenblick sichtbar sind. Tatsächlich erkennt Johannes, der Sohn Elisabeths, in seinem Gegenüber bereits Christus, verneigt sich und betet, wie in einer kleinen Tontafel und in einem großen Gemälde zu sehen ist.

Derlei Darstellungen gab es auch im kleinen Format für die meist aus adligen, also wohlhabenden Familien stammenden Nonnen, die damit in ihrer Zelle einen kleinen Andachtsaltar hatten. Aus diesem Umkreis stammt ein Marienalter von 1330, dessen wunderschöne Bemalung noch größtenteils original überliefert ist, während einige Holzteile wohl getauscht wurden. Ein Meisterwerk, das so überzeugend geschnitzt und bemalt ist, dass man davor geradezu niederknien möchte. Zumindest kann man sich kaum sattsehen an dieser Pracht der Farben.

Wie wichtig die Apokryphen für die Künstler waren, zeigt sich beim Rundgang an zahlreichen Kunstwerken. Als Maria ihr Kind entbunden hatte, ohne Blutspuren, kehrt Josef mit den Hebammen Zelomi und Salome zurück. Nachdem Maria von Zelomi eingehend untersucht worden ist, berichtet sie Salome von dem Wunder. Salome glaubt dies nicht, untersucht auch Maria, aber ihr Arm wird bei der ersten Berührung gelähmt. An Marias Jungfräulichkeit zweifelt sie nun nicht mehr und ist fest im Glauben, zumal Gott sich als gnädig erweist und sie heilt.

Wundersame Geschichten

Neben diesen wundersamen Geschichten gibt es auch brutale Darstellungen, etwa vom Bethlehemitischen Kindermord, denn im Mittelalter mit seiner rigiden Rechtssprechung kannte man keine Skrupel. Da wurden selbst Kinder kurzerhand aufgespießt oder ihre kleinen Bäuche ritsch, ratsch aufgeschlitzt.

 

Liebieghaus, Schaumainkai 71, Frankfurt. Bis 29. Januar 2017, dienstags, mittwoch und freitags bis sonntags 10–18 Uhr, donnerstags 10–21 Uhr. Eintritt 10 Euro, Katalog 34,90 Euro. Telefon (069) 65 00 490. Internet www.liebieghaus.de

 

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