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Alles, was man braucht, ist Gesellschaft

Von Die von dem Belgier Jan Lauwers gegründete „Needcompany“ bietet ein Theater, das sich mit der flämischen Literatur ergänzen soll, wie sie dieses Jahr die Buchmesse bietet.
Die Aufführung „Forever“ versteht sich als Performance-Installation aus 46 Prozent Choreografie, 28 Prozent Klang und 26 Prozent Porzellan. Die Aufführung „Forever“ versteht sich als Performance-Installation aus 46 Prozent Choreografie, 28 Prozent Klang und 26 Prozent Porzellan.

Eines schönen Tages vor jubiläumsträchtigen dreißig Jahren befand der belgische Bildhauer Jan Lauwers: „I need company – Ich brauche Gesellschaft“. Also gründete er mit Grace Ellen Barkey die „Needcompany“. Falls das eine Legende ist, macht es auch nichts. „Needcompany“ feierte im Handumdrehen internationale Erfolge, die sich in dritter Künstlergeneration fortsetzen. Viele Arbeiten waren am Mousonturm zu sehen, der oft Koproduzent war. Am 7. und 8. Oktober feiert das Künstlerhaus die „Needcompany“ und hat die neuesten Arbeiten geladen. Zu sehen im ganzen Hause.

Dass die Gründer bildende Künstler waren, die unter Leute ins Theater strebten, erklärt, dass der Freiraum von Machern aller Genres genutzt wird, um sich radikal zu artikulieren. „Radikal“ heißt, wenn man genau hinguckt, oft auch: radikal naiv, radikal vorbei an den Theorien akademischer Berufsinterpreten, radikal wie eine Horde Spielkinder. Was alles mitnichten bedeutet, „Needcompany“ stünde nicht mit an der Spitze ernsten, anspruchsvollen, philosophisch-zeitgeistig bedeutenden Theaters. Diese Spitze bestimmt die „Needcompany“ sogar maßgeblich mit.

Als im Juni 2015 Jan Lauwers’ Porträt-Stück „The Blind Poet“ gastierte, worin sich mehrere Künstler Identitäten aus der epischen Tiefe der Zeit zulegten wie Gefieder, war von „tollem“ Theater zu schwärmen, das Kulturidentitäten ernstnimmt und verspottet, weil im Individuellen, in Lebenslust und Exotik auflöst. Daher die Wahl-Indo-Chinesin mit Kreuzzugswurzeln Grace Ellen Barkey, der ewige Schmied und Homer-Erbe Maarten Seghers, der zweite „blinde Dichter“ Mohamed Toukabri, der Wikinger in Byzanz Melø Dahl. Nun also „Tolle Künste“ aus Flandern, mit der „Needcompany“ als Speerspitze.

Fäden des Schicksals

Jan Lauwers nimmt sich fast zurück und nur qua Unter-Gruppe „Ohno Cooperation“ mit „Video Conversation“ teil. Lauwers’ urwüchsig-surrealer Fabulierlust verdanken sich mit die schönsten „Needcompany“-Stücke: großes Welttheater, das an Peter Brook erinnert. Da gab und gibt es paranoisch verwickelte Schicksalsfäden („Morning Song“, „Marketplace 76“), Fragen nach dem Sinn von Theater („The Lobster Shop“) und ein fantastisch überbordendes Erzählen, das aber auch sinnlich, schlicht, anschaulich bleibt. „Video Conversation“ jetzt (eine von zweien) kreuzt den Absurdismus eines Samuel Beckett mit einem Humor wie von Loriot. Gesprächsthema ist das Theater, nur sind die Teilnehmer entweder lächerliche alte Wurzelseppln mit abstrusem Bart und Pfeife im Holzfällerhemd (Lauwers 2056?), die große Fragen ans Theater ganz gemächlich unter Sabbern und Schmatzen vorbringen. Oder ein komisches Duo, das im Tümpel daherstapft und Masken aus Karton für sich entdeckt, während es in „Sesamstraßen“-Manier große Welt- und Theaterfragen stellt. Spielkinder eben (im Studio).

Im Saal werden Lemm&Barkeys „Forever“, Lisaboas & Kuiperskaais „Winter’s Tale“ nach Shakespeare und Maarten Seghers’ „o – Or The Challenge Of This Particular Show Was To Have Words Ending in O“ zu sehen sein. Von „Forever“ von Barkey und Lot Lemm heißt es übergenau, die Performance-Installation bestehe aus 46 Prozent Choreografie, 28 Prozent Klanglandschaft und 26 Prozent Porzellan – alles ausgehend von Gustav Mahlers trauervollem „Abschied“ („Lied der Erde“). Das Mixtum compositum äußert sich als surreales Ineinander klingender Szenen mit Blüten aus Porzellan, tenoralen Gesangs mit Vogelgezwitscher, sinnlicher Ballettkostüme mit viel Gaze und einem Hauch Vampirismus. Im Foyer des Mousonturms oben sind außerdem Lemm&Barkeys „18 Videos“ zu sehen. „Winter’s Tale“ vom Kollektiv Kuiperskaai in der Regie Lisaboa Houbrechts versetzt Shakespeare in ein fantastisches Universum aus Schein und Sein, Lust und Wut, Traum und Albtraum. Die Tragödie des Scheiterns zerfällt in separate Zugänge: tänzerisch, skulptural, eingebettet in kostümierte Tiermagie, bei viel Platz für Gefühl und Schauspiel. Die Fotos verheißen Hippie-Stimmung mit irren Kostümen und Tanz auf Tisch oder Rollbord, ausgestreckte Zungen und den Mann an der E-Gitarre.

Höhepunkte in Trance

Trancehafter Höhepunkt muss wohl Seghers’ „o – Or The Challenge...“ werden: ein irrer Trip um den manisch-monoton lossägenden Cellisten Simon Lenski und vier Mitstreiter, die ein rhythmisches Höllenspektakel ins Dasein hauen. Szene: ein verkommener Dachboden? Das wirkt wie eine Jam Session unter magischen Pilzen und entwickelt beim Stampfen, Hüpfen, Trommeln und Verkleiden als Filz-Pilz und mit der Kuhglocke am Hals tierischen Sog. Angeblich dreht sich alles um „o“-Wörter, davon zeugen aber nur Spuren. Ein Mini-Festival, wie es nur der Mousonturm mal eben veranstalten kann.

Künstlerhaus Mousonturm, Waldschmidtstraße 4, Frankfurt. 7. und 8. Oktober, verschiedene Uhrzeiten. Karten für 0 bis 19 Euro unter Telefon (069) 40 58 950. Internet www.mousonturm.de

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