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„Alles, was neu ist, macht Angst“

Fundamentalistische Muslime in Hamburg, ein Amerikaner auf der Suche nach seinem ägyptischen Vater und Asyl suchende Tschechinnen in Oberbayern - frische Blicke auf ein Thema.
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Bei dem verheerenden Tsunami 2004 kamen allein in Indonesien mehr als 15 000 Menschen ums Leben. 37 000 werden seither vermisst. In Carolin Philipps’ „Du zahlst den Preis für mein Leben“ (Ueberreuter, ab 13, 112 S., 9,95 Euro) gehört der Vater der dreizehnjährigen Protagonistin Nica aus Hamburg zu den nie mehr aufgetauchten Opfern. Die Katastrophe erlebte Nica als kleines Mädchen in Banda Aceh an der Nordküste von Sumatra, wo sie mit ihren Eltern auf Urlaub war. Nica fand Aufnahme in einer muslimischen Familie, zu der Nica und ihre Mutter Kontakt hielten. Nica und Riana, die gleichaltrige Tochter des strenggläubigen muslimischen Ehepaars, wurden beste Freundinnen. Eines Tages taucht unangekündigt das indonesische Ehepaar samt Sohn in Hamburg auf und beantragt Asyl. Nicas Mutter hilft, wo sie kann. Doch rasch gibt es Spannungen, weil Bapak und Ibu jede Auskunft zum Verbleib ihrer Tochter verweigern. Erst als sich Nica mit Rianas Bruder Kali zusammentut, offenbart sich ihr grausames Schicksal.

„Du zahlst den Preis für mein Leben“ packt brisante Themen wie religiösen Fanatismus und Frauenrechte an. Besonders die unversöhnliche Härte des Schlusses verblüfft. Auch wenn die Verhältnisse zuweilen klischeehaft dargestellt sind, ist es doch ein mutiges Buch, das zur Auseinandersetzung herausfordert.

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Ungleich heiterer geht es in Pauls Toutonghis „Die Sphinx von Montana“ (Rowohlt-Berlin, ab 14, 318 S., 19,95 Euro) zu. Zwar ist der Roman des 1976 geborenen amerikanischen Autors mit ägyptisch-lettischen Wurzeln kein ausgewiesenes Jugendbuch, doch Story, Stil und Szenerie eignen sich passgenau für ein junges Lesepublikum. Im Zentrum steht der hypochondrische 23-jährige Museumsangestellte Khosi Saqr, Sohn eines Ägypters und einer Amerikanerin, die, nachdem ihr Mann sie vor zwei Jahrzehnten verließ, Khosi in ihrem Heimatort Butte in Montana allein großzog. Khosi, der sich immer „halb“ fühlte, wird aus seiner lethargischen Selbstgenügsamkeit gerissen, als plötzlich sein Vater in Montana auftaucht - und gleich wieder verschwunden ist. Nun will Khosi es wissen: Woher komme ich? Wer ist mein Vater? Warum hat er uns damals verlassen? Kurzerhand fliegt der junge Mann, der zuvor jeder Unordnung aus dem Weg ging, nach Ägypten, in die quirlige Metropole Kairo. Die Abenteuer, die dort auf ihn warten, lassen sich in einem Wort zusammenfassen: filmreif. „Die Sphinx von Montana“ enthält alle Zutaten für ein packendes Drehbuch. Es gibt ungewöhnliche Schauplätze, liebenswert-skurrile Charaktere, jede Menge überraschender Wendepunkte, Verfolgungsfahrten, den Geist eines amerikanischen Urahn, eine angedeutete Lovestory, und nicht zu vergessen das Hohelied auf die Kultur des Kochens sowie die Botschaft, dass zuweilen ein „Gott-ist-groß“-Fatalismus die beste Antwort auf verworrene Verhältnisse bietet, manchmal aber entschiedenes Handeln angesagt ist. Das Schlusskapitel jedenfalls sieht den sympathischen Khosi Saqr 2011 unter den Protestierenden auf Kairos Tahrir-Platz.

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„Paradiessucher“, den ersten Roman der 1969 geborenen Schauspielerin und Autorin Rena Dumont (Carl Hanser, ab 14, 303 S., 14,90 Euro), zeichnet zweierlei aus: Zum einen erzählt er eine ungewöhnliche Geschichte, zum zweiten besticht er durch seine unverblümt-authentische Sprache. Die Ich-Erzählerin Lena Hroz - über weite Strecken dürfte sie identisch sein mit der Autorin - entschließt sich 1986 als Siebzehnjährige mit ihrer alleinerziehenden Mutter, ein auf zwei Wochen befristetes BRD-Visum zur Flucht mit dem Pkw über die tschechisch-deutsche Grenze zu nutzen. Die treibende Kraft ist nicht die eher zur Resignation neigende Mutter, sondern Lena, die sich nicht damit abfinden will, dass ihr das kommunistische System den Platz an einer Schauspielschule verwehrt. Die Unterschiede zwischen der mährischen Kleinstadt Prerov und ihrer ersten Zufluchtsstation in einem Asylbewerberheim am Königssee verstört die Frauen. Der erste Besuch bei Aldi wird zum hinreißend komisch erzählten Abenteuer. Die Zustände in der Asylantenunterkunft deprimieren, die Männerbekanntschaften sind destruktiv, und die Shoppingtouren bewegen sich am Rande der Kriminalität.

Dazu kommt das schwierige Zusammenleben mit der Mutter, realistisch geschildert als Mischung aus Besorgtheit, Vorwürfen und Keifen, grundiert von tiefer Verbundenheit. Gerade noch rechtzeitig, bevor Lena wegen der Sprachbarriere ihren Traum von der Schauspielerei „endgültig wie ein Wölkchen verfliegen“ sieht, nimmt sie ihr Schicksal in die eigenen Hände. Lena Hroz alias Rena Dumont hat das Beste daraus gemacht. Und außerdem ist ihr auch noch ein mitreißendes Buch über Aufbruch und Neuanfang gelungen.

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