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Orgeln: Als Weltkulturerbe empfohlen

Von Zwischen Frankfurt, Limburg und Darmstadt gibt es etliche monumentale Orgeln in den Kirchen. Wird die Unesco sie auf ihrer bevorstehenden Tagung berücksichtigen?
Prachtvoll verziert ist der Orgelprospekt in der Justinuskirche in Frankfurt-Höchst. Hinter der historischen Fassade steckt ein neues Instrument. Bilder > Prachtvoll verziert ist der Orgelprospekt in der Justinuskirche in Frankfurt-Höchst. Hinter der historischen Fassade steckt ein neues Instrument.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss der Unesco zum Immateriellen Kulturerbe tagt vom 4. bis 9. Dezember im südkoreanischen Jeju. In diesem Jahr sind 35 Formen des Wissens und Könnens für die Welterbe-Liste der Unesco vorgeschlagen: unter anderem die Basler Fastnacht, die Tradition der Wasserrichter von Corongo in Peru und das Müllerhandwerk aus den Niederlanden. Deutschland hat den Orgelbau und die Orgelmusik nominiert. Welch reiche Tradition die deutsche Orgelmusik hat – mit Johann Sebastian Bach als wohl bedeutendstem Komponisten von Kirchenmusik – sieht man in Hessen, zwischen Frankfurt, Limburg und Darmstadt.

Zahn der Zeit

Silbermann! Gottfried Silbermann! Dieser Name steht für „Orgel“. Man sieht förmlich die silbernen Pfeifen blitzen und hört silberklare Töne. Am besten die von Johann Sebastian Bach, denn der Thomaskantor lebte zur selben Zeit und gar nicht weit entfernt von dem Meister aus dem Erzgebirge. Ja, Bach spielte sogar auf den großen Silbermann-Orgeln in Dresden. Nicht zuletzt deshalb wurde, beim Wiederaufbau der Frauenkirche, Silbermanns Name erneut beschworen: natürlich musste auch sein großartiges, 1733 eingeweihtes Instrument rekonstruiert werden, obwohl schon vor der Zerstörung von Stadt und Kirche im Februar 1945 von der Silbermann-Orgel nicht mehr viel übrig geblieben war. Der Zahn der Zeit, der Wandel des Klangempfindens und nicht zuletzt der technische Fortschritt hatten dem Instrument zugesetzt. Orgeln sind im Prinzip haltbare Instrumente; Wertarbeit und gute Qualität, die sich auch im Preis niederschlägt, zahlen sich über Jahrhunderte aus. Wer Orgeln als Denkmäler ihrer Zeit begreift, kann noch heute hören, wie die Musik Bachs und anderer einst geklungen hat. Dabei war Silbermann nicht der erste, der in Deutschland Orgeln baute. Die Tradition dieses Instruments geht bis ins Mittelalter zurück; das Prinzip, Wind in Rohre und Pfeifen zu blasen, an deren Kanten sich die Luft bricht, in Schwingungen gerät und Töne erzeugt, kannten schon die alten Griechen. Zur feierlichen Hebung der Liturgie und als Statussymbol geriet die Orgel bald schon in die Kirchen. Im Laufe der Zeit fanden die Orgelbauer immer neue Klangmöglichkeiten und vervollkommneten die Technik, sie zu nutzen.

Der Klang hängt ab von Material und Größe der Pfeifen; es gibt dicke und dünne, große für die tiefen und kleine für die hohen Töne, aus Holz und Metall-Legierungen. Die Kunst des Orgelbaus besteht in der Schönheit, wie diese „Register“ nicht nur einzeln tönen, sondern auch miteinander verschmelzen. Orgelspieler steuern die Pfeifen über eine oder mehrere Tastaturen (Manuale, Pedal) an, die wiederum, auf mechanischem Weg oder über elektrische Kontakte, Ventile öffnen und den Wind von unten einblasen. Dies muss in Echtzeit funktionieren, damit auch virtuose Stücke gelingen, und es muss genug Wind erzeugt werden, um gerade die großen Instrumente zu versorgen. Zu Silbermanns Zeit wurden eigens „Kalkanten“ beschäftigt, gigantische Bälge aufzuziehen, seit etwa 125 Jahren erleichtert auch hier die Elektrizität die Arbeit.

Opern auf der Orgel

Der Bund deutscher Orgelbauer (BDO), der in rund 100 Betrieben etwa 2200 Mitarbeiter beschäftigt, hat für „Qualität“ eigens Richtlinien herausgegeben. Das macht sich bezahlt – deutsche Orgeln sind im In- und Ausland begehrt, etwa 25 Prozent der Produktion gehen in den Export. In Kirchen und Konzerthallen auf der ganzen Welt schätzt man deutsche Orgeln; Konzerthallen deshalb, weil Orgeln bisweilen in Orchesterwerken und Oratorien gebraucht werden oder, vor allem im 19. Jahrhundert, ganze Orchester ersetzten. Reisende Virtuosen spielten damals dem Publikum die neuesten Hits aus Opern von Wagner und Verdi und anderen vor! Deshalb stellte man Orgeln bald auch in die Kinos, um Stummfilme wirkungsvoll zu begleiten.

Da heute kaum mehr Kirchen gebaut werden, konzentriert sich der Orgelbau auf Ersatzbauten – wenn den Organisten die alten Instrumente dann doch zu denkmalhaft werden –, Reparaturen oder Erweiterungen. Nicht nur große, sondern auch kleinere Instrumente müssen betreut werden. Spektakuläre Instrumente entstehen in Konzerthallen, zuletzt im Pariser Radio-Saal und in der Hamburger Elbphilharmonie. Saalorgeln müssen sich ihren Platz zwar gegen die Wünsche mancher Architekten erobern, werden aber rasch, erheben sie erst einmal ihren majestätischen Klang, Attraktionen für die Besucher. Der gute Name Gottfried Silbermann als Ahnherr und Symbolfigur wirkt fort, die Tradition bleibt lebendig. Schon deshalb gehört der weltweit gerühmte deutsche Orgelbau ins Welt-Kulturerbe!

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