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Alte Männer schießen sich auf den Mond

Auch Norbert Scheuers jüngster Roman „Am Grund des Universums“ wurzelt in seiner Wahlheimat Kall – einem mal mystischen, mal prosaischen Flecken in der verregneten Eifel.
Der Schriftsteller Norbert Scheuer ist der Eifel und seinen mitunter kauzigen Bewohnern eng verbunden. Der Schriftsteller Norbert Scheuer ist der Eifel und seinen mitunter kauzigen Bewohnern eng verbunden.

Norbert Scheuer ist bekennender Eifeler. Er lebt in Kall-Keldenich und zählt sich im Nachwort offen zu den „Grauköpfen“. Jener zentralen Figurengruppe, die in seinem Buch die Cafeteria des Supermarktes bevölkert, und irgendwo zwischen griechischem Schicksalschor und Senioren-Treff changiert. Die alten Männer kennen alles, haben alles gesehen, was sich in Kall seit gefühlt 100 Jahren zugetragen hat. Liebes- , Finanz- und politische Affären. Aber auch die trübe Kindheit Ninas, die als Eifel-Aschenputtel nächtens die Zeitungen austrägt und dabei den Geheimnissen aller Nachtschwärmer Kalls nachspürt.

Moderne Agora

Die Grauköpfe mögen manche Körperfunktion eingebüßt haben, nicht aber Neugier und Missgunst. Immer wieder gern pilgern sie zur Straßenunterführung, wenn die im legendären Eifelwetter vollläuft, um sich die abgesoffenen Autos anzusehen. Von der zur modernen Agora mutierten Cafeteria aus beflüstern sie die knospende Liebe Ninas zum Afghanistan-Veteranen Paul, den Scheuer-Leser aus dem Roman „Die Sprache der Vögel“ (2015) kennen. Die Ohnmachtsanfälle des Totgeglaubten in seinem Rollstuhl sorgen die Alten auch nicht mehr als die Reise des kauzigen Lünebach in einem rotten Sprengschutzbunker ans Ende des Universums. Es gibt schließlich Wichtigeres. „Wenn sie morgens kommen, fragen sie einander zunächst, ob sie auch ihre Pillen genommen hätten.“ Und dann ist da noch das Projekt des skrupellosen Sparkassen-Vizes Molitor, der zusammen mit dem dubiosen Bauunternehmer Caspari den alten Stausee vergrößern will, um mit einem Ferienpark dem siechen Kall neues Leben einzuhauchen. Scheuer könnte entlang des Seeprojekts einen sozialen oder politischen Roman schreiben, und die Verwerfungen in den Vordergrund stellen, die der Einbruch der jeweiligen Moderne in die Provinz so mit sich bringt. Aber Scheuers Bücher zielen auf innere, nicht auf äußere Vorgänge. So kann die Schulabbrecherin Nina zwar schreiben, und füllt seit Kindertagen zwanghaft Kladde um Kladde. Aber sie kann das Geschriebene nicht lesen. „Alexia sine Agraphia“ heißt dieser Gendefekt, von dem ganz Kall betroffen scheint.

Geheime Beziehungen

Denn alle Figuren des Ortes leben zwar ihre Leben, können sie aber nicht lesen. Und diese halb bewussten, halb geträumten Leben sind Scheuers eigentliches Interesse. Da ist er ganz „Graukopf“. Denn „in ihren Köpfen setzt sich die Gegend wie ein kompliziertes Puzzle aus weit verzweigten Verwandtschaften und geheimen Beziehungen zusammen“. So bevölkert Scheuer seinen Roman mit der halben Eifel, und entwickelt auf schmalem Raum ein Beziehungsdickicht, das man als Leser am besten katalogisiert, um sich im „Wer-mit-Wem“ nicht zu verlieren.

In der Mischung von realen und phantastischen Elementen in Provinznestern lehnt Scheuer sich dabei deutlich an Dylan Thomas’ „Under the Milkwood“ an. Leider erreicht Scheuer auch nicht annähernd Thomas’ selbstvergessene Spracheleganz, die es braucht wenn man alte Männer auf Zahnarztstühlen in Sprengbunkern zum Mond schießt oder senile Witwen in chinesischen Seidenröcken würdevoll durch den Schlamm leerer Seen wandern lässt. Vielversprechende Motive wie die verklappte Kaller NS-Geschichte, die im abgelassenen See wieder auftaucht, bleiben unterbelichtet. Auch manche Figur gelingt nur holzschnittartig. Scheuers Crossover aus griechischer Poetik, einmontierten Weisheiten des Laozi und einem ordentlichen Schluck Dylan Thomas erweckt am Ende des Buches manchen Kaller aus falschen Träumen, macht Gewinner zu Verlierern und umgekehrt. Wirklich ändern wird sich nix in Kall. Warum auch? Et hätt noch immer joot jegange.

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