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Spannende Vergabe: Am Montag wird im Frankfurter Römer der Deutsche Buchpreis vergeben

Eine Prognose scheint in diesem Jahr besonders schwierig. Die Vergabe des Deutschen Buchpreises am Montag in Frankfurt wird spannend – auch, weil zwei Autoren nicht ins Schema passen.
Thomas Melle Bilder > Foto: Arne Dedert; Frank Rumpenhorst (dpa) Thomas Melle

Für die Lübecker Bloggerin Sophie Weigand liegt ein Autor völlig daneben, wenn er eine geschwollene Nase mit „Farbe und Form einer prallen Peniseichel“ vergleicht. Dagegen glaubt der Hamburger Blogger Gerard Otremba, dass dies zwar komisch klingt, aber den Jargon der Hooligan-Szene gut trifft.

Beim Online-Streit der beiden Buchhändler geht es um die Sprache in „Hool“. Der Debütroman Philipp Winklers (30) über die schlagkräftigen Hardcore-Fans von Hannover 96 hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Vor der Preisverleihung am Montagabend in Frankfurt, am Vorabend der Buchmesse, wird in einschlägigen Foren heftig über die sechs Titel in der Endausscheidung debattiert. Wer den besten deutschsprachigen Roman des Jahres geschrieben hat, ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Wer die besten Chancen hat, das lässt sich in der Regel aber ganz gut an den Preisträgern des vergangenen Jahrzehnts ablesen. Es geht dabei nicht nur um gute Literatur. Fast immer sind Bücher ausgezeichnet worden, die mit der Verarbeitung von (Zeit-)Geschichte den Blick aufs Ganze öffnen. Das gilt für Uwe Tellkamps Dresden-Epos „Der Turm“, Eugen Ruges DDR-Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, Ursula Krechels „Landgericht“ oder Lutz Seilers Hiddensee-Saga „Kruso“. Der letztjährige Preisträger Frank Witzel macht da keine Ausnahme. Er hat in „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Muff der westdeutschen Nachkriegsprovinz verarbeitet.

Dieses Jahr hat die Jury zwei Bücher auf die Liste gesetzt, die streng genommen dort gar nicht auftauchen dürften. So hat Thomas Melle mit „Die Welt im Rücken“ keinen Roman, sondern eher eine Art Autobiografie geschrieben. Thema ist seine bipolare Störung. Das Buch ist eine Chronik seiner manisch-depressiven Schübe. Harte Kost. Dennoch sind die Kritiker in Feuilletons und Blogs fast alle begeistert. Melle war bereits mit seinen ersten beiden Romanen für den Buchpreis nominiert.

Auch der Frankfurter Routinier Bodo Kirchhoff (68) hat sein neues Buch „Widerfahrnis“ ausdrücklich nicht als Roman, sondern als Novelle charakterisiert, eine längere Erzählung. Der Autor lässt in seiner kleinen Road Novel einen Ruheständler mit der neuen Liebe in den italienischen Süden reisen, wo er mit der Flüchtlingsrealität konfrontiert wird. An der manchmal gespreizten Erzählweise Kirchhoffs („Schundroman“) scheiden sich oft die Geister. Mit seinem schlanken Buch hat er diesmal nicht nur in der Preis-Jury Freunde gefunden.

Eigentlich ist auch die Österreicherin Eva Schmidt mit ihrem Buch „Ein langes Jahr“ – ihr erstes seit fast zwei Jahrzehnten – auf der Liste leicht fehl am Platz. Sie hat aus 38 Einzelgeschichten einen Episodenroman über das (klein-)städtische Leben gemacht. Ein ruhiges Buch, wie auch der Roman des zweiten Österreichers. Reinhard Kaiser-Mühlecker widmet sich in „Fremde Seele, dunkler Wald“ im Erzählstil des 19. Jahrhunderts einer Familientragödie auf einem Bauernhof.

Beide Bücher dürften nur Außenseiterchancen haben. Bleibt noch André Kubiczek mit seinem Coming-of-Age-Roman „Skizze eines Sommers“. Leichtfüßig beschreibt er darin, wie ein 16-Jähriger die Freuden des Heranwachsens in Potsdam vor der Wende erlebt. Ein Buch, das Buchhändler bestimmt gerne mögen, weil es einen großen Leserkreis garantiert. Doch zuviel Lockerheit ist bei Buchpreisen in Deutschland immer auch ein Manko. Außerdem haben Romane, die die untergehende DDR zum Hintergrund hatten, schon mehrfach den Deutschen Buchpreis eingeheimst.

Am Montagabend wird die siebenköpfige Jury im Frankfurter Römer ihr Geheimnis lüften. Wen immer sie kürt: Prügel wird es wohl geben. Einigen Kritikern hat schon nicht gepasst, dass auf der Shortlist namhafte Longlist-Autoren wie Sybille Lewitscharoff oder Joachim Meyerhoff aussortiert wurden. Bestsellerautoren wie Juli Zeh, Christian Kracht oder Benedict Wells sind erst gar nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert worden.

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