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Literatur: Am Rande der Selbstzerstörung

Von In „Jahre später“ erzählt Angelika Klüssendorf die Geschichte vom „Mädchen“, das in einem zweiten Buch „April“ wurde, weiter. Ein klarsichtiger, unheilvoller Eheroman.
Angelika Klüssendorf verarbeitet in ihrem neuen Roman auch die komplizierte Ehe mit dem 2014 gestorbenen „F.A.Z.“-Herausgeber Frank Schirrmacher. Foto: Gene Glover Angelika Klüssendorf verarbeitet in ihrem neuen Roman auch die komplizierte Ehe mit dem 2014 gestorbenen „F.A.Z.“-Herausgeber Frank Schirrmacher.

Es gibt Ungereimtheiten in diesem Roman, Details, die nicht zueinander passen, und Angelika Klüssendorf ist eine viel zu gute Schriftstellerin, als dass man glauben könnte, das seien Achtlosigkeiten. Nein, es ist umgekehrt. Klüssendorf setzt diese Akzente bewusst, wie um zu zeigen: Dies hier ist Literatur, aber es ist auch meine Autobiografie. Mein Roman einer Ehe mit einem, den alle kannten und der im Mittelpunkt der Gesellschaft stand. Darauf, dass ihr Lektor ihr ausdrücklich geraten habe, über sich selbst zu schreiben, weil sie das am besten könne, kommt sie auf den letzten Seiten von „Jahre später“ sogar ausdrücklich zu sprechen.

Die erste Seltsamkeit, schon sehr früh: Als die junge, etwa 30-jährige Frau bei einer Lesung Ludwig kennenlernt, den extrovertierten Chirurgen, setzt der sich vor ihr in Szene, indem er ihr anbietet, ein Treffen mit ihrem gemeinsamen Lieblingsautor Samuel Beckett arrangieren zu können. Ein Chirurg? Mit direktem Draht zu Beckett?

Bad in der Öffentlichkeit

Viel später im Buch, als April und Ludwig längst zusammenleben, in einer sehr schwierigen Phase ihrer Beziehung, die in eine Ehe gemündet ist, schreibt sie darüber, wie Ludwig sich für seine zahlreichen Vorträge in Stimmung versetzt habe, mit einer Zigarre und Whisky zum Beispiel, wenn er über Churchills Hypochondrie schrieb. Doch warum sollte die Arbeit eines Chirurgen darin bestehen, zu Hause zahlreiche solcher Vorträge auszuarbeiten?

Dass Angelika Klüssendorf ein paar Jahre mit dem 2014 gestorbenen „F.A.Z.“-Herausgeber Frank Schirrmacher verheiratet war, ist bekannt. Man könnte diesen Roman also als Schlüsselroman lesen über die Ehe mit einem Medien-Zampano sondergleichen, der mit Übertreibungen bis zur Unredlichkeit und Hochstaplerei, mit Spaß an Machtspielen und Intrigen sowie einer nie versiegenden Lust an Gesellschaftsdebatten alles, was er tat, auf die stets gnadenlose Spitze trieb, ein exzessiver Selbstdarsteller, der das Bad in der Öffentlichkeit zum Leben brauchte: „Sie hat längst begriffen, Ludwig muss den Grund unter sich in einen brodelnden Abgrund verwandeln und das Gefühl haben, der Sturz sei unausweichlich, wie ein Spieler, der blufft, obwohl alles verloren ist.“

Man findet sehr klarsichtige Formulierungen in dem Roman: „Ludwig kann Feuer entfachen, aber nicht am Brennen halten. Eine Woche vielleicht, dann ist seine Energie aufgebraucht.“ Man kann all dies autobiografisch lesen. Aber, und das ist die große Leistung dieses Romans: Man muss es nicht, und man verspürt das Bedürfnis auch nicht.

Die Figuren, die Angelika Klüssendorf schafft, leben aus sich heraus: Er, der Ruhelose, Dauerbegeisterte, immer auf dem Sprung nach der nächsten großen Sache, sprunghaft, unersättlich in seiner Lebensgier, und sie, „korrumpierbar durch Zuneigung“, zerbrechlich und lebenslang geschädigt von jener schrecklichen DDR-Kindheit mit einem Alkoholiker-Vater und einer tyrannischen Mutter, die sie in den ersten beiden Bänden beschrieb.

„Jahre später“ ist ein großer, tragischer Eheroman. Es ist der dritte Band nach dem großen, tragischen Kindheitsroman „Das Mädchen“ und nach „April“, der großen, tragischen Geschichte über eine junge Frau, die erwachsen werden muss und sich nicht anpassen will. „Das Mädchen“ begann drastisch und gar nicht mädchenhaft mit dem Satz: „Scheiße fliegt durch die Luft.“ In „Jahre später“ nun prallen zwei Naturen aufeinander, die einander ähneln in ihrer Empfindungsstärke und, ja, auch in ihrer Bedürftigkeit, die aber letztlich nicht anders können, als aneinander zu scheitern.

Zart und behutsam

Klüssendorf erzählt dies konsequent aus Aprils Perspektive, in lapidar gehaltenen und jeweils nur wenige Seiten langen Abschnitten. Doch obwohl diese personale Sicht nach einer Abrechnung und Anklage schreit, ist dies der Roman in keiner einzigen Zeile. Er setzt nicht den Schlusspunkt in einem „Scheidungskrieg“, zu dem diese Ehe sich letztlich entwickelt, sondern steht weit darüber. Er führt in die Höhen einer Umworbenheit, wie man sie sich intensiver nicht vorstellen kann, in die Tiefen einer alkoholisierten Lumpenexistenz am Rande der Selbstzerstörung und, wundersamerweise, aus diesem tiefen Tal auch wieder hinaus.

Welche Rolle das Schreiben dabei spielt, deutet das Ende sanft an, so zart und behutsam, wie der Roman auch in den bittersten Momenten mit seinen tragischen Hauptfiguren umgeht, trotz ihrer eklatanten Fehlleistungen. Am Ende nämlich verschwindet Ludwig, verschwindet in einem Traum, und „sie streckt die Hand aus, doch sie kann ihn nicht mehr erreichen“. Und „Nächte später“ sieht sie ein Mädchen, sieht das Mädchen, „noch namenlos“, die Gestalt ihres ersten Romans, und ihren ersten, allerersten Satz: „Scheiße fliegt durch die Luft.“

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