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Buch „Europa gegen die Juden 1880 – 1945“: An Helfern mangelte es den Nazis nicht

Die Deutschen planten und organisierten das millionenfache Morden an den Juden. Befürworter, Helfer und Mordgesellen fanden die Nazis in verbündeten und besetzten Ländern reichlich. Judenhass, Ausgrenzung und Pogrome gab es vielerorten schon vor der NS-Diktatur.
SA-Männer kleben während des Dritten Reiches ein volksverhetzendes Plakat an ein jüdisches Geschäft (undatiertes Archivfoto). Foto: dpa (A0009_dpa) SA-Männer kleben während des Dritten Reiches ein volksverhetzendes Plakat an ein jüdisches Geschäft (undatiertes Archivfoto).

Der millionenfache Mord an den Juden während der Nazi-Diktatur ist bis heute ein kaum vorstellbares Verbrechen. Der Weg in den Holocaust ist nicht einfach monokausal zu erklären. Der Historiker und Journalist Götz Aly zeichnet in seinem Buch „Europa gegen die Juden 1880-1945“ antisemitische Ressentiments, Ausgrenzungspolitik und Greueltaten seit den 1880er Jahren nach, die zum Nährboden für den Zivilisationsbruch wurden. Er liefert eine historisch detaillierte Analyse, klar und prägnant formuliert.

Eindrucksvoll schildert Aly den aufflammenden modernen Antisemitismus, ohne dabei die Schuld der Deutschen am Massenmord zu schmälern. Die Nationalsozialisten erfanden nicht den Antisemitismus, die Ausgrenzung, ethnische und religiöse Selektion oder Vernichtung. Sie radikalisierten antijüdische Politik und industrialisierten im Holocaust das Morden.

„Das Deportieren und Morden geschah auf Initiative der Deutschen. Deutsche steuerten die bürokratischen Routinen des Erfassens, Ghettoisierens und Enteignens. Sie entwickelten die technischen Mittel des Mordens“, schreibt Aly über die Tatherrschaft der Deutschen. Doch ohne passive Unterstützung, arbeitsteilig helfende Beamte und Polizisten sowie Tausende einheimische Mordgesellen in manchen Ländern hätte sich das „monströse Projekt nicht mit der atemberaubenden Geschwindigkeit verwirklichen lassen“.

Aly setzt seine mit zahlreichen Augenzeugenberichten eindrucksvoll untermauerte Darstellung aus mehreren Gründen 1880 an. Von diesem Zeitpunkt an wurden in vielen Ländern Gesetze gegen die jüdische Minderheit erlassen. Nach Pogromen begann eine Wanderungsbewegung von Ost nach West. Als Antwort auf den anschwellenden Nationalismus wurde mit dem Zionismus zu dieser Zeit auch eine jüdische Nationalbewegung ins Leben gerufen. Zudem entstand 1880 der Begriff des Antisemitismus, der nicht länger auf religiösen Vorurteilen fußt, sondern auf nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Argumenten.

Seit 1880 gab es in zahlreichen europäischen Ländern eine Politik der Ausgrenzung, Immigration und Hunderte von Pogromen. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Alten Welt, neuen Grenzziehungen, bewaffneten Konflikten und einem zunehmenden aggressiveren Nationalismus verschärfte sich die Situation weiter.

Minderheit par excellence

„Der 1917/18 bejubelte Sturz aller Obrigkeiten, Rangordnungen und Konventionen hatte dem überall aufkeimenden Hass ein günstiges Klima geschaffen“, schreibt Aly. Die Juden waren dabei die Minderheit par excellence. „Sie verfügte über keine Schutzmacht, über keine Armee. Für sie gab es kein Territorium, das Zufluchtsort oder Vertreibungsziel hätte sein können. 1920 betraf das unmittelbar sieben Millionen Juden.“ Sie lebten überwiegend in Polen, der Sowjetunion, Rumänien oder Ungarn. Dabei habe das möglicherweise mit Enttäuschung, Unsicherheit oder Ängsten verbundene soziale Aufwärtsstreben der nationalen Mehrheiten den Antisemitismus befeuert. „Die Angehörigen nationaler Mehrheiten verachteten die Juden nicht als „Untermenschen“, auch wenn in Nazideutschland solche Schlagwörter gebraucht wurden. Vielmehr bewunderten und bekämpften sie diese, um im Bild zu bleiben, als Übermenschen.“

Die Nationalsozialisten bedienten sich all dieser Ressentiments, des Hasses und des Neids. Das Ventil für den industriellen Massenmord war schließlich der Zweite Weltkrieg. „Erst der Krieg verengte den moralischen Horizont so vieler Menschen, senkte die Hemmschwelle der Gewalt, verstärkte die Hirngespinste über innere Feinde und Verräter, erhöhte die Gier nach fremden Eigentum.“ Und die deutschen Invasoren machten in den besetzten und verbündeten Gebieten so viele wie möglich zu Profiteuren der Judenverfolgung.

Der Hass gegen die Juden war auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht vorbei. Die Mehrzahl der Mittäter, Denunzianten oder kleinen Profiteure wurde in Ruhe gelassen. Juden, die in ihre Heimat zurückkehrten, standen neuen Anfeindungen gegenüber.

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