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Ausstellung in Bonn: An den Ufern des Rheins

Von Maler und Kunstfotografen haben sich anregen lassen vom Rhein, der durch Deutschland und mehrere Nachbarländer fließt. Nur um Frankfurt macht er einen Bogen.
Michael Lio fotografierte 2005 bei Schaffhausen den „Rheinfall mit Kanzel und Springer“ und zeigt damit den Fluss als Ausflugsziel. Bilder > Michael Lio fotografierte 2005 bei Schaffhausen den „Rheinfall mit Kanzel und Springer“ und zeigt damit den Fluss als Ausflugsziel.

Wäre der Rhein grenzenlos, dann hätte er vielleicht seine Unschuld behalten. So wie der romantische „Vater Rhein“ des Malers Moritz von Schwind, der in Poesie versunken vor sich hin musiziert, während seine lieblichen Töchter die Münstermodelle von Freiburg und Straßburg auf Händen tragen. Doch die Wirklichkeit war anders. Die Flussbewohner gingen an und über ihre Grenzen, bauten wehrhafte Burgen, kämpften gegen so genannte Barbaren oder Erbfeinde oder gegen die Natur des Flusses selbst, der auch heute noch gerne mal über seine Ufer tritt.

Fluss ohne Wiederkehr

„Es wird keine Grenzen mehr geben! Der Rhein gehört uns allen!“, forderte Victor Hugo im Jahr des Deutsch-Französischen Kriegs 1871 und gehörte zu den Ersten, die eine Republik der „Vereinigten Staaten von Europa“ postulierten. Doch die Kehrtwende vom trennenden zurück zum verbindenden Fluss Europas gelang erst mit der Bonner Republik und dem Europaparlament in Straßburg.

Nun blickt die Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in ihrer Schau „Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie“ zurück auf 15 000 Jahre Natur- und Kulturgeschichte, von den ersten Eiszeitjägern bis zum Ausbau der industriellen Schifffahrt und zum ökologischen Wandel nach dem verheerenden Unfall der Baseler Sandoz-Werke 1986. Fotos, Filme, römische Ausgrabungen, Urkunden über den mittelalterlichen Warentransport und Barockgemälde über die Hofhaltung der Kurfürsten spiegeln bis 22. Januar die Geschichte Europas im Rhein mit den heutigen Anreinerstaaten Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Sie stehen aber auch für 1233 Kilometer Wasserweg mit Untiefen und Oberflächenspannung, von den kristallklaren Zuflüssen bis zum breiten dickflüssigen Strom – denn auch das ist der Rhein, wenn man ihn wie der Fotograf Andreas Gursky auf sich selbst reduziert und seiner prägenden Kulturlandschaften beraubt.

Und doch war der Rhein bis ins frühe 19. Jahrhundert ein verschlungenes Gewässer mit unzähligen Seitenarmen, wie Peter Biermann mit seiner Darstellung des Isteiner Klotzes um 1819 bei Basel dokumentiert. Die Menschen hat das freilich nicht von der Besiedlung abgehalten, wie die 15 000 Jahre alten Skelettfunde aus Bonn-Oberkassel zeigen. Genetisch waren diese frühen Jäger, die bereits den Haushund kannten, mit den Sami (Lappen) in Finnland verwandt.

Der Flussname ist verwandt mit dem altgriechischen Infinitiv „rhein“ (fließen), Kelten und Römer verwendeten die Form „Rhenus“. Sie kannten bereits die Vorstellung einer väterlichen Gottheit. Ein Grabrelief in der Ausstellung zeigt in Anlehnung an Vergil einen zweigehörnten „Rhenus bicornis“, ein Mischwesen aus Stier und Mensch. Die heutigen linksrheinischen Städte Nimwegen, Xanten, Köln, Koblenz und Mainz gehen auf römische Gründungen zurück, denen sie auch ihre spätere Bedeutung als geistliche Zentren verdanken. Auf die Völkerwanderung bezieht sich die Sage der Nibelungen, ihr Hort beflügelt Schatzsucher, die allerdings eher auf Zufallsfunde mit römischem Gebrauchsgeschirr wie 1997 bei Neupotz stoßen. Wirkliches „Rheingold“ entnahmen dafür die badischen Großherzöge von 1807 bis 1814 zur Prägung von 30 000 Dukaten.

Politik am Strom

Große Politik am Rhein wurde im Kurverein zu Rhense gemacht, wo 1336 sechs Kurfürsten den Modus der Königswahl abstimmten, kodifiziert in der Goldenen Bulle Karls IV., die Frankfurt 1356 zur Wahlstadt bestimmte. Der Rhein wurde zur Lebensader des mittelalterlichen Warenverkehrs, Profiteur war Köln, wo die Händler nach dem Stapelrecht ihre Waren zum Verkauf anbieten mussten. Historische Gemälde zeigen den Beschuss der Schenkenschanze bei Kleve, einen Schauplatz des Achtzigjährigen Krieges evangelischer Niederländer gegen ihre spanischen Herren.

Die Kölner Kurfürst residierten seit dem 14. Jahrhundert in Bonn, erst die protestantischen Preußen ermöglichten 1880 die Vollendung des Kölner Doms. Es war die Zeit der väterlichen Rheinromantik, Ritterburgen entstanden neu oder wurden nach den Zerstörungen in den Franzosenkriegen wieder aufgebaut. Das 1840 von Max Schneckenburger komponierte Lied „Wacht am Rhein“ beschwört den „deutschen Fluss“, der mit der Anektierung von Elsass und Lothringen 1871 Wirklichkeit wurde, bis Frankreich zum Gegenschlag ausholte und nach dem Ersten Weltkrieg 1922 das deutsche Rheinland besetzte.

Der Schifffahrt im Industriezeitalter war die Regulierung des Rheins durch Johann Gottfried Tulla geschuldet. In einem Film erlebt der Zuschauer, wie die Seitenarme ausgestochen werden und damit auch die Malaria verschwindet. Doch spätestens mit dem Wirtschaftswunder wurde der Rhein zur Kloake, die giftgrüne Flasche Joseph Beuys’ „Rhine Water Polluted“ 1981 zum Fanal. Dem Sandoz-Großbrand 1986 folgte ein verheerendes Fischesterben, heute schwimmen im Rhein wieder Lachse und Meerforellen. Doch auch die Menschen fühlen sich in seinen Fluten wohl: Frank Buchholz’ Film „Der Rhein. 1320 Kilometer“ reicht von der Schweizer Rheinquelle bis zum Europoort in Amsterdam und berichtet von Extremschwimmern, Michael Gilo dokumentiert seinen Sprung in den Rheinfall bei Schaffhausen. Noch immer suchen also (Wett)kämpfer ihre Grenzen an seinen ach so väterlichen Gestaden.

 

Kunsthalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Anlage 3, Bonn.
Bis 22. Januar 2017, dienstags und mittwochs 10–21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10–19 Uhr. Eintritt 17 Euro.
Telefon (0228) 91 71 200.
Internet www.bundeskunsthalle.de

 

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