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Mittendrin in der Musik: An der Oper Frankfurt mischt sich das Orchester unters Publikum

Wie hört sich das an, wenn man direkt neben einer Bassklarinette sitzt? Oder der Geige? Und was macht der Dirigent denn da vorn? Studierende der Paul-Hindemith-Orchesterakademie proben für ein außergewöhnliches Konzert an der Frankfurter Oper.
Hanna Elise Bruchholz (23) lernt an der Orchesterakademie. Foto: Mario Riemer Hanna Elise Bruchholz (23) lernt an der Orchesterakademie.

Wenn sich in der Frankfurter Oper der rote Vorhang zur Matinee am 14. Mai hebt, wird sie ihre „nervöse Grundaufregung“ spüren, die ihr schon so oft geholfen hat bei der Konzentration. Sie wird ignorieren, dass sie allein vor ihrem Notenständer steht und dass alle sie ansehen können. Dann wird sie ihren Bogen auf die Saiten der Violine setzen, durchatmen und die ersten Takte von Mozarts „Linzer Sinfonie“ intonieren. Nur einen Monat Zeit hatte Hanna Elise Bruchholz, die neue Stipendiatin der Paul-Hindemith-Orchesterakademie, um sich auf dieses Konzert vorzubereiten.

Ein Sprung ins kalte Wasser. Bereits jetzt spürt die 23-jährige Studentin mit den hellen Augen und dem offenen Lachen, wie gut ihr das Mentaltraining der Nachwuchsschmiede tut, die das Frankfurter Opern- und Museumsorchester vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat. „Ich habe eigentlich nie Lampenfieber. Aber letzten Sommer war ich beim Probespiel in Bremen ganz krass aufgeregt. Ich habe den Bogen nicht mehr auf die Saiten bekommen, es hat sich angefühlt wie: Ich kann gar nicht mehr spielen.“ Wie bei Hochleistungssportlern ist das psychische Training wichtig, weiß auch einer der Initiatoren der Akademie, Klarinettist Stephan Kronthaler: „Der Druck beim Probevorspiel ist schon der stärkste, den man erleben kann.“

Der 38-Jährige mit den konzentrierten Gesten hält einen Moment inne, als erinnere er sich an seine eigenen Vorspiele. Aber auch später, während der Arbeit, profitiere man immer wieder von den Entspannungstechniken, sagt Kronthaler. Auch seine Hände gerieten ins Schwitzen, als er bei der Oper „Tiefland“ in Frankfurt seinen Einsatz probte: „Die Oper fängt damit an, dass ich als Klarinettist in den Lichtkegel auf der Bühne trete und allein auswendig spiele. Da war ich schon vorher sehr aufgeregt.“

Allen gerecht werden

Um hochbegabten, jungen Musikern den Übergang vom Studium ins Berufsleben zu erleichtern, aber auch, um die besten Nachwuchskünstler ans Haus zu binden, ist die Akademie 2015 entstanden. Stephan Kronthaler war selbst zwei Jahre lang bei der Orchesterakademie des Bayerischen Rundfunk-Sinfonieorchesters. Von der Förderung profitiert er bis heute. Allerdings fehlte ihm beim BR die Opernerfahrung. „Mühsam musste ich später die Opernpraxis im Job lernen.“

Im Vergleich zu ihm hat Hanna Elise Bruchholz Glück. Denn schon heute sitzt sie bei Richard Strauss’ „Arabella“-Koloss mit im Orchestergraben, direkt neben ihren Profikollegen. Wie fühlt sich das an? Sie überlegt eine Weile, als wolle sie nichts Falsches sagen: „Man muss eine ganz andere Aufmerksamkeit haben als im normalen Konzertbetrieb.“ Schließlich seien die Sänger dabei, und die reagierten spontan, vielleicht auch mal etwas zu schnell oder zu langsam. „Das ist ein sehr komplexer Vorgang, eine Art Schwarmintelligenz“, sagt Kronthaler. „Man spürt, wie das Kollektiv reagiert und versucht, allen gerecht zu werden“ – dem Dirigenten, den Solisten auf der Bühne und der eigenen Instrumentalgruppe.

Wer in die entschlossenen Augen von Stephan Kronthaler blickt, hat keinen Zweifel, dass ihm seine Projekte gelingen. 2015 gab es fünf Nachwuchskünstler, aktuell sind es sieben. Zehn hat er „fest im Visier“. In München waren sie 18 Stipendiaten, die Berliner Philharmoniker haben 30. Teuer ist so eine Stipendiatenstelle allemal. Das monatliche Salär von 900 Euro, das den beiden Neuzugängen Hanna Elise Bruchholz und der jungen Südkoreanerin Nu Lee Young zur Verfügung steht, finanziert der Patronatsverein der Sektion Oper. Auch aus diesem Grunde ist das ungewöhnliche Konzert „Mittendrin“ in einer Woche wichtig. Jeweils zehn Euro des Eintrittsgeldes landen direkt im Topf der Nachwuchsschmiede.

Frontal ins Publikum

Kontrabassist Peter Josiger hatte die kreative Idee, Musiker und Zuschauer bei der Benefiz-Matinee zu mischen. Bei Mozarts „Linzer Sinfonie“ steht das Museumsorchester samt Stipendiaten locker im Zuschauerraum, verteilt hinter seinen Notenständern. Blech- und Holzbläser trompeten, posaunen und flöten sogar von den oberen Rängen herunter, Schauspieler Sascha Nathan moderiert, während Lothar Zagrosek von der Opernbühne herab frontal ins Publikum dirigiert. Für die Streicher, die sonst in einer Gruppe sitzen, ist das eine Herausforderung. „Man muss besser zuhören und den Raum überwinden . Es ist schwieriger, zusammenzuspielen“, berichtet Hanna.

Auch der Namensgeber steht auf dem Konzertprogramm: Paul Hindemiths „Lustige Sinfonietta“ in d-Moll, Opus 4. Mit dem einstigen Konzertmeister des Opernorchesters (1916–1923) verbindet Hanna Elise Bruchholz die Liebe zur Bratsche. Aber während Hindemith später ganz zum tieferen Instrument wechselte, bleibt die blonde Weimarerin bislang ihrer zierlichen Violine treu.

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