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An der Schmerzgrenze

Die amerikanische Sängerin brachte Samba, Tango, Flamenco und Fado zum Konzert in die Alte Oper mit. Den weichen Bar-Jazz ließ sie hinter sich.
Melody Gardot (27) macht nun Weltmusik. In weitem Gewand und mit Turban über dem Blondschopf begibt sie sich rassig nach Südamerika, wo sich der Jazz mit Samba, Rumba und Tango paart. Foto: Sven-Sebastian Sajak Melody Gardot (27) macht nun Weltmusik. In weitem Gewand und mit Turban über dem Blondschopf begibt sie sich rassig nach Südamerika, wo sich der Jazz mit Samba, Rumba und Tango paart. Foto: Sven-Sebastian Sajak

Nur selten betont eine Bühnenkulisse die künstlerische Gesinnungswandlung einer Interpretin so plakativ wie hier: Zwischen gefüllten Jutesäcken, einem Schrankkoffer aus Leder, einer Kabelrolle aus Holz und Obstkisten aus fernen Ländern verteilen sich die fünf musikalischen Begleiter. Schlagzeug, Perkussion, Kontrabass, Akustikgitarre und Saxofon. Die Reise kann beginnen.

Ein feuriger Samba zu Beginn dient als exotischer Willkommensgruß für die Chefin, die sich 2009 mit ihrem zweiten Album "My One And Only Thrill" auf Anhieb in die Herzen des deutschen Publikums gesungen hat: Melody Gardot. Gehüllt in ein bodenlanges Gewand, auf dem sonst so langen Blondschopf sitzt ein strenger Turban, empfiehlt sich die amerikanische Vokalistin und Musikerin in der Frankfurter Alten Oper als Touristenführerin der etwas anderen Art. Mit ihrem aktuellen Werk "The Absence" taucht die vielfach talentierte Künstlerin tief ein ins Segment Weltmusik: von lateinamerikanischem Jazz über afrikanische Rhythmik, portugiesischen Fado und spanischen Flamenco bis hin zu argentinischem Tango und brasilianischem Samba.

Klavier und Gitarre

Weit gereist ist "Melody Gardot", die nur ungern stehen bleibt und sich auf den Lorbeeren von gestern ausruht, zwischen ihren beiden letzten Produktionen. Das Dasein als Globetrotterin hat abgefärbt. Herausgekommen ist eine recht radikale Abkehr vom entspannten Smooth-Bar-Jazz der vorangegangenen Alben mit Mitsummhits wie "Baby I’m A Fool", "Deep Within The Corners Of My Mind" und "Les Etoiles". Eine Musik zum selbstvergessenen Träumen, die sich noch besser anfühlt mit einem oder zwei Gläschen Prosecco intus. Vergessen hat Melody Gardot ihre Ohrwürmer nicht. Doch nun tauchen sie in recht spartanischen Versionen im Repertoire auf.

Leicht macht Melody Gardot, die nicht nur hinterm Mikrofon, sondern auch an Klavier und E-Gitarre virtuos brilliert, es ihrem Publikum nicht. Begab sie sich einst geschmeidig in emotionale Tiefen, kostete den Weltschmerz in mollgetränkter Gedehntheit aus und beschwor ätherischen Wohlklang in fast schon überirdischer Aura, so schöpft sie nun vermehrt Dissonantes und Verqueres aus. Gut möglich, dass Melody Gardot mit der widerborstigen Weltumrundung bis zur Schmerzgrenze auch ihr Handicap kompensiert: Seit ihrem tragischen Unfall 2003, bei dem ein Autofahrer sie überfuhr und schwer verletzte, ist die Künstlerin auf zwei Hilfen angewiesen: den Gehstock in Griffnähe und für die lichtempfindlichen Augen eine Brille mit getönten Gläsern.

Parker und Coltrane

Mitunter nur zögerlich folgen die Besucher Gardot in die Gefilde ihrer ganz speziellen Globalisierung. Charlie Parker und John Coltrane lassen ebenso als Inspiratoren grüßen wie Antônio Carlos Jobim, Caetano Veloso, João Gilberto, Terry Callier oder Gilberto Gil. Wirklich Bewegung ins Geschehen kommt erst kurz vor Schluss des Konzerts. In "Iemanjà" geht Melody Gardot auf Tuchfühlung mit den Fans – inklusive Tanz- und Mitklatschaufforderung.

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