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Geplündertes Kulturgut aus Kriegsgebieten: „An dieser Kunst klebt Blut“

Es ist nicht schwierig, in Deutschland geraubte Kulturgüter zum Beispiel aus dem Irak oder Syrien zu kaufen, sagt Archäologe Müller-Karpe. Er warnt kunstsinnige Antikenkäufer: An diesen Gegenständen klebt Blut.
Eine zerstörte Mosche im syrischen Aleppo: Plünderer verkaufen  Kulturgüter auf internationalen Märkten, auch in Deutschland.	Foto: afp Bilder > Eine zerstörte Mosche im syrischen Aleppo: Plünderer verkaufen Kulturgüter auf internationalen Märkten, auch in Deutschland. Foto: afp

Der Handel mit illegalen Kulturgütern in Deutschland nimmt nach Ansicht des Kriminalarchäologen Michael Müller-Karpe zu. „Sie können in Deutschland völlig unbehelligt Antiken ohne jede Herkunftsangabe kaufen und verkaufen“, sagte der Experte des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. Die Stücke könnten im Grunde nur aus Raubgrabungen stammen, archäologische Funde aus legaler Grabung kämen ins Museum. Er wirft Strafverfolgungsbehörden vor, häufig wegzuschauen. Der Forscher sieht „erdrückende“ Indizien dafür, dass sich Terroristen wie die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit Raubkunst finanzieren. Michael Müller-Karpe (59) koordiniert am Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz Projekte vor allem mit dem Irak. Der Kunstraub-Experte berät den Kulturausschuss des Bundestags. Seit Jahren macht er sich für schärfere Kulturgüter-Gesetze stark. Mit Müller-Karpe sprach Oliver von Riegen.

Herr Müller-Karpe, inwieweit ist Deutschland aus Ihrer Sicht ein Zentrum für den illegalen Handel mit antiken Kulturgütern?

MICHAEL MÜLLER-KARPE: Zunehmend. Zentren des Handels sind München, Frankfurt und Köln. In Deutschland wird weitgehend ungehindert mit geplündertem Kulturgut gehandelt. Hehlerei ist zwar verboten, aber soweit es Antiken betrifft, werden diese Straftaten hier nicht konsequent verfolgt. In den USA sind bereits mehrere Tausend Objekte aus dem Irak sichergestellt und an ihn zurückgegeben worden. In Deutschland sind es bisher nur wenige Dutzend Objekte. Sie können in Deutschland völlig unbehelligt Antiken ohne jede Herkunftsangabe kaufen und verkaufen. Was Sie angeboten bekommen, kann aber im Grunde nur aus Raubgrabungen stammen, denn archäologische Funde aus legaler Grabung kommen ins Museum. Antiken sind in aller Regel Eigentum des Herkunftslandes. Außerdem sind die Gesetze, die erlassen wurden, um die archäologischen Stätten vor diesem zerstörerischen Handel zu schützen, nicht erst seit gestern in Kraft: Im Osmanischen Reich zum Beispiel wurden das Graben nach und der Export von Antiken bereits 1869 verboten. Diese Verbote gelten in allen Nachfolgestaaten wie Syrien, Irak und Türkei bis heute.

Warum tut man sich bei der Bekämpfung der Antikenhehlerei hierzulande so schwer?

MÜLLER-KARPE: Die Gemeinschädlichkeit dieser Straftaten wird von den Behörden vielfach noch immer übersehen. Man tut das als „Verbrechen ohne Opfer“ ab, denn die einstigen Eigentümer seien doch seit Jahrtausenden tot. Dabei sieht man nur den Eigentumsaspekt und verkennt den eigentlichen Wert der Antiken: Ihr Wert, das sind die Informationen, die diese Dinge transportieren, Informationen über Menschen, auf deren Schultern wir stehen, denen wir die Grundlagen unserer Zivilisation verdanken. Wesentliches von dem, was wir über unsere Vorfahren jemals erfahren können, ist im Fundkontext im Boden gespeichert – und diese Informationen zerstören die Plünderer unwiederbringlich, wenn sie die Objekte aus dem Boden reißen, um einen gefräßigen internationalen Antikenmarkt mit Hehlerware zu versorgen.

Wie stark expandiert dieser Handel?

MÜLLER-KARPE: Vor gut zehn Jahren haben Unesco und FBI das jährliche Volumen, das mit geplünderten Antiken umgesetzt wird, auf weltweit sechs bis acht Milliarden Dollar geschätzt. Inzwischen spricht man von einem mehrstelligen Milliardenbetrag. Tendenz steigend, denn für steten Nachschub ist gesorgt: Krieg und Chaos sind der ideale Nährboden für Raubgrabungen und Museumsplünderungen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass der Handel mit geplündertem Kulturgut an dritter Stelle der illegalen Erwerbsquellen steht. Manches deutet darauf hin, dass der Antikenhandel jedoch den Waffenhandel schon von der zweiten Position verdrängt hat, nur noch übertroffen vom Rauschgifthandel.

Was macht die Verfolgung des illegalen Handels so schwierig?

MÜLLER-KARPE: Man meint, das Problem auf zivilrechtlichem Weg lösen zu können und verlangt von den Herkunftsländern, dass sie bei unseren Behörden vorstellig werden und die Herkunft des Plünderungsgutes nachweisen. Das ist aber eine Illusion, denn die Hehler fälschen oder verschweigen natürlich die Herkunft der heißen Ware. Da die modernen Grenzen vielfach alte Kulturräume durchschneiden, können die Herkunftsländer meist nicht nachweisen, dass ein Raubgrabungsfund diesseits und nicht jenseits der Grenze gefunden wurde. So bleiben unsere Strafverfolgungsbehörden untätig und schauen lieber weg.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) will den Handel mit Kulturgütern künftig nur mit offizieller Exportlizenz des Herkunftslandes zulassen. Kann das effektiv sein?

MÜLLER-KARPE: Es ist längst überfällig und genau das, was von archäologischer Seite seit Jahren gefordert wird. Denn bei legalen Grabungen gibt es immer eine Grabungslizenz. Wenn ein Fund ordnungsgemäß gemeldet wird, gibt es eine Bescheinigung. Wenn eine Ausnahmegenehmigung für eine legale Ausfuhr erteilt wurde, gibt es Exportdokumente. Sollte dieses Gesetz tatsächlich so Wirklichkeit werden, was ich als Bürger einer Kulturnation nur hoffen kann, dann wird dies allerdings das Ende des etablierten Antikenhandels in Deutschland sein, denn kein gewinnorientiertes Unternehmen wäre lebensfähig, wenn es ausschließlich mit nachweislich legalen Antiken handelte. Von daher werden die, die auch weiterhin aus Plünderungen Gewinn ziehen wollen, alles daran setzen, diese Gesetzesnovelle zu verwässern.

Sehen Sie Belege dafür, dass sich Terroristen wie die der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit Raubkunst finanzieren?

MÜLLER-KARPE: Es waren zunächst einzelne Hinweise. Inzwischen sind die Indizien aber so erdrückend, dass Strafverfolgungsbehörden von einer gesicherten Erkenntnis ausgehen. Das fing schon an mit einem der Selbstmordattentäter des 11. September, Mohammed Atta, der während seines Studiums in Hamburg afghanische Antiken angeboten hat. Die bittere Erkenntnis für den kunstsinnigen Antikenkäufer: An diesen Dingen klebt auch Blut.

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