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Literatur: Andreas Maier: Heimfahrt in die Wetterau

Von Mit „Die Universität“ legt Andreas Maier den sechsten Teil seines auf elf Romane angelegten Zyklus’ namens „Ortsumgehung“ über sein Leben vor.
Der Schriftsteller Andreas Maier – hier auf einer Brücke über eine Umgehungsstraße in der Wetterau – nimmt auch im Leben gerne ein paar Umleitungen. Foto: Thomas Maier (dpa) Der Schriftsteller Andreas Maier – hier auf einer Brücke über eine Umgehungsstraße in der Wetterau – nimmt auch im Leben gerne ein paar Umleitungen.

Dass „Ich“ der Mittelteil des Wortes „Nichts“ ist, das ist so ein typischer Andreas-Maierscher Wahrhaftigkeitseinfall. Er fand sich schon in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen von 2009, in denen sich der Schriftsteller so intensiv mit sich selber beschäftigte, dass sie sogar den Titel „Ich“ vertrugen – den kürzesten Poetikvorlesungstitel aller Zeiten, wie Andreas Maier selbst bemerkte. Exzessiv kreisten seine Gedanken damals um die Nichtigkeit des Menschen und mithin auch seiner selbst. Das, so stellte Maier damals wieder und wieder fest, stehe in denkbar auffälligem Gegensatz zur Wichtigkeit, die Menschen sich und dem, was sie tun, gern selbst beimessen.

Der Satz über das Ich im Nichts gibt dem Band „Die Universität“ nun sein Geleit. Das Buch beschreibt jenen Zeitabschnitt von Andreas Maiers Leben, in dem sich der in der Wetterau Gebürtige zum Studium hinausgestoßen findet in die weite Welt, nach Frankfurt. Hier ist er zunächst niemand, versteht nichts und hat auch keine Idee, wer er sein könnte. Sein Fach, die Philosophie, hilft ihm auch nicht weiter. Wie immer ist es überaus amüsant, den Ich-Erzähler bei seinen vergeblichen Weltentwirrungsversuchen zu begleiten, man lacht über und mit ihm ein wenig wie über einen Zirkusclown. Auch über den lachen alle im Zuschauerrund, und doch wissen sie zugleich: Der traurig-komische Mann da in der Mitte ist der Wahrhaftigste von uns allen.

Bockenheimer Matratze

Bei Karl-Otto Apel sitzt Andreas Maier im Seminar und beobachtet, wie sich bei allen Seminarteilnehmern Klappen im Kopf öffnen, wenn dieser seine Weltdeutung über sie ergießt. Maier bekommt einen Ausschlag, der nicht verschwinden will. Er geht zu einem Arzt, der ihm nicht hilft. Dann geht er zu einem Psychologen, der ihm nicht hilft. Maier schreibt eigene Texte, doch jeder endet nach wenigen Seiten im Nichts. Er entdeckt eine nackte Frau in einem Erotikmagazin und meint, in dieser Frau eine frühere Schulbekannte wiederzusehen. Er liegt auf seiner Bockenheimer Matratze, besucht Seminare, trinkt schon mittags Bier, beobachtet andere Studenten.

Andreas Maiers neuer Roman setzt sich zusammen aus kurzen Kapiteln, deren Gemeinsamkeit ist, dass in ihrem Mittelpunkt einer steht, der nicht weiß, wer er ist. Kein Handlungsfaden durchzieht den Roman. Vielmehr liest er sich, als gehe jemand immer wieder neu auf die Suche, um wider alle Wahrscheinlichkeit möglicherweise doch noch zu jenem Ich vorzustoßen, das im Nichts stecken muss.

Die ungeheuerlichste Situation dieses autobiografischen Romans ist: Andreas Maier braucht Geld und heuert bei einem Pflegedienst an. Pflegen aber soll er niemanden anderes als Gretel Adorno, die Witwe des großen Philosophen. Seit einem Versuch, sich mit Brom das Leben zu nehmen, ist sie verwirrt, mit ihrer Aggressivität hat die uralte und fast bewegungsunfähige Frau schon viel Pflegepersonal vor ihm verschlissen. So lebt Maier zeitweise in der berühmten Wohnung im Kettenhofweg, mitsamt seiner Freundin, und zum Schluss tragen alle Pfleger, die gegenwärtigen wie die vergangenen, Gretel Adorno, die seit Jahren nicht mehr draußen war, in einem Triumphzug ins Café Laumer.

Da drängt sich natürlich die Frage auf, was wahr ist und was erfunden in diesem autobiografischen Romanprojekt – aber kommt es darauf an? Nein, hat uns Maier schon in „Ich“ beigebracht, wenn ein Roman in der Wetterau spielt, ist dies noch lange kein Wetterau-Roman, wie man das von „Wäldchestag“ behauptet hat, und selbiges gilt für Südtirol („Klausen“), und für Frankfurt („Kirillow“) auch.

Kauzige Kommilitonen

Folglich schildert ein Roman in Ich-Form mit dem Titel „Die Universität“ noch lange nicht Andreas Maiers Universitätsjahre. Autobiografische Übereinstimmungen werden freilich auch nicht ausgeschlossen. An der Universität findet Maier auf die „Wer-bin-ich?“-Frage jedenfalls nur die Antwort des eingangs zitierten Geleitworts. Die Welt der Seminare und kauzigen Kommilitonen bringt ihn nicht weiter. Deswegen steht am Ende eine Rückkehr, ein angedeuteter Ausstieg, eine Wetterau-Heimfahrt im alten Ascona, und ein Wiedersehen mit einer Buchhändlertochter sogar, eine Art Ur-Liebesprägung gewissermaßen, ganz zufällig. Die alten Prägungen lassen dich nicht los, sagt uns das, da kannst du so lange zur Universität gehen, wie du willst. Ob Maier die geplanten Folgebücher weiterbringen werden? Für Band 7–10, „Die Familie“, „Die Städte“, „Die Heimat“ und „Der Teufel“, tippen wir auf Krise. Und hoffen auf Erlösung mit Band 11: „Der liebe Gott“.

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