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Uraufführung: Aneinandergekettet im Gleichschritt

Im Frankfurter Schauspiel foltert Ulrich Rasche die Zuschauer mit einem viel zu lauten „Aischlos“. Jan Neumanns „Aus Staub“ ist eine feingearbeitete Miniatur.
Johannes Nussbaum, Valery Tscheplanowa, Patrycia Ziolkowska, Katja Bürkle, Boten / Armee des Xerxes.  Foto: Birgit Hupfeld Foto: Birgit Hupfeld Johannes Nussbaum, Valery Tscheplanowa, Patrycia Ziolkowska, Katja Bürkle, Boten / Armee des Xerxes. Foto: Birgit Hupfeld
Frankfurt. 

Ulrich Rasche als „Rammstein“-Erlöser des Deutschen Theaters zeigt in Frankfurt mit Aischylos „Persern“ zum dritten Mal seine martialische Handschrift: Diesmal sprengt die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, die im August als umstrittenste Aufführung polarisierte, alle Dimensionen. Testosteronberauscht geriert sich Rasche als politischer Alarmschlager, dreht die Musik zu Folterlautstärke auf und lässt die antiken Botenberichte bis zur Heiserkeit zerbrüllen. Willig lassen sich alle Mimen in sein gnadenloses Joch zum kollektiven Fließbandstampfen einspannen. Auch das ausverkaufte Haus streckt die Waffen: Ob lustvoll überwältigt oder schlicht abgestumpft nach knapp vier Stunden Dauerbeschallung, ist nicht zu klären. Nur ein einsamer Buhrufer stört den Premierenjubel.

Aggressiver Dauerkrach

Rasches Masche ist ebenso effektvoll wie simpel. Da wird Aischylos knapper Text auf vier Stunden aufgebläht, mit seinem Lieblingskomponist Ari Benjamin Meyers ein permanent rumorender, mal leise trommelnder, mal bombastisch gesungener, in Wellen anschwellender Dauerloop erzeugt, und die Schauspieler wahlweise auf große Walzen (Danton 2015), Laufbänder (Antigone/Theben 2017) oder wie jetzt bei den „Persern“ auf zwei gigantische Drehscheiben im Dauertrott platziert. Ab dann läuft sie wie geschmiert, die geölte Marionetten-Maschine und mit ihr die aggressive Dauerüberwältigung der artig hoch zur Bühne emporblickenden Besucher. Leni Riefenstahl lässt grüßen. Nach zehn Minuten hat man das Konzept kapiert. Der böse Krieg ist das blanke Elend und „Der Reichtum nützt den Toten nichts“, danach steigt man entweder ein in diese lärmende Weltpredigt über die blutigen, todgeweihten, muskelgestählten Männermassen oder man schaltet innerlich ab und stopft sich dankbar die ausgeteilten Ohrstöpsel in den Gehörgang. Denn was Rasches Arbeiten schmerzlich fehlt, ist die garantierte Abwesenheit von Selbstironie, Sarkasmus und Humor. Und so wird man Zeuge, wie sich die kalte Performance-Schlacht enervierend um sich selbst dreht, wie untergangstrunkene Bildwucht zu Head-Set verstärktem Chorgebrüll genau das reproduziert, was sie vorgibt zu kritisieren. Und obwohl drei der bedeutendsten Darstellerinnen ihrer Generation, die großartige Patrycia Ziolkowska als Königsmutter Atossa und Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa als höhnische und verzweifelte Mitglieder des persischen Ältestenrates alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihren Stimmen individuellen Klang zu verleihen, zermalmt Rasche darüber hinaus jeden Ansatz, der die wirklich wichtigen Fragen politischen Theaters aufwirft: Wo ist der Gegenentwurf zum allgemeinen Fatalismus? Wieso gibt es nicht den kleinsten Ansatz von behaupteten Gegenwelten, seien sie noch so unvollkommen, und vor allem: Wo bleibt die klare Distanzierung zur penetrant beschwörten Lust-am-Untergang-Ästhetik?

Stattdessen nimmt sie unbeirrt im Botenbericht ihren postapokalytischen Verlauf, die berühmte Schlacht um Salamis vor 2500 Jahren, und mit ihr die Klagen der wenigen, existentiell von den Griechen zugerichteten Perserkrieger. Mal müssen sie mit ihren Ketten auf der phantastisch lichtdurchbrochenen Ufo-Scheibe herumwanken (eine seiner aufregendsten Bühnen: Ulrich Rasche), mal lauthals im Gleichschritt von der eigenen Zerstörung künden, aber immer schwillen zuverlässig die Halsschlagadern beim Schreien.

Platt und matt

Manche Besucher verweigern die brutale Reizüberflutung, nach der Pause haben sich einige Reihen spürbar gelichtet. Kein Wunder, ist doch das Missverhältnis der Macher zwischen Selbstwahrnehmung und Außendarstellung eklatant. Es werde angeblich „die schauspielerische Persönlichkeit im Kontext der Gemeinschaft sichtbar, werden die individuellen Unterschiede in Wiederholung und Parallelität“ besonders deutlich, so Dramaturgin Marion Tiedtke im Programmheft. Das mag noch für Rasches „Danton“ zutreffen und vor allem für seinen Doppelabend Theben/Antigone im Bockenheimer Depot, als feinnervige Schauspieler wie Alexander Fehling und Paula Hans echte Kontraste innerhalb der grimmenen Fließband-Schau setzten. Bei den Persern ist das Gegenteil der Fall.

Abgesehen davon, dass die Gedankenbögen der zerdehnten Sätze nie über parataktische Strukturen hinausreichen, ist überhaupt keine tiefere Auseinandersetzung mit dem Text zu erkennen, keinerlei bohrende Fragestellung an das Stück. Die Schrittfolge ist meist behäbig, undynamisch und in der Summe statischer als das klassische Theater an der Rampe. Nichts zu hören auch von Rasches so oft beschworener Musikalität der Sprache. Einzelne, beeindruckende Satzfetzen bleiben. Aber zuverlässig, wenn es spannend zu werden beginnt, schaltet Meyers seine Synthesizer-Klänge auf Attacke.

Oh Daimon! Es gäbe so viel in diesem ältesten Theaterstück der Welt zu entdecken. Das überraschende Mitleid der griechischen Sieger, die hart erkämpfte Ur-Demokratie samt freier Rechtsprechung. All das geht im Dauerstampfen auf der Frankfurter Bühne unter. Was bleibt von Rasches orgiastischem Gesamtkunstwerk? Ein unerträglich totalitärer Eindruck. Wenige Regiehandschriften im Deutschen Theater sind banaler und austauschbarer, wenige sind technisch derart brillant. Ob Aischylos, Büchner oder Schiller: Kennt man einen Rasche, kennt man alle.

 

* * *

 

Jan Neumann hat mit „Aus Staub“ ein im wahrsten Sinne des Wortes fabelhaftes Frankfurt-Stück entwickelt, das die großen Dinge im Kleinen und die kleinen Dinge im Großen findet. Bei der Uraufführung im Kleinen Haus gewinnt man den Eindruck, dass das komplexe Wesen Mensch in mancher Hinsicht den Steinen ähnelt, in denen die Trümmerverwertungsgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg Baumaterial aus mehreren Jahrhunderten zusammengepresst hat: Denn auch in Menschen lebt Vergangenheit fort.

Für sein wunderbares Stück presst Neumann gewissermaßen unterschiedlichste Menschen und Zeiten zusammen: Ausgangspunkt ist eine Mietwohnung im Westend zwischen der Nachkriegszeit bis zu ihrem Abriss im August 2018. Ihre Bewohner erwecken die zu jeder Zeit wichtigen Themen zu Leben: Wiederaufbau und Wirtschaftswunderzeit, Häuserkampf, Wiedervereinigung, Nine Eleven.

Das ganze große Leben

Da ist beispielsweise eine verdrängungswütige Mutter (Friederike Ott), die die NS-Vergangenheit unter den Teppich kehren will, ein Unternehmensberater (Sebastian Kuschmann), bei dem nach außen alles so super scheinen muss, wie es innerlich gar nicht sein kann oder Klaus (auch Kuschmann), der nach der Wende in Cottbus eine Filiale leiten soll und blühende Landschaften mitschaffen will. So entsteht ein Frankfurter Gesellschaftspanorama, das über sich hinausweist. Mal berührend, mal bestürzend, mal komisch, mal traurig und manchmal alles zugleich, wie die Welt eben ist. Immer geht es auch um Kommunikation, Bewusstwerdung und Zeitpunkte.

Es ist ein kleiner theatraler Glücksfall, wie Neumann mit nur sechs Schauspielern (außerdem: Sebastian Reiß, Julia Staufer und Uwe Zerwer) so viel Welt und Leben einfängt. Und das, obwohl weder Figuren noch Bühnenbild naturalistisch sind, sondern im Gegenteil das Machen und Entstehen immer wieder gezeigt wird. Manchmal so deutlich vor sich hergetragen, wie bei Altine Emini als italienischem Gastarbeiter Maurizio und seiner angefutterten dicken Haut im Blaumann, und mal so munter tanzend einfangen wie von Friederike Ott in ihrem kleinen Hausfrauenballett.

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