E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 29°C

Künstler in Frankfurt: Anne Lina Billinger – nackter Beton zeigt seine Schönheit

Anders als Berlin gilt Frankfurt nicht als Stadt der Künstler. Doch der Schein trügt. Wir besuchen junge Künstler in ihren Ateliers und stellen sie in loser Folge vor. Heute: Anne Lina Billinger.
Beton kann sogar Falten werfen: Die Künstlerin Anne Lina Billinger in ihrem Atelie im Frankfurter Nordend.	Foto: Eugen El Beton kann sogar Falten werfen: Die Künstlerin Anne Lina Billinger in ihrem Atelie im Frankfurter Nordend. Foto: Eugen El

Wie sich Dinge wandeln können. Eigentlich ist Beton ein Baumaterial mit einem denkbar schlechten Image. Seit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts in der Architektur der Moderne besonders oft eingesetzt, wirkt er schwer und undurchdringlich, grau und anonym. Am wenigsten mag man mit Beton Poetisches verbinden. Dass man mit ebendiesem Baumaterial auch spielerisch umgehen und ihm dabei Leichtigkeit abgewinnen kann, zeigt das Werk der 1983 geborenen Frankfurter Künstlerin Anne Lina Billinger.

Bilderstrecke Werke junger Frankfurter Künstler
Anders als Berlin gilt Frankfurt nicht als Stadt der Künstler. Doch der Schein trügt. Wir haben über junge Künstler in ihren Ateliers berichtet. Hier finden Sie nun weitere Bilder unserer Frankfurter Jung-Talente. 

Mithilfe von Beton, Pigment und Papier schafft Anne Lina Billinger eine Landschaft. Foto: Galerie Schmidt & HandrupAus ungewöhnlichen Materialien wie Glas, Pigmentpulver und Beton kreiert Anne Lina Billinger erstaunliche Bilder. Foto: Galerie Schmidt & HandrupAnne Lina Billinger gießt Beton auf Abbildungen aus Printmedien und erzeugt damit genuin malerische Effekte. Foto: Galerie Schmidt & Handrup

 

Werkstatt im Nordend

 

In einem Hof im Frankfurter Stadtteil Nordend liegt Billingers Werkstatt. Hier mischt sie selbst und nach eigener Rezeptur den für ihre Kunst benötigten Beton. Zu diesem eher unüblichen künstlerischem Material kam Billinger während ihres Studiums an der Städelschule. Ausgehend von der Beschäftigung mit Collagen hatte sie, um die Technik zu erweitern, zuerst mit Polyesterharz experimentiert. Dann haben die Abdrucke, die Beton ermöglicht, sie fasziniert. Zugleich interessierte sie sich für die Verbindung des Feinen mit dem Groben.

Dass Billinger zur Finanzierung des Studiums nebenher bei einem Restaurator für Stein gearbeitet hat, kam ihr dabei zugute. Mittlerweile kann sie sehr dünne und trotzdem haltbare Betonplatten herstellen. Für ihre künstlerischen Arbeiten experimentiert sie mit unterschiedlichen Druckverfahren. So gießt sie Beton auf Druckvorlagen, bei denen es sich zum Beispiel um Abbildungen aus Printmedien handelt. Löst man das Papier vom getrockneten Beton, so bleibt die Druckerschwärze haften, was genuin malerische Effekte erzeugt. Manchmal druckt Billinger auch ganze Stoffe oder Objekte auf dem Beton ab. Auch hier ergeben sich, wenn man den Beton trocknen lässt und die Vorlage abzieht, ungeahnte Effekte. Die Struktur des Stoffes, seine Falten, abgedruckte Muster werden sichtbar.

Manchmal lässt Billinger ganze Objekte in den Beton ein, mischt Materialien wie Glas oder Polyesterharz hinzu. Im Arbeitsprozess entstehen auch unerwartete Ergebnisse. Billinger ist sich dessen bewusst. Sie möchte die Kontrolle abgeben, Dinge geschehen lassen. Man könnte von künstlerischen Versuchsanordnungen mit offenem Ausgang sprechen. Mit ihren Arbeiten sprengt Billinger die Grenzen zwischen den gängigen Gattungen. Skulptural sind sie ebenso wie malerisch, manchmal wirken sie wie Assemblagen, zugleich sind sie auch Drucke. Ihre Arbeit sieht die Künstlerin selbst als eine glückliche Verbindung von Collage und Malerei.

In ihrer Werkstatt sind indes nur wenige Werke zu besichtigen. Einige ihrer Arbeiten lagern in der Kölner Galerie Schmidt & Handrup, von der Billinger vertreten wird. Andere Produktionen wurden bereits verkauft. Die Künstlerin genießt es nach eigenen Worten, wenn die fertigen Arbeiten erst einmal weg sind. So entsteht nicht nur mental Raum für neue Vorhaben. Auch die Platzverhältnisse entspannen sich. Den finanziellen Aspekt darf man dabei ebenfalls nicht außer Acht lassen.

 

Platz für Neues

 

Verkaufte Werke verschaffen einen zeitlichen Freiraum für die künstlerische Arbeit. Ansonsten kommt auch Billinger nicht ohne Nebenjobs aus. Dass man diese in Frankfurt leichter findet als anderswo, hat sie ebenso dazu bewogen, hier zu bleiben wie die gute Anbindung der Stadt. Frankfurt sei eine gute Basis für sie, sagt Billinger. Derzeit bereitet die Künstlerin eine Schau in der Ausstellungshalle des Kunstpädagogischen Instituts der Goethe-Universität in der Sophienstraße vor. Nicht nur in Frankfurt wird man von Anne Lina Billinger noch hören. Mit ihrem Ansatz leistet sie etwas Wichtiges: Indem sie die Schwere des Betons in Vergessenheit geraten lässt und daraus ein lebendiges Material macht, erinnert sie an das poetische Potenzial, das den scheinbar alltäglichsten Dingen innewohnt.

 
Weitere junge Künstler aus Frankfurt finden Sie in unserer » Artikelsammlung.
Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen