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Theater: Anselm Weber zeigt, dass Gut und Böse nicht immer leicht zu unterscheiden sind

Von Anselm Webers Inszenierung „Invisible Hand“ von Ayad Akhtar wirft am Schauspiel Frankfurt höchst eindringlich unbequeme Fragen auf.
Der Imam (Matthias Redlhammer) in „Invisible Hand“. Foto: Thomas Aurin Der Imam (Matthias Redlhammer) in „Invisible Hand“.

Verglichen mit Weltbildern von Islamisten empfinden wir unsere Anschauungen gerne als vernünftig und aufgeklärt. Keine Frage: Terror und Gewalt sind falsch. Aber wo fangen Terror oder Gewalt an? Erst da, wo sich Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, auf Menschen schießen oder Terroristen Geiseln nehmen? Oder gibt es nicht auch eine ganze Reihe (nahezu) unsichtbarer Mittel, die ebenso Gewalt, Zerstörung und Tod bringen und die wir als Kollateralschäden hinnehmen? Und wie verhält es sich in der „westlichen Welt“ mit dem Glauben an das Geld? Wird Kapitalismus nicht auch wie eine Religion gepredigt? Wie vernünftig ist es, an das Mantra von der unsichtbaren Hand des Marktes zu glauben, die alles zum Wohle aller regelt?

Kapitalist in Geiselhand

Diese und andere unbequeme Fragen wirft Ayad Akhtar in seinem Stück „Invisible Hand“ auf. Der Plot ist so einfach wie spannend: Der Börsianer Nick, der für die Citibank in Pakistan ist, wurde von Islamisten entführt. Lösegeldforderung: 10 Millionen Dollar.

Doch weil Nick die Spielregeln im Casino-Kapitalismus kennt, weiß er, dass sein Arbeitgeber das nicht zahlen wird. Also macht er mit seinen Entführern einen Deal: Da er weiß, wie man an den Aktienmärkten schnelles Geld macht, will er selbst das Lösegeld mit seinem Wissen „verdienen“. Doch Bashir, Bewacher an seiner Seite, lernt schnell. Und auch Imam Saleem zieht seine Lehren aus dem, was er sieht.

Auf den ersten Blick ist „Invisible Hand“ ein spannendes Well-Made-Play. Lässt man sich jedoch in diesen Strudel aus Kampf um Leben und Tod, unterschiedlichen Wertesystemen, realen Bomben in Pakistan und seltsam von der Realität entkoppelten Aktiendeals und Tötungstechnik ein, kann einem vor Verstörung schwindlig werden.

Denn mit Akhtars Stück gelingt es Anselm Weber und seinem Ensemble, Unübersichtlichkeit und Unbehagen an der Welt mit nur vier Schauspielern in knapp 100 Minuten inklusive Pause und einem in seiner Reduktion faszinierenden und anspielungsreichen Bühnenbild in die Kammerspiele zu bringen.

Schwarze Wände mit Quadraten aus grünen, leuchtenden Linien und der kahle Dekor (Bett, Tisch, Stühle und anfangs eine Wand) lassen an „Matrix“ denken, samt Misstrauen gegenüber den modernen Computertechniken. Da es zudem Einspielungen von Aufnahmen gibt, die aussehen, als würde jemand mittels Luftbildaufnahmen nach Zielen suchen (ferngesteuerte und unbemannte Drohnen?), schwingt gleich eine doppelte Bedrohung mit: die der realen Waffen, der Islamisten, aber auch die durch einen Tod, bei dem sich der Tötende nicht in Gefahr begibt, sondern abgekoppelt vom Geschehen ist. So gleicht die Tötungsmaschinerie einem PC-Spiel.

Das passt, denn auch bei Akhtar trifft die digitale Welt auf traditionelle Kampfmittel, und damit auf quasi unsichtbare sichtbare Hände. Während Nick (Heiko Raulin) um sein Leben kämpft, verhandelt er mit Imam Saleem (Matthias Redlhammer) und Bashir (Omar El-Saeidi) auch immer wieder komplexe ethische Fragen.

Keine saubere Lösung

Dabei packen Regie und Schauspieler die Figuren bei ihren Ambivalenzen. Denn in einem Stück, in dem so viel Welt steckt, kann keiner sauber davon kommen. So emotional, ängstlich und menschlich Raulin als Nick wird, wenn es ums eigene Leben und seine Familie geht, so kühl geht er (zumindest teilweise) seine Aktiengeschäfte an, die über andere Tod und Verderben bringen. Redlhammers Saleem wirkt zunächst mit der Ruhe, mit der er Probleme in der westlichen Welt benennt, nicht wie ein islamistischer Eiferer.

Aber bei ihm wie auch El-Saedis Bashir schwingt mal lauter mal leiser mit, dass sie zu allem bereit und keinesfalls zimperlich sind.

Durch diese glaubhaften Ambivalenzen stellen sich auch dem Betrachter unangenehme Fragen: Wie weit würde man selbst gehen, wenn das eigene Leben auf dem Spiel stände? Wie friedlich könnte man bleiben, wenn Gewalt, Schüsse und Bomben zur Normalität gehören wie bei Bashir?

Für sein Stück „Disgraced“ („Geächtet“) gewann der US-amerikanische Autor mit pakistanischen Wurzeln 2013 den Pulitzer Theaterpreis. „Geächtet“ ist ein gutes Stück. Zwingender aber noch ist „Invisible Hand“. Die gewissermaßen aus Bochum importierte Inszenierung von Anselm Weber ist in ihrer Verstörungskraft und Vielschichtigkeit eine äußerst sehenswerte Umsetzung.

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