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Apokalyptische Reiter

Gemälde, Fotos und Objekte aus 60 Jahren zeigen in dieser ungewöhnlichen Schau, wie der Mensch mit der Maschine in Arbeitswelt und Alltag auskommt.
Wie ein apokalyptischer Reiter wirkt der Bomber, den die polnische Künstlerin Angelika J. Trojnarski in ihrem Ölgemälde "Fahl" festgehalten hat. Ihre Arbeiten zählen zu den malerisch anspruchsvollsten Exponaten der Darmstädter Schau.	Abb.: Kunsthalle Wie ein apokalyptischer Reiter wirkt der Bomber, den die polnische Künstlerin Angelika J. Trojnarski in ihrem Ölgemälde "Fahl" festgehalten hat. Ihre Arbeiten zählen zu den malerisch anspruchsvollsten Exponaten der Darmstädter Schau. Abb.: Kunsthalle

Der Mensch ist gut, die Maschine aber böse – und zugleich faszinierend. Diese simple Formel stimmt zumindest in den Augen von Künstlern noch heute, heizt die Maschine doch die künstlerische Fantasie an und dient als Projektion für Ideen aller Art. Im Alltag indes sind Mensch und Maschine längst eine Symbiose eingegangen. Ein schönes Thema, das jedoch von zeitgenössischen Künstlern nicht eben üppig beackert wird – könnte man meinen, bis man in die Darmstädter Kunsthalle kommt. Deren Direktor Peter Joch hat eine klug differenzierte Zeitreise durch die Arbeitswelt und den Lebensalltag mit Werken aus 60 Jahren von sechs Künstlern zusammengestellt.

"Seelenautomaten"

"Mensch Maschine", so der Titel der Ausstellung, beleuchtet das Thema von zwei Seiten: Entweder wird die Maschine zum Stellvertreter des Menschen und damit zum "Seelenautomaten". Oder der Mensch wird in die Maschinerie eingespannt und damit zur "Automatenseele", wie Peter Joch die Gegensätze bereits im Untertitel der Schau anklingen lässt. Aber Joch lässt diese Positionen auch nebeneinander stehen. Stefan Rohrer etwa ist eine kecke Allegorie der Weltgeschichte gelungen mit seinem sieben Meter langen "Roller Coaster" aus einer "Vespa" und ihrem DDR-Pendant, einer "Schwalbe". Die zwei Roller verschweißte der Stuttgarter Bildhauer, Jahrgang 1968, zog sie dann sie mit Schleifen und Schwüngen in die Länge. Die Achterbahnfahrt der Geschichte mit ihrer Wiedervereinigung von Ost und West wird hier bestens symbolisiert, die zwei Roller stehen für einen Teil der menschlichen Geschichte.

Riesenrad und Reaktor

Ein guter Auftakt im großen Saal der Kunsthalle, dem zwei malerische Positionen gegenüberstehen. Bei Angelika J. Trojnarski, 1979 in Polen geboren, werden Maschinen zu apokalyptischen Reitern, die Unheil ankündigen. Doch moderne Apokalyptiker benutzen schnellere Transportmittel. Freilich sind Trojnarskis Vehikel – Schiff, Traktor und Flugzeug – reichlich marode. Sie können nichts transportieren und nichts ernten, aber auch keine Bomben abwerfen. Trostlos sind auch Trojnarskis Gemälde von einem verfallenden Vergnügungspark. Drei Tage vor dessen Einweihung explodierte ein Reaktor in Tschernobyl – der Park mit Riesenrad und Autoskooter ist nur zehn Kilometer vom Reaktor entfernt. Jetzt verlottern die Vergnügungsmaschinen und werden damit zum Menetekel für die ungleich gefährlichere Maschinerie von Atomkraftwerken.

Dass Angelika J. Trojnarski eine exzellente Malerin ist und selbst mit fahlen Farben bestens umzugehen weiß, sei nur am Rande vermerkt. Auch Hans Dieter Tylle setzt den Pinsel sehr genau, sogar mit fast impressionistischer Farbwucht. Doch er pflegt eine erstaunlich realistische Malerei. Sein Triptychon eines Stahlwerks erinnert teils ans 19. Jahrhundert (allen voran an Adolph Menzels berühmtes "Eisenwalzenwerk" von 1875), teils an den "Sozialistischen Realismus". Tylle, Jahrgang 1954, ist ein unbestechlicher Chronist der Arbeitswelt, der seine Ölskizzen direkt neben den Menschen macht, ob sie nun mit dem Presslufthammer oder mit dem Reagenzglas hantieren. Aber über eine statische Dokumentation kommt er nicht hinaus, auch wenn sie malerisch hochkomplex ist.

Kühl- statt Kirchturm

Bei Tylle ist der Mensch ein Teil der Maschinerie, während das Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher die Maschinen fast beseelt, aber den Menschen ausspart. Ihre zwischen 1970 und 1989 immer aus der gleichen Perspektive entstandenen Fotos von Hochöfen verwandeln die typologisch ähnlichen Maschinen in menschliche Artefakte. Für die Bechers sind Hochöfen nichts anderes als moderne Skulpturen. Wenige Schritte weiter folgt eine melancholische Rundreise durch das Ruhrgebiet der 50er Jahre, fotografiert von Chargesheimer (1924 bis 1971): "Automation" lässt einen einsamen Menschen als Aufpasser von Maschinen übrig, der sonntägliche "Spaziergang" zeigt einen Kühl-, aber keinen Kirchturm. Und das Foto mit der Pferdekutsche könnte im 19. Jahrhundert aufgenommen worden sein, wenn nicht dahinter moderne Industrieanlagen stünden.

Chargesheimer waren die Malocher allemal lieber als die Maschinen, obgleich er in seinen letzten Lebensjahren aus Plexiglas allerlei kuriose "Meditationsmaschinen" baute. Die sind ähnlich sinnlos wie Jochen Muras "Versorgungsschächte" aus Pappe. Mit Frischluft wird man hier nicht versorgt, denn sie haben keine Verbindung in die Wand, aber überflüssige Fenster. Mura, Jahrgang 1968, hinterfragt die sterile Ästhetik solcher Geräte, macht sie sogar funktionslos. Und in seinen Hochhaus-Modellen nimmt er die geometrische Architektur ins Visier, die "Wohnmaschinen". Der ursprünglich positiv gemeinte Begriff Le Corbusiers von 1921 wird längst kritisch auf rein funktionale Bauten angewendet. Zum Wohnen braucht der Mensch eben mehr als nur einen quadratisch-praktischen Kasten.

Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1, Telefon (0 61 51) 89 11 84. Bis 26. August. Geöffnet dienstags bis freitags 11–18 Uhr, samstags und sonntags 11–17 Uhr.

Eintritt 6 Euro.

Internet www.kunsthalle-darmstadt.de

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