E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 27°C

Interview: Architektin spricht sich für einen Neubau von Schauspiel und Oper Frankfurt aus

Vor etwa einem Jahr präsentierten Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und Baustadtrat Jan Schneider (CDU) die Machbarkeitsstudie zu den Städtischen Bühnen. Veranschlagte Kosten: rund 900 Millionen Euro für die zehn Jahre dauernde Sanierung oder den Neubau von Oper und Schauspiel. Seither stehen die Stadtpolitiker unter Schock. Wir baten Experten zum Gespräch. Heute: Enrico Santifaller sprach mit der Frankfurter Architektin Petra Wörner.
Die Architektin Petra Wörner sagt: „Wir müssen uns anstrengen, wenn wir die Menschen auch in Zukunft ür Theater begeistern wollen.“ Foto: Enrico Santifaller Die Architektin Petra Wörner sagt: „Wir müssen uns anstrengen, wenn wir die Menschen auch in Zukunft ür Theater begeistern wollen.“

Frau Wörner, was erwarten Sie von der Politik, damit so ein Großprojekt wie die Bühnen erfolgreich wird?

PETRA WÖRNER: Mich beeindruckt, dass die Stadt Frankfurt das Gutachten zur Machbarkeit einer baulichen Neukonzeption für die Städtischen Bühnen überhaupt initiiert hat. Es zeugt davon, dass die Politik sich der Bedeutung dieses Großprojekts bewusst ist. Man hat aus den Katastrophen der Vergangenheit wie BER oder Elbphilharmonie gelernt. Umso mehr ist das Gutachten segensreich, weil es Komponenten aufzeigt, über die man nachdenken muss: Was hat man an Bestand? Was kann von diesem erwartet werden? Wie groß müssten Neubauteile sein, wenn man den Bestand ertüchtigt? Und was erwartet man von einem Neubau, wenn man den Bestand komplett eliminiert? Sogar über die Interimsmaßnahmen wurde nachgedacht, und darüber hinaus gibt es eine Kalkulation auf die perspektivische Länge einer Projektlaufzeit. Das macht alles einen total soliden Eindruck und gibt einen Rahmen zum Nachdenken. Das ist das eine.

Und was ist das andere?

WÖRNER: Es kommt jetzt darauf an, eine gute Projektstruktur aufzusetzen. Man könnte sich Vorbilder aus der eigenverantwortlich tätigen Privatwirtschaft suchen. Dort kann sich keiner leisten, ein Großprojekt nicht erfolgreich zu verwirklichen. Ich denke, dass es einen Verantwortlichen braucht, eine Art Vorstand oder einen Geschäftsführer einer eigens gegründeten Projektgesellschaft, der das Rückgrat eines solchen Projektes darstellt. Dieser Geschäftsführer muss die Komplexität der Aufgabe verstehen, sich damit identifizieren und ein großes Interesse haben, dass das Projekt erfolgreich zum Ziel geführt wird. Er sollte der Kulturdezernentin beigeordnet sein und mit den Intendanten von Oper und Schauspiel – als Sachverständige – eng kooperieren können. Das Stadtparlament ist natürlich der eigentliche Bauherr, ein Sonderausschuss könnte eine Art Aufsichtsratsfunktion wahrnehmen. Dieser muss permanent informiert werden. Er muss auch mitdebattieren können, wenn die Aufgabenstellung aus der Taufe gehoben wird. Wichtig ist, dass dieser Sonderausschuss dabei unterstützt, den Projektablauf störungsfrei zu gewährleisten. Nach meiner Erfahrung ist eine nicht ausreichend überlegte Projektstruktur das größte Risiko bei einer so komplexen öffentlichen Bauaufgabe – gar nicht so sehr die Zahlen.

Ist die Doppelanlage für die Städtischen Bühnen in ihrer Komplexität einem Krankenhaus vergleichbar?

WÖRNER: Sie ist bei aller Ähnlichkeit noch mal ein Stück komplizierter. Die Doppelanlage muss vor allem in ihrer gigantischen Dreidimensionalität funktionieren und verstanden werden. Die Prozesse, die Abläufe, die Räume und am Ende auch die Haustechnik – alles durchdringt sich gegenseitig. Das zeigt sich in dem Gutachten sehr deutlich. Und wenn dann die Kritiker sagen, der Bauplatz sei zu kompliziert und zu klein, also lagern wir beispielsweise die Logistik und die Probebühnen aus, dann ist das, mit Verlaub, ziemlich schnell und sehr salopp dahergesagt. Denn Auslagern heißt, man muss hin-, man muss zurückfahren, man hat operative Verluste, wenn die Dinge nicht an einem Ort konzentriert sind. Das Gebäude bietet doch eine Hülle für eine Fülle von Leistungen, die ja nicht nur abends stattfinden. Von der Verwaltungsarbeit bis zur Schneiderei, vom Kulissenbau bis zu den Proben der Ensembles, all diese Leistungen finden ja tagsüber statt. Und wenn diese verschiedenen Leistungen, die ineinander greifen müssen, an verschiedenen Orten stattfinden, dann ist das nicht besonders effektiv.

Das heißt doch, dass das Haus so leistungsfähig sein muss wie die Ensembles, die in ihm arbeiten?

WÖRNER: Es ist nicht profaner Funktionalismus zu sagen, dass Gebäude und Nutzung eine Symbiose bilden sollten. Je leistungsfähiger das Gebäude, desto besser können seine Nutzer sein – die Intendanz, die Schauspieler, die Musiker, bis zum großen Backstage-Bereich.

Zur Person

Petra Wörner, 1957 in Karlsruhe geboren, wuchs in Frankfurt auf. Die Tochter eines Architekten studierte Architektur in Stuttgart und Chicago, später arbeitete sie als Architektin in New York.

clearing

Spricht das für einen Neubau?

WÖRNER: Absolut. Im Vordergrund muss stehen, dass man der Stadt in einer relativ kurzen Realisierungszeit ein sehr gut funktionierendes Gebäude übergibt, was obendrein städtebaulich und architektonisch eine Landmarke wird. Das bestehende Haus ist ein gewachsener Organismus, in dem verschiedene Ensembles über Jahrzehnte sehr gute Arbeit geleistet haben. Diesen Organismus kann man weiter ertüchtigen, wie es bisher gemacht wurde. Aber damit werden die Probleme nicht gelöst, allenfalls werden Defizite gemildert. Man wird bald wieder vor der Entscheidung stehen, wie es eigentlich weitergehen soll. Ich prognostiziere, dass das Haus unter den Händen der Bauleute zerbröselt, wenn man anfängt, dran herum zu klopfen.

Was also ist zu tun?

WÖRNER: Wir haben eine Generationenverantwortung für dieses Haus. Unsere Generation, die heute Sanierung oder Abriss und Neubau reflektiert und hoffentlich eine gute Entscheidung erarbeitet, ist mit dem Wolkenfoyer aufgewachsen. Wir haben die Zeit der Mitbestimmung unter Hans Neuenfels und Peter Palitzsch erlebt in den 70er Jahren. Auch die Oper war nicht minder provokant. Die Städtischen Bühnen in Frankfurt waren immer ein besonderer Ort, über die Jahrzehnte haben sich beide Spielstätten einen hervorragenden Ruf auch international hart erarbeitet. Beide sind in einem Kontinuum und in sogar enger räumlicher Verbindung mit dem Museumsufer der große Kulturfaktor dieser Stadt, dessen Nektar wir genussvoll saugen.

Was würden Sie Kulturdezernentin Ina Hartwig raten?

WÖRNER: Es ist richtig, was sie macht: sich Zeit lassen, fundiert nachdenken, mit Vollprofis sprechen – nicht mit den überall lauernden selbsternannten Experten. Es ist gut, dass Frau Hartwig wissen will, wie Oper und Schauspiel in der Zukunft funktionieren werden. Egal ob Generalsanierung oder Neubau, erst die nächste Generation wird bei der Eröffnung die Tür aufschließen. Dieser Generationenverantwortung müssen wir uns bewusst sein, und das sind wir auch den Städtischen Bühnen schuldig. Wir sind ja mit klassischer Bildung aufgewachsen. Wenn wir im Zeichen der Digitalisierung heute unsere Kinder und Jugendlichen für diese Form von Kultur begeistern wollen, müssen wir uns anstrengen.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen