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Athener documenta mausert sich zum Publikumserfolg

Es ist Kunst, sagen die einen. Es ist Kulturimperialismus, schimpfen andere. Es ist geglückt, finden die Macher: Die documenta 14 in Athen entwickelt sich fern von Kassel zu einem kleinen Publikumserfolg.
Besucher auf der Kunstausstellung documenta 14 im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen. Foto: Alexia Angelopoulou Bilder > Besucher auf der Kunstausstellung documenta 14 im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen. Foto: Alexia Angelopoulou
Athen. 

Die documenta 14 in Athen summt, sirrt, brummt und klopft. Sie flimmert, glitzert, staubt und manchmal riecht sie auch. Die 14. Ausgabe der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst lässt kein Material und kein Medium aus, um alle Sinne der Besucher anzusprechen.

Egal, ob es sich dabei um Film, Tanz oder Sound-Installationen, um Oliven, Stein, Dreck, Eis, Glas oder Schafwolle handelt. Zwischendurch entdeckt man sogar Öl auf Leinwand.

Das Programm ist anspruchsvoll, selbst Kunstkenner bleiben bisweilen ratlos zurück. Dennoch kommen immer mehr Besucher - manche eigens, um mit Kassel vergleichen zu können, wo die documenta 14 in vier Wochen (am 10. Juni) beginnt. In Athen wurden in den ersten fünf Wochen der Ausstellung 140 000 Besucher gezählt. Ein beachtlicher Erfolg, wenn man bedenkt, dass die documenta in der griechischen Hauptstadt fast unbekannt war und die Ausstellung noch bis zum 16. Juli läuft. Der Rekord in der documenta-Stadt Kassel lag 2012 bei 860 000 Besuchern.

Es ist das erste Mal, dass sich die documenta neben Kassel gleichberechtigt auch in einer anderen Stadt zeigt. „Ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene”, schwärmt Wolfgang Wick. Der Wahl-Athener aus Köln erkundet fast täglich einen der rund 45 Ausstellungsorte. „Der documenta ist es diesmal gelungen, zu vermitteln, wo Kunst ihren Ursprung hat, nämlich in alten Kulturen und Traditionen, in der Spiritualität, in der Religion”, sagt er. Tatsächlich zeigen etliche der rund 150 Künstler traditionelle Techniken und historische Inhalte ihrer Heimatländer.

Ganz andere, aber ebenso positive Erfahrungen macht die Besucherin Titi Reuter aus Belgien. „Ich finde es herrlich, die Welt, in der wir heute leben, durch die Augen der Künstler zu sehen”, sagt sie. Ihre Begleiterin pflichtet bei und fügt hinzu: „Zum ersten Mal kann ich in Athen nicht nur die herrlichen Altertümer, sondern auch moderne Kunst bewundern.”

Diese moderne Kunst ist bisweilen eine Herausforderung, wenn man einmal mehr vor kryptischen Objekten mit noch kryptischeren Namen steht oder das Werk gleich „Ohne Titel” heißt. „Es war bei der documenta immer schon so, dass man viel Background brauchte, aber diesmal ist es noch extremer”, sagt Jutta Buness aus Stuttgart, die sich seit vielen Jahren mit der Ausstellung verbunden fühlt. Man brauche Zeit und Muße; auch sei es nicht einfach, zu den quer durch die riesige Stadt verteilten Ausstellungsorten zu gelangen.

Da haben es die Athener leichter. Sie machen gut die Hälfte der Besucher aus, weitere 25 Prozent kommen nach Angaben des documenta-Teams aus Deutschland. Mit der deutschen Kunstausstellung sind nicht alle Griechen einverstanden. „Quiz”, haben Unbekannte an eine Mauer vor dem Athener Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst gesprüht. „Die documenta ist wie a) die Weltausstellung, b) die Eurogruppe, c) Eurovision oder d) alle drei zusammen.” Unterzeichnet haben die „18 Rüpelhaften”, der Stil erinnert an die Athener Anarcho-Szene.

Sowohl bei den griechischen Rechtsextremen als auch Linken ist im Zusammenhang mit der documenta gerne von „Kulturimperialismus” die Rede - abenteuerliche Begründungen inklusive. So ereifert sich die rechtsradikale Partei „Goldene Morgenröte”, dass die Künstlerin Rebecca Belmore auf einem Hügel gegenüber der Akropolis ein Flüchtlingszelt aus Marmor installiert hat, das mit dem Parthenon-Tempel kommunizieren soll. Das sei eine „koordinierte Entsakralisierung” der Altertümer, poltert die Partei im Internet. Genauso daneben: Die linke Politikerin Zoe Konstantopoulou, die per Twitter zum Thema documenta mitteilte: „Die Nazis kommen wieder, nur mit anderen Mitteln.”

Über solche Auswüchse können die meisten Griechen nur müde lächeln. Nicht jeder geht hin, aber im Großen und Ganzen findet man es gut, dass die documenta in Griechenland stattfindet. „Wir können sehr wohl zwischen den Menschen und der Politik eines Landes unterscheiden”, sagt Danai Siaylou aus Thessaloniki, die die documenta während eines Kurztrips besucht.

Zwischen den Ländern Verbindungen geschaffen hat die documenta allemal, nicht nur durch die Flugverbindung Athen - Kassel während der Ausstellungsdauer. Alle in Athen teilnehmenden Künstler werden vom 10. Juni an auch in Kassel ausstellen. Manches Kunstwerk wird neu sein, andere Objekte ziehen um, wie etwa das tonnenschwere Marmorzelt von Rebecca Belmore, das demnächst gen Nordwesten reist. Und schließlich gilt das Kunst-Doppel auch für die Besucher: „Nachdem ich die documenta hier gesehen habe, bin ich noch neugieriger, was in Kassel gezeigt werden wird”, bilanziert Jutta Buness.

(Von Alexia Angelopoulou, dpa)
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