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Ausstellung: Auch Tiere machen Selbstporträts

Der Schweizer Künstler spielt ebenso virtuos mit der Sprache wie mit vorgefundenen Fotografien von Tieren oder historischen Momenten.
„Ohne Titel (Leopard)“ hat Alex Hanimann seine Bearbeitung eines Kontrollbildes aus dem Jahr 2017 genannt. Das Raubtier war in die Blitzerfalle gegangen. Abbildungen: VG Bild-Kunst Bilder > „Ohne Titel (Leopard)“ hat Alex Hanimann seine Bearbeitung eines Kontrollbildes aus dem Jahr 2017 genannt. Das Raubtier war in die Blitzerfalle gegangen. Abbildungen: VG Bild-Kunst

Tiere blicken uns irritierend direkt an, auf ihren nächtlichen Streifzügen von Fotofallen abgelichtet. Die Fotos dienen der Populationskontrolle und anderen wissenschaftlichen Zwecken. Doch die Förster und Forscher, welche die Aufnahmen machen, sind eher an den Daten und weniger an den eigentlichen Bildern interessiert. Die reizten jedoch den Schweizer Künstler Alex Haniman so sehr, dass er 3000 bis 4000 dieser graugrünen Aufnahmen sammelte und nun ein Dutzend Fotos davon in der Darmstädter Kunsthalle bis 8. April zeigt. Der Auftritt der scheuen Tiere in dem großen Saal wirkt fast etwas unheimlich.

Flucht vor dem Blitzer

Die Technik ist vergleichsweise einfach: Bewegungsmelder lösen automatische Kameras aus und produzieren so ungewollte Selfies von Tieren. Durch weltweite Kontakte kann Alex Hanimann neben Wildtieren im Alpenraum auch exotische Tiere zeigen. Freilich geht es nicht nur um Fuchs und Hase, Gepard und Affe. Alex Hanimann verweist auch auf den „Raum des Waldes“, auf Bäume, Büsche und Kräuter. All das ist gut zu erkennen, da die Bilder in Leuchtkästen montiert wurden. So wirkt es, als sei der Betrachter bei der Entstehung der Fotos dabei – das Blitzlicht blendet auf und verleitet das Tier zum kurzen Innehalten und Hinblicken, bevor es die Flucht ergreift.

Mal scheinen durch den gleißenden Blitz nur weiße, leere Augenhöhlen auf, mal sind die Pupillen deutlich zu erkennen. Auch dicke Schneeflocken erinnern damit fast an Tennisbälle. So ganz ungewöhnlich ist diese Art von Fotos freilich nicht. Schon im Irakkrieg 1991 gab es für die Fernsehzuschauer nur grünstichige Nachtaufnahmen, die den Raketenbeschuss auf irakische Städte beweisen sollten, zuweilen aber wie veraltete Videospiele wirkten. Auch der mittlerweile berühmte Düsseldorfer Kunstfotograf Thomas Ruff hat mit Nachtsichtgeräten gearbeitet. Alex Hanimann hingegen wählt aus gefundenen Fotos aus, die nur aus dem einzigen Grund gemacht wurden, Tiere bildlich zu erfassen und folglich zu klassifizieren.

Suche nach Ordnung

Doch der 62-Jährige, der auch als Professor für visuelle Kommunikation an der Züricher Kunsthochschule tätig ist, interessiert sich für alle Arten von Ordnungsstrukturen, die er dann inhaltlich oder formal thematisiert. Ihm geht es um Menschen, Tiere, Pflanzen und Objekte, bei den Menschen etwa weiter unterteilt in Gruppen, Handlungen, Porträts und vieles andere mehr. Neben diesen Bildern, die Hanimann in einem Schrank aufbewahrt (darunter auch eigene Zeichnungen), hat er einen weiteren Schrank für Textarbeiten.

Eine Probe seiner Sprachspiele hängt eingangs im Foyer der Darmstädter Kunsthalle. Der eine der beiden Sätze lässt sich nicht klar aus dem Englischen übersetzen, besteht er doch aus zwei Halbsätzen, die nicht so recht zueinander passen. Soll man niemals wissen oder erwarten, zu wissen, oder nur wünschen? Wie man es dreht und wendet, es bleibt verworren – aber diese Art von Störung hat Alex Hanimann bewusst eingebaut, mit einem gewissen hintergründigen Humor.

Auch die Serie der Rasterbilder sind eher Rätselbilder, die Hanimann aber bearbeitet, im Gegensatz zu den Tierbildern. Es handelt sich um markante Zeitungsfotos, vornehmlich aus den 60er und 70er Jahren, die er seit 15 Jahren immer mal wieder aufgreift. Darunter sind Motive wie das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke 1968, die Ermordung des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback durch die Terroristengruppe Rote Armee Fraktion 1977 oder das ungleiche Duo von Bewacher und Gefangenem im US-Lager Guantanamo. Hanimann hat diese Fotos monumental vergrößert und die vielen Rasterpunkte in Tuschzeichnungen übersetzt, als Negativ- oder Positivbild. Das Verfahren erinnert an die Siebdruckbilder von Andy Warhol, der damit Bilder aus Zeitungen und Reklameheftchen verfremdete.

Doch je näher man Hanimanns Rasterbildern kommt, desto weniger erkennt man – was der Künstler durchaus metaphorisch beabsichtigt. Ohnehin sind die Situationen oft unklar. Erwürgt der Diener seinen Maharadscha, oder rückt er nur die Kleider zurecht? Und wird die vietnamesische Partisanin von ihrem Sprengstoffgürtel befreit oder in die Luft gejagt?

Noch bedrängender wird es auf der Galerie der Kunsthalle, eine Etage höher. Dort hängen zwei Fotos von Bubacks Ermordung gegenüber – beim Durchschreiten des engen Raumes wird der Betrachter zum neugierigen Gaffer von 1977. Schwarz und Weiß werden vermischt, aber der Blick zurück auf den „Deutschen Herbst“ bleibt unscharf. Schwarz-Weiß-Denken hilft eben nicht weiter.

Trapped – Fallen und Raster

Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1. Bis 8. April, Di,Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr, Sa, So 11–17 Uhr. Eintritt 5 Euro. Telefon (06151) 89 11 84. Internet www.kunsthalle-darmstadt.de

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