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Frankfurter Oper: Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten

Von Witzig, intelligent und originell: So hat Katharina Thoma Flotows „Martha“ auf die Bühne der Oper Frankfurt gebracht. Ein großes Vergnügen für Ensemble wie Publikum.
Buntes Markttreiben: AJ Glueckert, Björn Bürger, Katharina Magiera und Maria Bengtsson (auf dem Tisch stehend) mit dem Ensemble. Buntes Markttreiben: AJ Glueckert, Björn Bürger, Katharina Magiera und Maria Bengtsson (auf dem Tisch stehend) mit dem Ensemble.

Egal, ob sie „Elite-Partner“ oder „Parship.de“ heißen: Bei der Partnersuche geht heute nichts mehr ohne Internet. Wer auf ein attraktives Date für den One-Night-Stand hofft oder gar den Mann oder die Frau fürs Leben finden möchte, ist heutzutage auf Online-Vermittlung angewiesen. Da kommen einem selbst Fernseh-Kuppelshows wie „Bauer sucht Frau“ schon antiquiert vor. Ein Phänomen, das sich Regisseurin Katharina Thoma für ihre Inszenierung der Flotow-Oper „Martha“ mit Witz und Feinsinn zunutze gemacht hat. Denn auch in dem einstigen Lieblingsstück des Opern-Publikums, das 120 Jahre lang zu den meistgespielten Werken auf deutschen Bühnen gehörte, dann aber in der Versenkung verschwand und nun an der Frankfurter Oper wie ein kleiner Goldschatz gehoben wurde, geht es um Partnersuche und natürlich die große Liebe.

Zwar spielt die Handlung eigentlich im England des 18. Jahrhunderts, wo das Geschäft mit der Arbeits- und Heirats-Vermittlung noch auf den Märkten verhandelt wurde. Doch das halten Regisseurin Katharina Thoma und ihr Bühnenbildner Etienne Pluss nicht davon ab, auf die modernen Zeiten abzuheben: Da tippen die beiden gelangweilten Ladys Harriet (Maria Bengtsson) und Nancy (Katharina Magiera) schon mal auf dem iPad rum, um bei einer Partnerbörse ein Profil zu erstellen. Ja, selbst der hübsche Bühnentrick, das Privatgemach der feinen Damen als kleine Guckkasten-Kammer in Form eines Smartphones vom Schnürboden herabfahren zu lassen, spielt augenzwinkernd mit der Tatsache, dass es Kontaktbörsen schon immer gegeben hat. Nur eben die Technik hat sich verändert.

Im Schotten-Karo

So inszeniert Katharina Thoma auch die Richmond Fair, auf der sich die beiden Ladys als Mägde verkleidet einem Herren andienen wollen und insgeheim auf ein Liebesabenteuer hoffen, als zeitlos-kunterbunten Jahrmarkt der Eitelkeiten. In einer Kreuzung aus Oktoberfest-Stimmung und britischem Pub-Ambiente mischen sich hier unters Bauernvolk im Schotten-Karo (Kostüme: Irina Bartels) auch ein paar Transvestiten und männliche Cheerleader. Die vergnügungssüchtigen Damen Harriet und Nancy erscheinen derweil im liebreizenden Dirndl-Look als „Martha“ und „Julia“ und werden sogleich von den beiden Landedelmännern Lyonel (AJ Glueckert) und Plumkett (Björn Bürger in waschechten Gummistiefeln) angeworben. Freilich stellt sich rasch heraus, dass die vermeintlichen Mägde gar nicht zur Arbeit taugen, weder stopfen noch spinnen können. Und die Unterkunft hatten sich die verwöhnten Frauen auch anders vorgestellt: Statt im noblen Gutshof müssen sie auf der Ausziehcouch in einem schäbigen Bauarbeiter-Wohnwagen hausen, zu Füßen der im Stockbett schlafenden Männer. Diese Verkleidungskomödie kann natürlich nicht gut gehen – schon gar nicht, wenn echte Gefühle ins Spiel kommen. Doch alles fügt sich zu einem guten Ende.

Musikalisch bewegt sich die Frankfurter „Martha“ auf Top-Niveau. Maria Bengtsson in der Titelpartie als Harriet/Martha lässt ihren Sopran bis in die höchsten Koloraturen hinein innig-warm leuchten. Voller Hingabe singt sie den irischen Volkslied-Hit „Letzte Rose“. Ihr zur Seite kann Katharina Magiera als Nancy/Julia mit ihrem profunden und stehts bestens verständlichen Alt punkten. Bei den Männern verströmt AJ Glueckert als Lyonel tenorale Emphase in bester lyrischer Manier. Sein „Ach, so fromm, ach, so traut“ geht sehr zu Gemüt. Und mit seinem virilen Bariton ist Björn Bürger als Plumkett wunderbar präsent. Sein Bass-Kollege Barnaby Rea als steifer Lord Tristan hingegen gibt seinen Part mit koketter Ironie. Prachtvolle Ensembleszenen mit dem von Tilman Michael exzellent vorbereiteten Opernchor und dem Damen-Extrachor geben dem Geschehen auf der gekonnt eingesetzten Drehbühne darüber hinaus vokalen Glanz.

Orchester mit Esprit

Überhaupt findet das Treiben auf der Bühne sein Pendant in der quirligen Musik Flotows. Sie hat zwar nicht die Tiefe eines Mozart, aber effektvoll schiebt sie in zahlreichen Duetten, Terzetten und Quartetten die Handlung voran. Dies mit Esprit umzusetzen, gelingt Sebastian Weigle am Pult des Opernorchesters mit Bravour. So konnte das Publikum am Ende gar nicht anders, als diese kurzweilige und pfiffig-unterhaltsame Premiere enthusiastisch zu feiern. Auch das Regieteam, sonst oftmals gescholten, wurde diesmal bejubelt.

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