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Premiere im Staatstheater Mainz: Auf den Trümmern eines Lebens

Von „Gas“ ist der Monolog einer Mutter, deren Sohn als Terrorist einen Giftgasanschlag in der U-Bahn verübt hat, dem 184 Menschen zum Opfer fielen.
Das Chaos herrscht nicht um sie herum, sondern auch in ihrem Inneren: Andrea Quirbach in dem Theaterstück „Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter“. Das Chaos herrscht nicht um sie herum, sondern auch in ihrem Inneren: Andrea Quirbach in dem Theaterstück „Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter“.

Staub kratzt im Hals. Der Schutt hat sich viel Raum genommen. Nur an den Seiten sind zwei schmale Streifen frei, die Platz lassen für ein paar Stühle. Der ehemalige Supermarkt auf dem Gelände der früheren US-Kaserne im Rhein-Selz-Park bei Nierstein hat sich in ein Theater verwandelt. Die Szenerie spiegelt gleichsam die Zerstörung wider, die den Ausgangspunkt bildet für den Monolog einer zerrissenen Frau, als auch das Chaos, das damit in ihr ausgelöst wurde.

Der 1958 geborene flämische Autor Tom Lanoye hat sich in „Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter“ vor zwei Jahren eines Themas angenommen, mit dem die Welt tagtäglich in den Nachrichten konfrontiert wird. Der aus Göttingen stammende Regisseur Daniel Foerster hat das Werk für das Mainzer Staatstheater nun an ungewöhnlichem Ort und entgegen der weit verbreiteten Meinung, man müsse den Terror des Islamischen Staats (IS) nicht auch noch auf die Bühne bringen, inszeniert.

Vor laufender Kamera

Das Ein-Personen-Stück ließe sich allerdings in großen Teilen auch auf andere Attentate beziehen, etwa solche wie die in den Schulen von Erfurt oder Winnenden. Denn die bohrenden Fragen, die sich und dem Publikum Andrea Quirbach in der Titelrolle stellt, die nach der Schuld oder der Vorhersehbarkeit des Geschehens und den Möglichkeiten, dieses zu verhindern, wären die gleichen.

Der Sohn, dessen Namen die Mutter nicht mehr aussprechen will, weshalb beide anonym bleiben, hat in einer U-Bahn einen Giftgasanschlag verübt. 184 Menschen kamen dabei zu Tode, darunter 70 Schüler, kleine Kinder. Ein Opfer enthauptete der Attentäter vor laufender Kamera, bevor er selbst im Kugelhagel der Polizei durchsiebt wurde. Die Mutter meint, ihn damit zweimal verloren zu haben: „einmal als meinen Sohn, einmal als meinen Toten“.

Sie erkennt ihn kaum wieder in der Leichenhalle, mit dem Bart, den er vorher nicht trug und der ihn fremd erscheinen lässt, kann das Kind nicht mehr finden, das sie einst per Kaiserschnitt zur Welt brachte und das sie sich für ein paar Tage vollkommen fühlen ließ. Wodurch hat sie es verloren? Lag es am Vater, der die Schwangere verließ? Oder war die Gewalt in ihm schon aufgrund der ungewollt unnatürlichen Geburt angelegt, als „Trauma durch einen Mangel an Zuwendung“?

Allein gelassen und von anderen als Mitschuldige verurteilt, erzählt und analysiert sie den Lebenslauf dessen, der woanders offenbar fand, was ihm zu Hause fehlte. Der aber dort, in einem fremden Land, als konvertierter Europäer, nicht akzeptiert, „ein Statist auf der Suche nach einer Hauptrolle“ war. „Nur eine Gewalttat kann so ein Fiasko umbiegen“, glaubt die Verzweifelte. Doch warum er und andere nicht? Klingt doch vieles normal in dieser Schicksalsgeschichte, nicht zu unterscheiden von den gewöhnlichen Erfahrungen und Veränderungen in der Pubertät.

Erhobenen Hauptes

Quirbach macht in ihrem facettenreichen Spiel deutlich, dass diese Frau, die sich nicht erdrücken lassen will von der Last, die ihr aufgebürdet wurde, die immer wieder aufbegehrt und erhobenen Hauptes den Anfeindungen entgegentritt, auch eine ganz andere sein könnte. Einmal nimmt sie kurz Platz im Publikum, um dieses zu verdeutlichen, reiht sich ein in die Menge, bittet freundlich um Verzeihung, dass ihr schützender Steppmantel die Nachbarn streift. Das weckt Sympathien. Rastlos geht sie umher auf den Trümmern ihres Lebens, versucht sich auch bildlich reinzuwachsen von den Vorwürfen, die auf sie herabregnen, als ein paar Minuten lang Wasser von der mit freigelegten Rohren und Kabeln bespickten Decke herabströmt.

Es ist ein intensiver, zwischen so vielen verschiedenen Gefühlen pendelnder Monolog, den sich Lanoye erdacht und in prägnante Worte gefasst hat. Quirbach spricht und spielt ihn überzeugend, wohltuend zurückhaltend, ohne aufgesetzte Gesten und gerade deshalb so tiefgehend. Die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens, das Unerklärliche erklärbar zu machen, trifft ins Mark.

Als Quirbach nach etwa 75 Minuten den Raum verlässt, bleibt neben langer Stille und Nachdenklichkeit ein Gefühl der Leere zurück. Man muss den Terror nicht auch noch ins Theater bringen, aber dieser Abend liefert einen überzeugenden Grund dafür.

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