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Philipp Winkler: "Hool": Auf ein Feierabendbier mit dem aufregendsten Schriftsteller der Saison

Philipp Winkler hat einen fantastischen Roman über einen Hooligan aus Hannover geschrieben. Für diese Geschichte wird er landauf und landab gefeiert. Ein Treffen im Buchmesse-Trubel.
„Raus an die Luft“: Philipp Winkler legt zwischen zwei Interview-Terminen auf der Frankfurter Buchmesse eine Pause ein. „Raus an die Luft“: Philipp Winkler legt zwischen zwei Interview-Terminen auf der Frankfurter Buchmesse eine Pause ein.

Bisschen kalt ist es ja jetzt, so Mitten im Oktober. Die Wolken sind grau, könnte gleich zu regnen beginnen. Philipp Winkler guckt von der Terrasse aus über den Hof der Frankfurter Buchmesse. Unten rennen die Verlagsleute mit ihren Koffern rum, oben steht Philipp Winkler und dreht sich eine Zigarette. Mal runterkommen, kurze Pause von dem ganzen Buchmesse-Wahnsinn, der einen ja ziemlich unvermittelt trifft, wenn man zum ersten Mal in Frankfurt aufschlägt. Und bei Philipp Winkler, da ist der Fall ja noch mal eine Nummer heftiger als bei allen anderen, die hier zum ersten Mal ankommen.

Der 30-Jährige hat den Roman der Stunde geschrieben. Zumindest sagen das all jene Leute, die sich über die Verleihung des Buchpreises an Bodo Kirchhoff ärgern. Und wie man hört, soll es von diesen Leuten nicht gerade wenige geben. Philipp Winkler hat ein Buch über einen Hooligan aus Hannover geschrieben. „Hool“ lautet der programmatische Titel, und seine 300 Seiten sind tatsächlich wie ein ziemlich heftiger Schlag in die Milz.

Prügelei auf dem „Acker“

Es geht da um Heiko, dessen Mutter abgehauen ist, dessen Vater säuft, dessen Schwester in ein spießiges Leben flüchtet. Heiko geht mit seinen Freunden auf den „Acker“, um sich mit anderen Hooligans zu prügeln. Eine krasse Geschichte, schnell, unvermittelt, poetisch.

Natürlich wollen jetzt alle auf der Messe wissen, ob Philipp Winkler da nicht seine eigene Geschichte aufgeschrieben hat. Ob Philipp Winkler selbst mal ein Hooligan war, fragen sie der Reihe nach. „War ich nicht“, sagt er in jedem Interview. Dafür hat er aber rund vier Jahre für seinen Debüt-Roman recherchiert. „Ich habe mich mit FanBeauftragten getroffen, und mit Polizisten, die die Szene kennen.“ Philipp Winkler spricht leise, überlegt, gibt geduldig Antworten auf oft ziemlich komplizierte Fragen.

So war das gerade eben auch, als er mit F.A.Z.-Literaturchef Andreas Platthaus vor großem Publikum sprach. Platthaus fragte, wie es denn mit Philipp Winkler nun weitergehe. Ob da bald schon ein nächstes Buch komme? Ob da Druck sei?

Da guckt Philipp Winkler entspannt, ein bisschen amüsiert. Und man sieht ihm an, dass Druck nicht so seine Sache ist. Und so sagt er: „Ich schreibe bereits an meinem nächsten Roman, ja. Aber schreiben, das ist eigentlich der falsche Begriff, ich mache momentan noch Notate.“

Nach diesem Gespräch dann die Zigarette auf der Messe-Terrasse. Luft schnappen. Pause zwischen den Gesprächen. Dann geht’s weiter zum nächsten Termin, diesmal bei 3 Sat.

Allein optisch fällt Philipp Winkler auf, in diesem wilden Messe-Dschungel. Philipp Winkler ist hochgewachsen, hat eine interessante Rasur-Frisur, lässt Kopfhörer um den Hals baumeln, die Hosenbeine hat er in seine Socken hineingestopft. Vielleicht ist das Imagepflege, eine Inszenierung. Auch Heiko, sein Protagonist, dürfte im „Hool“-Buch so ähnlich herumlaufen. Aber, ach, es ist total egal, denn Philipp Winkler trägt diesen Look auf der Messe so selbstverständlich, dass niemand auf die Idee kommen würde, dass dieser Schriftsteller damit womöglich nur eine Rolle spielen würde.

Schon am Mittwochabend las Philipp Winkler im Hessischen Literaturforum, beim „Debütantenball“, einer der besten Veranstaltungen während dieser Buchmesse. Er las da nicht eine der harten Kampfszenen, die in seinem Buch am Anfang, in der Mitte und am Ende stehen. Sondern das Kapitel, in dem Protagonist Heiko und seine Familie gemeinsam Kaffee trinken. Eine der vielen raffiniert komponierten Szenen: In wenigen Sätzen wird klar, was das für eine kaputte Familie ist, in die Heiko da hineingeboren wurde. Es hört sich an, als ob diese vorgelesenen Sätze selbstverständlich seien, als ob sie einfach so aus dem Ärmel geschüttelt wurden. Doch Philipp Winkler hört einfach genau hin – er weiß, wie Dialoge funktionieren. Er weiß, wie er sie aufschreiben muss.

Welches Bier?

Nach der Lesung gibt es lauten Applaus, Bier wird getrunken, immer mehr. Bis das Literaturforum die Türen schließt. Weiter geht’s in eine Hipster-Kneipe in der Nachbarschaft. Auch da gibt es Bier. Philipp Winkler spricht über Fußball, das macht er am liebsten. Er ist Hannover-Fan, aber auch Werder-Bremen-Fan. Die Anhänger beider Vereine mögen sich eigentlich nicht besonders. Bei Philipp Winkler geht diese Kombination auf. Gut sogar. „Es gibt in Hannover viele Kneipen, in denen beide Schals aufgehängt sind“, sagt er.

Als dann irgendwann auch diese Hipster-Kneipe die Stühle hochstellt, steht noch ein Spaziergang durchs nächtliche Frankfurt an. Im Bahnhofsviertel wird die nächste Runde Bier gereicht, das geht noch ein bisschen so weiter. Es wird immer lustiger, zerfahrener. Die Termine am nächsten Morgen meistert er trotzdem souverän. Philipp Winkler ist Profi.

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