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Saisonstart in der Alten Oper Frankfurt: Aufbruch in die Fremde

Das Gefühl der Fremdheit und die Einsamkeit des Wanderers sind die zentralen Motive in Schuberts „Winterreise“. Das Werk steht im Mittelpunkt des Musikfests in der Alten Oper. Zwei Wochen lang wird es von verschiedenen Seiten beleuchtet.
Nicht nur Komponisten wie Franz Schubert, sondern auch die Maler der Romantik beschäftigten sich mit dem „Winterreise“-Sujet, wie dieses 1863 entstandenen Ölgemälde mit dem Titel „Winterlandschaft mit Pferd“ von Johann Bernhard Klombeck und Eugène Verboeckhoven zeigt. Abbildung: Picture Alliance/AKG-Images Foto: akg-images (akg-images) Nicht nur Komponisten wie Franz Schubert, sondern auch die Maler der Romantik beschäftigten sich mit dem „Winterreise“-Sujet, wie dieses 1863 entstandenen Ölgemälde mit dem Titel „Winterlandschaft mit Pferd“ von Johann Bernhard Klombeck und Eugène Verboeckhoven zeigt. Abbildung: Picture Alliance/AKG-Images
Frankfurt. 

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“ – mit diesen tristen Versen aus dem ersten Lied „Gute Nacht“ drückt Franz Schuberts Wanderer seine Fremdheit in klaren Worten aus. Und wagt den nächtlichen Aufbruch in Kälte, Ungewissheit und in unbekannte Fernen. Diese Stimmung der „Winterreise“ können derzeit auch Millionen von Menschen emotional nachempfinden, die in zahllosen Wanderungsbewegungen über den Globus ziehen.

Mit ein Anlass für Stephan Pauly, Intendant der Alten Oper, Schuberts Meisterwerk ins Zentrum des die Spielzeit eröffnenden Musikfests „Fremd bin ich . . .“ zu setzen. Allerdings möchte er die konkreten Ereignisse der großen Flüchtlingswelle 2015 nicht im direktem Zusammenhang mit dem Festival sehen: „Das wäre zu kurz gegriffen, das wäre völlig vermessen und ist überhaupt nicht unsere Kompetenz und auch nicht unsere Aufgabe“, stellt Pauly klar.

Reines Vokalwerk

Die Alte Oper wolle den Menschen in erster Linie vitale Musikerlebnisse und neue Zugänge zu Schuberts romantischem Liederzyklus bieten. Das Thema Fremdheit bezieht sich also keineswegs nur auf die Gefühle ankommender Flüchtlinge.

Wichtigster Liederzyklus der Romantik

Ein einsamer, von der Liebe enttäuschter Wanderer beklagt seine innere und äußere Entfremdung. So beginnt Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ op. 89.

clearing

Vom heutigen Freitag an bis zum 30. September beleuchtet die Alte Oper Schuberts „Winterreise“ op. 89 auf vielfältigste Weise. Dass zum ersten Mal nach Streichquartett, Ballett- und Klaviermusik ein reines Vokalwerk im Mittelpunkt steht, hat laut Pauly keine speziellen Auswirkungen auf die künstlerische Ausgestaltung. Denn die letzten Jahre hätten gezeigt, dass jedes im Kern des Musikfests stehende Stück „seinen eigenen Kontext, seine eigene Struktur und seine eigene Temperatur erzeugt“. Im Vordergrund stehe das Beleuchten des politischen und gesellschaftlichen Aspekts der Romantik, so Pauly, während die Liebesgeschichte „uns nicht vorrangig interessiert“ hat.

Im Straßenbahn-Depot

Fest steht: Mit dem englischen Tenor Ian Bostridge und seinem Vortrag der Original-Version kommt am 17. September ein interpretatorisches Schwergewicht an den Main; genauer ins Straßenbahn-Depot „VGF-Betriebshof Gutleut“ im Westhafen. Kaum jemand hat sich derart obsessiv mit der „Winterreise“ beschäftigt wie der britische Sänger und Oxford-Historiker. Er hat sogar ein hoch gelobtes Buch über diese Leidenschaft geschrieben.

Stephan Pauly, Intendant der Alten Oper Frankfurt. Bild-Zoom Foto: Bernd Kammerer (.)
Stephan Pauly, Intendant der Alten Oper Frankfurt.

Mit dem ungewöhnlichen Aufführungsort versucht die Alte Oper an den immensen Daniel-Libeskind-Erfolg „One Day in Life“ im letzten Jahr anzuknüpfen. Wieder werden über Nacht die S-Bahnen ausgelagert und die Bestuhlung samt der Technik in der 80 Meter langen Halle aufgebaut. Ein Musikprojekt, das man nicht verpassen dürfe, so Pauly: „Da vermischt sich das Leben mit der Musik und mit den Geräuschen der Züge. Wenn man die ,Winterreise‘ dort hören wird, wenn man die Züge und das Ankommen und Wegfahren sieht, stellen sich Fragen von Wiederkommen, von Zuhausesein, von Wegmüssen. Wer weiß schon, ob man wiederkehrt, wenn man morgens in die S-Bahn steigt?“

Ebenfalls mit Spannung wird erwartet, welche Assoziationen dem Jazz-Pianisten Michael Wollny und seinem Kollege Konstantin Gropper (Sänger und Multi-Instrumentalist) zu Schuberts existenzieller Fremdheit eingefallen sind und wie das ehemalige Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, der vielseitige Tenor Daniel Behle, den Zyklus heute am Eröffnungstag gleich zweimal interpretiert: einmal im Original und, nach einer kurzen Einführung, anschließend in seiner Bearbeitung für ein Klaviertrio.

Historisch informiert nähert sich Julian Prégardien der „Winterreise“, während sich Sopranistin Nataša Mirkovic und Drehleier-Spieler Matthias Loibner einen besonderen Ort für ihr Konzert ausgesucht haben: Das Apfelwein-Lokal „Daheim im Lorsbacher Thal“ im Brückenviertel. Auch eine reizvolle Uraufführung hat die Alte Oper beauftragt: Der in Bockenheim lebende Live-Elektronik-Musiker Hannes Seidl versammelt in „Salims Salon“ fünf experimentelle Improvisations-Komponisten aus aller Welt. Nach monatelanger Recherchearbeit habe er eine „gut vernetzte, dichte Szene“ im Netz gefunden, die sich gegenseitig inspiriere, berichtet er. Getrieben von dem Wunsch, „das Verhältnis vom europäischen Blick auf das Fremde mal umzudrehen“, lädt er einen in Belgien aufgewachsenen Kongolesen, eine koptische Christin aus Kairo, eine Musikerin aus Kamerun und den nach London immigrierten Muslim Seth zum gemeinsamen Konzert in den Mozartsaal ein. Improvisiert werde in einer klaren Abenddramaturgie über das Thema „Das Fremde und das Unterordnen des Fremden“.

Eine gute Gelegenheit, den neuen Schauspiel-Intendanten Anselm Weber kennenzulernen, bietet das Musikfest ebenfalls. Er wird im Verein mit Ian Bostridge über die politische Sprengkraft der Romantik debattieren und von seiner Probenarbeit zu Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ berichten.

Darüber hinaus wird Ian Bostridge Beethoven und Schubertlieder intonieren und Schauspieler Max Simonischek ausgewählte Textpassagen rezitieren. Der Frankfurter Mousonturm steuert mit dem Performancekünstler Daniel Cremer eine experimentelle Herangehensweise an die „Winterreise“ bei und Sir András Schiff einen umfangreichen Solo-Konzertabend in der Alten Oper.

Alte Oper Frankfurt

Musikfest zur „Winterreise“, 15. bis 30. September. Verschiedene Anfangszeiten. Karten unter Telefon (069) 1 34 04 00. Internet www.alteoper.de

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