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Ausstellung in der Schirn: Aug’ in Aug’ mit wilden Tieren

Von Die Frankfurter Kunsthalle zeigt in „Diorama – Erfindung einer Illusion“, mit welchen Tricks man zwei Jahrhunderte lang suggestive Wirklichkeiten erzeugte.
Tiere sind bevorzugte Motive in Dioramen: Hier ein Alaska-Schneeschaf im Denali National Park, hergerichtet von Matthias Haase 1997 für das Übersee-Museum in Bremen. Abbildungen: Schirn Kunsthalle Foto: Matthias Haase Tiere sind bevorzugte Motive in Dioramen: Hier ein Alaska-Schneeschaf im Denali National Park, hergerichtet von Matthias Haase 1997 für das Übersee-Museum in Bremen. Abbildungen: Schirn Kunsthalle
Frankfurt. 

Ein Dachs, ein Steinbock, ein Bison. Ein Löwe, der eine Gazelle reißt, die Zähne in ihrer Kehle vergraben, die Tatze ins Gesicht des Beutetiers verkrallt. Eine riesige Volière mit Vögeln aus aller Welt, traut vereint: „Happy Family“ heißt das Schaukasten-Kunstwerk. Und fast am Ende der Schau, wenn man die vielen Guckbühnen mit ihren visuellen Effekten schon passiert hat, tatsächlich ein lebendiges Tier: ein Axolotl. Gemächlich bewegt er sich in einer terrariumähnlichen Schaukastenwelt.

„The Giant“ heißt dieses Kunstwerk von Jeff Wall, eine Fotomontage im Leuchtkasten aus dem Jahr 1992. Bild-Zoom Foto: Schirn (Jeff Wall/Schirn)
„The Giant“ heißt dieses Kunstwerk von Jeff Wall, eine Fotomontage im Leuchtkasten aus dem Jahr 1992.

All das findet man nicht im Senckenberg-Museum, sondern in der Schirn-Kunsthalle am Römerberg, denn die zeigt, bis in den Januar hinein, Dioramen: große (und manchmal auch sehr kleine) Schaukästen, mit denen man seit dem frühen 19. Jahrhundert die Neugier des europäischen Kulturbürgers nach der fernen wilden Welt zu befriedigen versuchte. Die Diorama-Schau ist sehr tierlastig, was natürlich damit zu tun hat, dass die Menschen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nichts so sehr faszinierte wie exotische Tiere.

In der Wildnis

Doch diese Tiere stehen nicht allein. Denn immer kommt es darauf an, sie in ihrem Umfeld zu präsentieren, so lebensecht wie möglich, und da ist nicht nur ein guter Präparator gefragt, sondern auch ein Kenner von Flora und Fauna – und vor allem jemand, der das natürliche Lebensumfeld so täuschend echt wie nur möglich darstellen kann. Meist stehen die Tiere also in einer Natursimulationsumgebung, vorn sind Steine, Gräser und Moos zu sehen, und den Hintergrund bildet ein gemaltes Panoramabild: je mehr Dramatik und je mehr Action, desto besser.

Die Kunst der Illusion entspringt dem Wunsch, mühelos in eine andere Welt hineintauchen zu können. Sich anderen Zeiten, anderen Orten und Lebensumständen nicht nur abstrakt zu nähern, sondern sie leibhaftig wie echt zu erleben, in sie hineintauchen zu können. Dioramen beziehen ihren Zauber aus der Kunst, diese Unmittelbarkeit erfahrbar zu machen. Insofern sind sie Vorfahren und enge Begleiter anderer Illusionskünste wie Theater und vor allem Film. Folgerichtig haben die Macher der Ausstellung, die in Paris konzipiert wurde, Bildschirme mit Sequenzen aus „Planet der Affen“ sowie aus „Nachts im Museum“ inmitten der historischen Ansichten platziert. Ben Stiller als Museumswächter erlebt genau diesen Traum aller Dioramen-Bauer: Die künstlichen Welten erwachen zum Leben und werden wirklich. Von dort nach hier ist es nur ein kleiner Schritt. Die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter schwindet. Das Museum ist nicht länger ein kontemplativer Ort, sondern Ort lebenspraller Abenteuer.

Das ist der Traum der Dioramen-Bastler seit jeher. In der Schirn lässt sich die Entwicklung über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart verfolgen. Das ist auch deswegen beeindruckend, weil man dabei den Menschen auf der Suche nach der perfekten Illusion begleitet: im immer weiter verfeinerten Spiel mit den Sehgewohnheiten.

Louis Daguerre und Charles Bouton eröffneten 1822 das Pariser Diorama: eine Schaubühne, auf der man semitransparente und beidseitig bemalte Leinwände bewundern konnte. Mit Lichteffekten wurden sie zum Leben erweckt. So ließ sich anschaulich ein Sonnenuntergang in Neapel inklusive Vesuv-Ausbruch simulieren: ein lebendiger Bildprospekt und Vor-Vorläufer des Films. Schon aus dem 16. Jahrhundert stammen dreidimensionale Darstellungen von Bibel- oder Heiligenszenen, die in maximalrealistischer Puppenstuben-Manier der Glaubensstärkung dienten.

Sehr schön lässt sich über die Jahrzehnte nachverfolgen, wie bewusst spätere Dioramen-Künstler sowohl mit der in die Tiefe reichenden Raumwirkung als auch mit der Bewegtbild-Anmutung nach immer realistischeren Darstellungen trachteten – bis sie schließlich von anderen Kunsttechniken, allen voran dem Film, überholt wurden.

Die Illusion zerstören!

Das hatte zur Folge, dass es Künstlern nunmehr um die bewusste Brechung des Realismus-Effekts ging: Jeff Wall zeigt in einem Fotomontagekasten eine riesenhaft wirkende Frau in einem Treppenlabyrinth. Richard Barnes desillusioniert die Illusionsräume, indem er deren Reinigungs- und Installationspersonal mitfotografiert. Isa Genzken schließlich zeigt 2004 in „Empire Vampire“ den Menschen mit Plastikfiguren auf einem Berg von allerlei Tand als Weltvermüllungsmonster. Aber ob das noch als Diorama gelten kann? Louis Daguerre hätte wohl widersprochen. Längst leben wir im Zeitalter der vollendeten Künstlichkeit, in der das Diorama mit seinem Bestreben nach naturalistischer Echtheit überwunden ist. Wie überhaupt die Vergänglichkeit dieser Gattung, die angetreten war, den Moment ewig zu machen, stets mitschwingt.

Lange schon haben VR-Brillen und 3-D-Filme und ähnliche Errungenschaften der Unterhaltungskultur-Industrie dem Diorama den Garaus gemacht. Welchem Geist sie entsprungen sind, ist in der Schirn zu erleben.

Schirn Kunsthalle

Am Römerberg, bis 21. Januar.
Geöffnet Di–So 10 bis 19 Uhr,
Mi/Do 10 bis 22 Uhr. Eintritt 9 Euro.
Telefon (069) 2 99 88 20.
Internet www.schirn-frankfurt.de

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