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Sally Potters „Die Party“: Aus jedem wird am Ende das, was er niemals werden wollte

Von In Sally Potters Kammerspiel „Die Party“ feiert Kristin Scott Thomas als neu ernannte Ministerin ihren Aufstieg – mit ungeahnten Folgen.
So sieht es aus, wenn zwischen der Zweisamkeit noch viel Platz für die Einsamkeit bleibt: April (Patricia Clarkson) und Gottfried (Bruno Ganz) sind verheiratet. Das muss aber nicht so bleiben. Foto: -- (Adventure Pictures Limited 2017 ) So sieht es aus, wenn zwischen der Zweisamkeit noch viel Platz für die Einsamkeit bleibt: April (Patricia Clarkson) und Gottfried (Bruno Ganz) sind verheiratet. Das muss aber nicht so bleiben.

Wie ein Theaterstück wirkt Sally Potters kleiner, feiner Film. Verwandte, Freunde und Bekannte stehen oder sitzen in Janets Wohnzimmer wie auf einer Bühne und reden wie Schauspieler, die einen Rollentext aufzusagen haben. Gedreht in Schwarzweiß, wirkt die Szenerie noch entrückter. Gespenstischer. Surrealer. Auf ganz eigene Art faszinierend. Sind das tatsächlich Menschen, die sich da unterhalten, oder nicht vielmehr Kunstfiguren, sich selbst entfremdete Wesen, die erst noch auf der Suche sind nach einem Platz in ihrem eigenen Leben?

Janet (Kristin Scott Thomas) ist gerade zur britischen Gesundheitsministerin ernannt worden. Kurzfristig hat sie ihre Lieben und auch Arbeitskollegen für eine Feier zu sich eingeladen. Während sie als Frau des Hauses in der Küche damit beschäftigt war, Sektflaschen zu öffnen, Häppchen anzurichten und telefonisch Glückwünsche entgegenzunehmen, sind nach und nach die Gäste eingetroffen. Manche kennen einander schon. Andere begegnen einander zum ersten Mal.

Janets schwermütig in sich versunkener Ehemann Bill (Timothy Spall) sitzt ebenfalls wie ein Gast im Wohnzimmer, was insofern nicht erstaunt, als Janet zwischendurch an ihrem Handy mit jemandem flüstert, der/die ihr sehr nahe zu stehen scheint. Andererseits wirkt die neue Ministerin geradezu engelsgleich, gar nicht wie eine Karrierefrau, die darauf gedrängt hätte, nach oben zu kommen. Ihre beste Freundin April (Patricia Clarkson) scheint da von anderer Natur. Feministisch teuflisch, ehrgeizig und machtbesessen.

Umso liebenswürdiger ist ihr Schweizer Mann Gottfried, drollig gespielt von Bruno Ganz in Alm-Öhi-Aufmachung. Gottfried ist Alternativ-Heiler, kann mit Handauflegen körperliche Schmerzen beseitigen und seelische Verkrampfungen lösen. Aber das nutzt nicht viel, die Stimmung hinter den vordergründigen Freundlichkeiten bleibt angespannt. Erst mit der Zahl der geleerten Weinflaschen steigt das Offenbarungsbedürfnis. Plötzlich kommen Dinge heraus, die all die Anwesenden niemals voneinander gedacht hätten. Ein Wettstreit der Enthemmungen nimmt seinen Lauf.

Mit geübter Kunstfertigkeit holt die englische Regisseurin Sally Potter (67) nun verschwiegene oder verdrängte Wahrheiten aus Gastgeberin und Gästen heraus, die sich so betont linksliberal gebärden, ohne es tatsächlich zu sein. Das Geschehen erinnert an Jean Paul Sartres Kammerspiel „Geschlossene Gesellschaft“, in dem der Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ fällt.

Die fantastischen Schauspieler arbeiten unter ihrer Regisseurin jeder für sich und doch gemeinsam ein Menschenbild heraus, das so veränderbar ist wie ein Trugbild. Am Ende von „Die Party“ scheint jeder Einzelne das geworden zu sein, was er stets am meisten zu werden gefürchtet hat. Sehenswert

 

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