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Ausstellung im Städel: Aus tiefer Liebe zur Natur

Die Schau im Frankfurter Städel stellt Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger von Maria Sibylla Merian vor, der besten Blumen- und Insektenzeichnerin des 17. und 18. Jahrhunderts.
Von Johann Walter dem Älteren stammt diese Ansicht des Gartens von Idstein aus dem Jahr 1663. Sie zeigt eine Allegorie des Frühlings. Abbildungen: Bibliothèque Nationale, Paris Bilder > Von Johann Walter dem Älteren stammt diese Ansicht des Gartens von Idstein aus dem Jahr 1663. Sie zeigt eine Allegorie des Frühlings. Abbildungen: Bibliothèque Nationale, Paris

Eine hellrote Buschrose begrüßt den Besucher, sehr fein mit Aquarell- und Deckfarben auf Pergament gezeichnet. Aber halt, was ist denn das? Da kriecht ja schon eine Raupe umher, auch Larve, Puppe und Schmetterling sind zu sehen. Oder, in Maria Sibylla Merians Worten, „die lieblich-grüne Raupe mit dem schwarzen Köpflein“ frisst eine Rosenknospe von innen auf. Denn Merian (1647–1717) entwickelte als Blumenmalerin eine Leidenschaft für Raupen und wurde so zur Naturforscherin, ein für die damalige Zeit sehr ungewöhnliches Leben einer Frau.

Expedition nach Surinam

Sie war das jüngste Kind des Frankfurter Verlegers Matthäus Merian d. Ä., die so viel Mumm hatte, sich von ihrem Ehemann zu trennen und 1699 zu einer Expedition ins südamerikanische Surinam mit Tochter aufzubrechen. Ein Abenteuer vor fast 320 Jahren: Zwei Frauen des Barock forschten mit ihren voluminös aufgebauschten Kleidern für zwei Jahre in der niederländischen Kolonie. Maria Sibylla Merian hat es wahrlich verdient, dass ihr Konterfei ein Jahrzehnt lang den 500-D-Mark-Schein zierte.

Ihre Biografie ist recht gut bekannt, ihr künstlerisches Werk hingegen noch immer nicht richtig erforscht. Jetzt widmet das Frankfurter Städel der berühmtesten Tochter der Stadt eine Schau zum 300. Todestag in Zusammenarbeit mit dem Berliner Kupferstichkabinett, wo die Ausstellung bereits zu sehen war. „Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes“, so der Titel der bis 14. Januar nächsten Jahres laufenden Schau, stellt ihre Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger anhand von mehr als 150 Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälden vor, umfasst also die Zeit vom 15. bis 19. Jahrhundert.

Zarte Blütenblätter

Das ist eine große Zeitspanne, aber das Verhältnis zur Natur wandelte sich in dieser Zeit gründlich, weshalb Kurator Martin Sonnabend etwas weiter ausholt. Schaut man sich etwa die Blattornamente des spätgotischen Meisters ES an, wird man zwar schön geschwungene Formen entdecken, die aber nicht naturgetreu sind. Eine Generation später sehen die Ornamente von Martin Schongauer noch künstlicher aus. Doch im Laufe des 15. Jahrhunderts setzte ein Wandel zum natürlichen Abbild ein, den der Besucher nun anschaulich verfolgen kann.

Aber erst im 16. Jahrhundert entfaltete sich die oft gering geschätzte Blumenmalerei zu voller Pracht, im 17. Jahrhundert kamen Gärten und Blumen in Mode und galten als kostbare Güter. Von Georg Flegel etwa, dem ersten deutschen Stillleben-Maler, sind fein gezeichnete Blumen aus seinem Musterbuch zu sehen, darunter eine Schwertlilie mit Winde und Kirschen. Dafür wählte Flegel delikate Farb- und Strichnuancen, von der Lilie mit mattgrünem Stängel, zarten Blütenblättern und feinen Adern bis zur verwelkenden Winde. Sogar den Lichteinfall und ein Fenster spiegelte er in den Kirschen.

Nach einem ähnlichen Musterbuch arbeitete auch Maria Sibylla Merian, wie der Vergleich mit Joris Hoefnagels „Archetypa“ verrät. Von Merian sind im Zentrum der Schau rund 40 Blätter versammelt, zehn davon gehören dem Städel. Freilich ist das mit den Zu- und Abschreibungen so eine Sache, denn Merian signierte und datierte selten ihre Werke. So hilft nur ein Stilvergleich weiter. Aber da bisher noch kein Werkverzeichnis vorliegt, ist das ein mühsames Unterfangen. Maria Sibylla Merian dokumentierte als Künstlerin sehr exakt das, was sie als Naturforscherin beobachtet hatte; unbestechlich wie eine Fotografin hielt sie alles akkurat fest. Immerhin hatte sie schon als 13-Jährige die Entwicklung der Seidenraupe verfolgt. Als 22-Jährige brachte sie 1679 ihr „Raupenbuch“ heraus, in dem sie die „wunderbare Verwandelung und wundersame Blumennahrung“ an 50 Beispielen eingehend erläuterte. Merian war sich auch nicht zu schade dafür, selbst Unkraut wie den Wegerich detailliert zu zeichnen, als sie auf ihm eine Raupe entdeckte.

Unendlich viel Geduld

Mit viel Geschick und unendlich viel Geduld, mit der Liebe zu Kunst und zu Natur schuf Merian außergewöhnliche Blätter, deren Farben noch heute erstaunlich frisch wirken. Das „Raupenbuch“ etwa konnte man in verschiedenen Versionen erwerben, mit einfachen oder mit nachträglich kolorierten Kupferstichen. Folglich sollte der Besucher etwas mehr Zeit als sonst für einen Rundgang haben. Denn man muss schon genau hinschauen, um all die kleinen Schönheiten zu entdecken.

Eine ganz eigene Entdeckung gelang auch dem Städel vor einiger Zeit. Im Keller der Bibliothek fand man zwei mit rotem Samt eingeschlagene Bände, die sich als Florilegium des Grafen Johannes von Nassau-Idstein entpuppten. Der Graf besaß einen großen Garten mit exotischen Gewächsen, den er von einem Künstler zwischen 1651 und 1672 in mehreren Bänden, dem Florilegium, dokumentieren ließ. So kommen Repräsentation und Prunk, Kunst und Wissenschaft aufs Schönste zusammen.

Städel Frankfurt

Schaumainkai 63. Bis 14. Januar 2018. Geöffnet Di/Mi und Sa/So 10–18 Uhr, Do/Fr 10–21 Uhr. Eintritt Di–Fr
14 Euro, Sa/So 16 Euro. Katalog
29,90 Euro. Telefon (069) 6 05 09 80.
Internet www.staedelmuseum.de

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