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Frankfurter Städel: Ausstellung: Haltestellen im Niemandsland

Antike Kulturstätten beleuchtet Schulz-Dornburg ebenso wie Relikte der postsowjetischen Ära. Die viel zu wenig bekannte 80-jährige Fotografin hat jetzt ihre erste große Übersichtsschau.
Eine Haltestelle in Armenien: Ob hier tatsächlich jemals ein Bus hält? Die Frau und das kleine Mädchen haben sich jedenfalls fein herausgeputzt. Eine Haltestelle in Armenien: Ob hier tatsächlich jemals ein Bus hält? Die Frau und das kleine Mädchen haben sich jedenfalls fein herausgeputzt.

Die Frau hat sich herausgeputzt, ihr bestes Kleid und elegante Schuhe angezogen, Schmuck um- und Make-up aufgelegt. Jetzt steht sie an dieser trostlosen und schon leicht verwahrlosten Haltestelle, die so aussieht, als würde dort nie und nimmer ein Bus anhalten. Ein idealer Ort, um Becketts Drama „Warten auf Godot“ zu spielen. Aber nur eine von zahllosen Bushaltestellen in Armenien, die in den 60er und 70er Jahren als Symbole des Fortschrittsglaubens der damaligen sowjetischen Staaten galten. Doch dieser naive Glaube ist längst verlorengegangen.

Warten im trostlosen Niemandsland unter Schirmen: Diese Aufnahme von Ursula Schulz-Dornburg entstand 2004 in Armenien und gehört zur Serie „Transitorte“. Abbildungen: Städel Bild-Zoom
Warten im trostlosen Niemandsland unter Schirmen: Diese Aufnahme von Ursula Schulz-Dornburg entstand 2004 in Armenien und gehört zur Serie „Transitorte“. Abbildungen: Städel

Mit diesen Aufnahmen, entstanden zwischen 1997 und 2011, beginnt im Frankfurter Städel die Schau von Ursula Schulz-Dornburg. Ein Name, der selbst Fotokennern nicht sogleich geläufig ist. Denn sie hat sich nie um Ruhm und Ehre geschert; sie hatte es auch, aus begütertem Haus kommend, finanziell nicht nötig. Schulz-Dornburg ist eine späte Entdeckung, wie die Schau an 250 mittelformatigen Bildern aus 13 Werkgruppen zeigt, alle aus der Zeit von 1980 bis 2012 stammend.

Noch analog

Nun sind die Fotos im Obergeschoss der Städel-Halle bis 9. September ausgebreitet. Es ist die größte Retrospektive der inzwischen 80-jährigen und in Düsseldorf lebenden Künstlerin, die nur in Schwarz-Weiß arbeitet. Und sie fotografiert noch analog, belichtet ihre Fotos selbst aus und macht dann aufwendige und edle Barytabzüge. Also eine ganz traditionell arbeitende Lichtbildnerin, die aber weder Reise- noch Reportagebilder macht. Zu Recht wird sie von Städel-Direktor Philipp Demandt „zwischen Dokumentation und Konzeptkunst“ angesiedelt.

Doch so richtig einordnen lässt sich die Künstlerin nicht, denn ihr Themenspektrum ist breit und kaum zu fassen. Es reicht von der Archäologie bis zur tristen Architektur der postsowjetischen Ära, von alten Kulturen und untergegangenen Landschaften bis zur heutigen Gesellschaft. Immer sind es sachliche, fast nüchterne Fotos, die in Serien entstehen und ein wenig an Bernd und Hilla Becher erinnern, auch wenn es nicht um alte Hochöfen, Wassertanks oder Fachwerkhäuser geht.

Öde Transitorte

Vielmehr reiste Ursula Schulz-Dornburg nach Asien und in den Nahen Osten, um Relikte vergangener Kulturen oder öde Transitorte und Grenzlandschaften aufs Bild zu bannen. Damit hat sie schon vor fast 40 Jahren begonnen, vieles gibt es heute schon nicht mehr, etwa die Lehm- und Schilfbauten im irakischen Marschland. Oder die viel später, aber noch vor dem Beginn des Syrienkrieges von Schulz-Dornburg aufgesuchten Gräber in Palmyra, der sagenumwobenen antiken Oasenstadt.

Folglich sind Schulz-Dornburgs Fotos doch Dokumente einer untergegangenen Kultur. Das ist für den Betrachter verwirrend, steht er doch vor ästhetisch bestechenden Aufnahmen, die aber einen hässlichen politischen Hintergrund haben. Dieses Pendeln zwischen Schönheit und Schrecken zieht sich durch die gesamte Schau. Ursula Schulz-Dornburg trägt ihren Teil dazu bei, indem sie die Bilderreihen oft unterbricht und Leerstellen lässt, wenn es einen inhaltlichen Bruch gibt, den sie nicht verdecken will.

Im syrischen Palmyra fotografierte Ursula Schulz-Dornburg 2010 diese Steine im Tal der Gräber, aus der Serie „Verschwundene Landschaften“. Bild-Zoom
Im syrischen Palmyra fotografierte Ursula Schulz-Dornburg 2010 diese Steine im Tal der Gräber, aus der Serie „Verschwundene Landschaften“.

Die Künstlerin hat auch angeregt, dass in der Ausstellung alte, aber fast immer bequeme Stühle stehen, um ein Bild in Ruhe studieren zu können. Denn Schwarz-Weiß-Fotos leben von den vielen, oft unscheinbaren Stufen zwischen Grau und Schwarz. Und die Autodidaktin Ursula Schulz-Dornburg ist eine Meisterin darin, noch einen und noch einen Ton aus dem Bild zu kitzeln – ein sensationelles Spektrum an grauen „Farben“.

Welch große Rolle das Licht für sie spielt, wird in der frühen Serie „Sonnenstand“ deutlich, die 1991/92 auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela entstand. Dort fand die Fotografin viele winzige Einsiedeleien, die sich mit ihren schmalen Fensternischen gut eignen, um den Lauf der Sonne im Inneren der Bauten zu dokumentieren. Der Sonnenstrahl wandert in den karg eingerichteten Kirchenräumen von einer Seite zur anderen – ein grandioses Spiel von Licht und Schatten, das nur nach stundenlangem Ausharren gelingen konnte.

Die letzte Serie der Fotografin entstand 2012 in Kasachstan, wo die Russen zwischen 1949 und 1990 mehr als 470 Atombomben zündeten. Dafür hatten sie eigens viele Gebäude errichtet, um deren Stabilität auszutesten. Diese Ruinen wirken wie surreale Gebilde einer Zeit, die noch nicht untergegangen ist. Nach dieser Serie legte Schulz-Dornburg ihre Kamera beiseite, zu beschwerlich und zu deprimierend war die Reise in die jüngste Vergangenheit.

Städel Frankfurt

Schaumainkai 63. Bis 9. September, geöffnet Di/Mi und Sa/So 10–18 Uhr, Do/Fr 10–21 Uhr. Eintritt 14 Euro. Katalog 39,90 Euro.
Telefon (069) 6 05 09 80.
Internet www.staedelmuseum.de

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