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Die 68er: Ausstellung dokumentiert die Schülerrebellion gegen Prügel und Prüderie

Schon vor den Studenten begehrten die Schüler gegen Eltern und Lehrer auf. Die Schau „Klassen-Kämpfe“ belegt, dass die 68er-Generation ihre Vorläufer in den Schulen hatten.
Gegen Atomwaffen demonstrieren diese Schüler 1967 in Frankfurt. Die Stadt war eines der Zentren der deutschen Studentenbewegung und der deutschen Friedensbewegung. An deren Aktionen beteiligten sich auch viele Schüler. Bilder > Gegen Atomwaffen demonstrieren diese Schüler 1967 in Frankfurt. Die Stadt war eines der Zentren der deutschen Studentenbewegung und der deutschen Friedensbewegung. An deren Aktionen beteiligten sich auch viele Schüler.

Die junge Lehrerin aus England trug im Jahr 1967 modischen Minirock und redete gern Klartext. So waren die Frankfurter Schülerinnen und Schüler rundweg begeistert von ihr. Sie unterrichtete ganz anders, wich keinen kritischen Themen aus und ermunterte zu Fragen. In der Schülerzeitschrift „Furore“ wurde sie als Vorbild beschrieben – welche Lehrer konnten das damals schon von sich sagen? Die Prügelstrafe war noch erlaubt, die Pädagogik zielte auf Bevormundung. Doch an den Schulen gärte es bereits, viel früher als an den Universitäten.

Der frühere Studentenführer Rudi Dutschke im Oktober 1977, neun Jahre nach dem Mordanschlag auf ihn, im Festspielhaus in Recklinghausen. Nach dem Attentat musste Dutschke alles neu lernen.
Die 68er Drei Schüsse auf Rudi Dutschke und Unruhen in Frankfurt

Ein Hilfsarbeiter voller Hass wollte Dutschke töten. Die Studenten gaben der Springerpresse die Schuld an dem Anschlag.

clearing

Die heute entweder verklärte oder verteufelte 68er-Generation hatte ihre Vorläufer in den Schulen, meint Mathias Rösch, der Leiter des Nürnberger Schulmuseums. Schon in den 50er Jahren begehrten die Schüler gegen Eltern und Lehrer auf, aber meist noch sehr vereinzelt. Davon künden jetzt mehr als 100 Exponate im Frankfurter Museum für Kommunikation, darunter Schüleraufsätze, Abiturreden, Schülerzeitungen, Tagebücher, Dokumente aus den Schülervertretungen und Zeitungsberichte.

Gegen jegliche Autorität

„Klassen-Kämpfe. Schülerproteste 1968–1972“, lautet der Titel der Schau, die heute um 19 Uhr eröffnet wird und bis 22. Juli dauert. Der Titel spielt darauf an, dass die Klassenzimmer damals allerorten zu Kampfzonen gegen jegliche Autorität wurden. Doch nur ein Drittel der Schüler war aktiv, zwei Drittel waren desinteressiert, ließen sich aber zuweilen mobilisieren. Oder sie wandten sich, freilich selten, gegen ihre Kameraden.

Zu diesem Ergebnis kommt Rösch, nachdem er viele und lange Gespräche mit 35 ehemaligen Schülern geführt und das Material von 25 Schulen gesichtet hat. Eine Sisyphusarbeit, denn die meisten Schulen haben gar kein Archiv. Den größten Teil beigesteuert haben die inzwischen ergrauten Schüler, deren Material aber ähnlich lückenhaft ist wie ihre Erinnerung.

Die Forschung hat sich für die Schülerproteste bisher nicht interessiert oder lediglich sozialistische Aktivitäten beachtet. Doch Rösch geht es nicht nur um die politisch aktiven Schüler, er will alle Motive, Richtungen und Antriebsgründe abbilden. Damit steht er erst am Beginn einer langen Arbeit, auch wenn seine erhellende Schau gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt. 1968 ist, 50 Jahre danach, wieder in der Diskussion.

Die Ausstellung wendet sich vor allem an Schüler und ist teils auch von Schülern gemacht, mit vielen Beispielen aus Frankfurt und Nürnberg. Sie ist halb klassische Schau, halb Lernlabor für Klassen oder Einzelbesucher, die sich an Dokumenten und Zeitzeugenberichten in die alten Klassen versetzen können. Ein Zeitstrahl verweist auf Ereignisse von 1956 bis 1972, von Elvis Presley auf dem Titel des „Spiegel“ bis zum Radikalenerlass für den öffentlichen Dienst. Vom rockenden Hüftschwinger zum lehrenden Revoluzzer sind es also nur ein paar Schritte.

Aufarbeitung der Nazizeit

Nicht umsonst widmet sich die erste von acht Stationen den Rollenbildern. Schon 1956 bejahen Schüler in einem Aufsatz mit großer Mehrheit die Frage, ob auch Frauen arbeiten sollten – damals eine kleine Revolution. Direkt daneben schwärmt eine Schülerin 1959 von Florence Nightingale, die als britische Krankenschwester die westliche Pflege begründet und damit den Beruf für Frauen geebnet hat. Doch die Schülerin wollte, gegen den Willen ihres Vaters, selbst Lehrerin werden. Erst als zwei Lehrer sie unterstützten, konnte sie sich durchsetzen.

Doch hauptsächlich rieben sich die Schüler, ähnlich wie die Studenten, an der mangelnden Aufarbeitung der Nazizeit. Mit Grausen verfolgt man die Karriere des Darmstädters Hans Stark, der als junger SS-Unteroffizier in Auschwitz zahllose Häftlinge schikanierte oder brutal ermordete. Von 1953 an arbeitete er als Lehrer; seine unrühmliche Rolle als Nazi wurde erst viel später entdeckt, seine Verurteilung dauerte bis 1965.

Für viel Protest sorgte auch die Prüderie der Erwachsenen. Doch „Bienenkorb Gazette“, die Schülerzeitung der Frankfurter Elisabethenschule, durfte im Februar 1967 einen Fragebogen zum Thema Sex an 270 Schüler zwischen 15 und 17 Jahren verteilen. Aber dann brandete ein bundesweiter Sturm der Entrüstung auf, die Umfrage wurde nie veröffentlicht. Dafür ging der Fall durch alle Medien, mit Titeln wie „Die Pille unter der Schulbank“. Doch schon von 1973 an kehrte, dank vieler Bildungsreformen, wieder Ruhe an den Schulen ein. 1972 wurde die Prügelstrafe verboten und zugleich der Sexualkundeunterricht empfohlen. Mit der Liberalisierung erlahmten rasch auch die Proteste.

Museum für Kommunikation

Frankfurt, Schaumainkai 53.
Bis 22. Juli. Geöffnet Di bis Fr
9–18 Uhr, Sa und So 11–19 Uhr.
Eintritt 5 Euro. Telefon (069) 6 06 00. Internet www.mfk-frankfurt.de

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